Zeitung Heute : Der schiitische Halbmond

Die zweitgrößte Strömung des Islam erlebt eine Renaissance – der Iran will das für seine Zwecke nutzen

Clemens Wergin

Die Hisbollah bestimmt die Politik Libanons, die Schiiten haben die Macht im Irak übernommen. Warum fühlen sich die Sunniten gegenüber den Schiiten in der Defensive?


Eine Angst geht um unter den Sunniten des Nahen Ostens: Die Angst vor einem „schiitischen Halbmond“, der von Libanon im Westen bis zum Iran und Irak im Osten reicht und von Teheran angeführt wird. Das ist der Grund, warum am Anfang des Kriegs in arabischen Hauptstädten und arabischen Zeitungen so deutliche Kritik an der Provokation der Hisbollah gegen Israel geäußert wurde. Die Hisbollah wurde als Handlanger Irans, der schiitischen Vormacht in der Region, gesehen, die hier ein weiteres Mal seine Großmachtansprüche anmeldete und sich als ideologischer Bannerträger des islamischen Kampfes gegen Israel geriert. „Das ist unser Krieg“, titelte denn auch die ideologisch-konservative Zeitung „Kayhan“ in Teheran. Deshalb könnte auch stimmen, was israelische Zeitungen aus diplomatischen Quellen in Jerusalem berichteten: Dass Israel in der ersten Woche von manch arabisch-sunnitischem Regime signalisiert wurde, man sei über eine Niederlage der Hisbollah nicht traurig.

Wegen der grausamen Bilder aus dem Libanon haben nun aber auch moderate arabische Regime den Ton gegen Israel deutlich verschärft. Die strategische Analyse ist jedoch weitgehend dieselbe geblieben. Die Sunniten, die nach dem Sturz der schiitischen Fatimidendynastie in Ägypten (969–1171) die Politik in der Region beherrschten, fühlen sich seit dem Irakkrieg in der Defensive. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass mithilfe des Krieges gegen Saddam Hussein am Ende eine iranfreundliche, schiitische Mehrheit die Macht in einem Staat übernahm, der vorher zentraler Bestandteil des sunnitischen Lagers war.

Dieser Machtwechsel und die Tatsache, dass die etwa 140 Millionen Schiiten zwischen dem Libanon und Pakistan in den vergangenen Jahren wieder ungehindert zu den großen Heiligtümern im Irak pilgern konnten, hat zu einer schiitischen Renaissance in der Region geführt. Die etwa zehn Prozent umfassende, unterdrückte schiitische Minderheit in Saudi-Arabien ist so eifrig zu den dortigen Kommunalwahlen gegangen wie keine andere Gruppe des Landes. Unter dem sunnitischen Herrscherhaus in Bahrain leben ohnehin schon 75 Prozent Schiiten und im Libanon stellen Schiiten mit 45 Prozent ebenfalls die größte Bevölkerungsgruppe. Nun bricht Syrien, das von Alawiten regiert wird, die eine ähnliche Minderheiten- und Verfolgungsgeschichte erlebt haben wie viele Schiiten in der Region, aus seiner selbst verschuldeten Isolation aus und sucht das Bündnis zum Iran. Aus sunnitischer Sicht sieht das aus wie eine vom Iran dominierte Allianz, die eines Tages von Libanon, Syrien, Irak bis Iran und darüber hinaus reichen könnte.

In dieser sunnitischen Schreckensvision blitzt natürlich auch das schlechte Gewissen der Sunniten auf, die genau wissen, dass sie ihre jeweiligen schiitischen Minderheiten stets schlecht behandelt haben. Gefährlicher als ein unwahrscheinlicher Zusammenschluss der Schiiten in der Region dürfte aber die durch Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad betriebene Erneuerung der iranischen Revolutionsideologie sein. Schließlich hat der Iran schon in den 80ern versucht, über schiitische Minderheiten die Regime auf der anderen Seite des persischen Golfs zu destabilisieren. Fast wäre es Teheran 1981 gar gelungen, in Bahrain einen veritablen Coup zu inszenieren. Nicht nur die im Vergleich zum nördlichen Golfanrainer winzigen Golfscheichtümer fürchten deshalb erneute iranische Destabilisierungsversuche – besonders dann, wenn der Iran in ein paar Jahren über einen atomaren Schutzschild verfügen sollte.

Aber auch weiter entfernte Staaten wie Jordanien oder Ägypten haben Angst vor dem Einfluss der iranischen Radikalen. Mit der Unterstützung palästinensischer Terrorgruppen hat der Iran ja schon gezeigt, dass es keine Berührungsängste mit sunnitischen Extremisten kennt. Ähnliches gilt für die Kontakte, die der Iran nach Auskunft westlicher Sicherheitsdienste zu Al Qaida unterhält. Das Problem ist also weniger eine Renaissance der Schiiten in der Region, sondern die Tatsache, dass islamische Extremisten aller Couleur in Iran einen potenziellen Sponsor finden, der sie für seine Ziele einspannen möchte – so wie die Hisbollah.

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