Zeitung Heute : Der Schlägerjäger

Wie friedlich wird die Fußball-WM? Deutschlands oberster Hooligan-Fahnder ermittelt

André Görke

Michael Endler schiebt die schwarze Kaffeetasse beiseite und rückt den Bürostuhl näher an den Tisch heran. „Klischees sind das“, sagt Endler, „Klischees.“ Zur Fußball-WM sollen also Aufklärer der Bundeswehr über die Städte hinwegdonnern, Soldaten werden die WM-Stadien sichern. Und längst sehen Politiker in englischen und holländischen Hooligans die viel größere Gefahr als in Terroristen. „Ich halte nichts von Panikmache“, sagt Endler und schnauft einmal durch.

Michael Endler ist 52 Jahre alt, er hat die Zentrale Informationsstelle für Sporteinsätze aufgebaut, kurzum: die zentrale Hooliganfahnder-Behörde, die beim Landeskriminalamt in Düsseldorf angesiedelt ist. Heute ist er der Chef, Deutschlands oberster Schlägerjäger. Und aus den Akten in seinem Schrank geht hervor: England hat 3200 Hooligans die Ausreise zur WM verweigert. Bei der Europameisterschaft 2002 in Portugal kam es nicht einmal zur Auseinandersetzung. Und die holländischen Hooligans? Ach, sagt Endler, die sind untereinander so sehr zerstritten, dass sie sich bei Länderspielen nicht zusammenraufen. „Die sind 1988 das letzte Mal bei einem Länderspiel aufgefallen.“ Endler lehnt sich vor, greift den schwarzen Kaffee auf dem Tisch und nippt daran. „So sind nun einmal die Fakten“, sagt er, so, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass zwischen der echten und der gefühlten Gefahr eine gewisse Diskrepanz besteht.

Über Hooligans wird viel geschrieben. Kommt die Welt denn nicht nach Deutschland, in jenes Land, dessen Schläger den französischen Polizisten Daniel Nivel bei der Fußball-WM 1998 zum Krüppel prügelten? Sind fast alle Täter von damals nicht längst wieder frei? Und hat nicht mindestens einer von denen schon wieder brutal beim Fußball zugeschlagen? Sind denn nicht 7000 Männer in seinem Zentralrechner gespeichert, in der Datei „Gewalttäter Sport“? Endler nickt. Nur: Wenn alles so einfach wäre, müsste man wirklich nur einen Bundeswehr-Aufklärer hochjagen, dann bräuchte man ihn nicht. Vielleicht braucht man Ermittler wie ihn aber doch.

Düsseldorf, im Februar 2005: An einer Landstraße treffen sich am Nachmittag je 35 Hooligans aus Berlin und Düsseldorf zur Schlägerei. Ohne Anlass, die Klubs spielen gar nicht in einer Liga. Die Polizei merkt erst davon, als einige Düsseldorfer am Abend stark ramponiert in Krankenhäusern auftauchen.

Riesa, im März 2005: Der Kölner Sonderzug, der die FC-Fans zum Auswärtsspiel nach Dresden bringt, soll per Notbremse gestoppt werden. Draußen warten 50 Dresdner Schläger, am Handy hatten sie die Prügelei mit der Kölner Szene vereinbart. Die Polizei kann das Gespräch rechtzeitig abfangen.

Briesen, November 2005: In einer Waldlichtung nahe der Autobahn in Richtung Frankfurt an der Oder verabreden sich 50 Schläger der so genannten deutschen Nordost-Fraktion mit 50 Hooligans von Lech Poznan. Die Polen reisen im Bus an, wie auf einer Kaffeefahrt. Das LKA und Spezialeinheiten haben die Täter observiert, die Polizei kann die Personalien aufnehmen.

Drittortauseinandersetzungen. So nennen die Ermittler Schlägereien, die fernab der Städte stattfinden. Wie oft es zu diesen „Wald- und Wiesenschlägereien“ kommt, wissen die Ermittler nicht, sie sprechen auch nicht darüber. Endler kratzt sich am Bart und sagt, dass die Szene „zunehmend konspirativ“ agiert. Das heißt: Sie verabredet sich „diskret per SMS oder am Handy“, trifft sich in Industriegebieten, auf Wiesen oder Parkplätzen. An Orten, die rasch über die Schnellstraße zu erreichen sind.

Endler ist nicht besonders groß, er hat tiefe Augenringe, Falten, sein Haar ist ergraut. Er ist der Entscheider am Schreibtisch, „ein grundehrlicher, aber knallharter Rheinländer“. So beschreiben ihn andere Ermittler. Bei der Fußball-WM wird Endler, der gut als harter Herbergsvater mit feinem Witz durchgehen könnte, die Ermittler aus dem Ausland bei sich in den LKA-Büros einquartieren. In Neuss richten sie die WM-Zentrale der Hooligan-Fahnder ein, aus jedem der 32 WM-Länder reist ein Ermittler an. Und weitere 170 Polizisten aus dem Ausland bekommen aus Endlers Abteilung Mobiltelefone, Stadtpläne und ein Auto gestellt. Die begleiten ihre Fans durch Deutschland, viele Engländer tragen sogar die typische Bobby-Uniform.

Die örtlichen Ermittler bleiben lieber im Hintergrund. Man erkennt sie an den weiten Hosen, oft an den Bomberjacken, dem Knopf im Ohr. Sie stehen nah an ihrem Auto, sind durchtrainiert, tragen nie Turnschuhe. Jäger und Schläger kennen sich, manche grüßen sich mit Spitznamen. Das grobe Profil der deutschen Schlägerszene im Jahr der Fußball-WM sieht so aus: männlich, zwischen 18 und 30 Jahren alt, „weder alles Jura-Studenten, die den Ausgleich suchen, noch alles asoziale Alkoholiker“, sagt Michael Endler. Vielmehr sei es so, dass sie nüchtern sind, wenn es losgeht. Endler nennt das: „aktionsfähig bleiben“.

Sein Büro liegt an einer breiten Ausfallstraße in Düsseldorf. Das Gebäude ist verwinkelt, das passt gut zu den Ermittlungsmethoden der Polizei. Wenn Endler ein Detail nicht verraten will, dann grinst er. Und Endler grinst ziemlich oft. Die Ermittler seien auf „Informationshäppchen“ angewiesen, dann beginnt die Feinarbeit: Gefahrenbild erstellen, Gerüchte sammeln, observieren, in ganz konkreten Fällen werden Handys angezapft. Einfach ist das nicht, weil der exakte Treffpunkt erst Minuten vorher angegeben wird und die Rädelsführer wissen, wer mithört. Die Szene ist eng in Boxklubs und der Türsteherszene vernetzt, da muss die Polizei erst einmal ein Gerücht aufschnappen.

Doch der Rechner der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze in Endlers Büro wurde zuletzt auffällig oft gefüttert. Die Szene sucht das Publikum. Endler hat festgestellt, dass es bei Länderspielen im Ausland „einen starken Drang gibt, in die Lücken der Sicherheitssysteme zu stoßen und sich der Öffentlichkeit zu präsentieren“. Vor einem Jahr randalierten 250 Deutsche beim Länderspiel in Slowenien, im Herbst gab es Krawall in Bratislava, zuletzt auch in Italien. Im Internet kursiert eine Mail mit einem Foto, das einen grinsenden Gewalttäter in Bratislava neben dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily zeigt. Dieser hatte sich massiv für ein Ausreiseverbot deutscher Hooligans eingesetzt.

Die polnische Szene wird kommen, auch die tschechische. Um die Einreise zu erschweren, werden die Ermittler ab morgen in Berlin bei der WM-Sicherheitskonferenz präventive Maßnahmen beschließen; Michael Endler wird natürlich auch dabei sein.

Die deutschen Schläger kann niemand ausweisen. Die Polizei kann nur an vielen Wohnungstüren klingeln, eindringliche Gespräche führen, die Männer beobachten und Bereichsbetretungsverbote verordnen. Die Ermittler werden sagen: „Pass auf, Anpfiff ist um 21 Uhr, du hast von morgens bis drei Uhr nachts nichts am Olympiastadion zu suchen und auch nichts am Bahnhof Zoo. Wenn du dagegen verstößt, musst du zahlen, okay?“ So erzählt das Endler. Er nippt noch einmal am Pott und stellt die leere Tasse auf den Tisch. So könnte es was werden, mit einer friedlichen WM.

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