Zeitung Heute : Der Schlaf gebiert Ungeheuer

Trauer, Fassungslosigkeit und neue Gewalt: Am Wochenende brannte es in ganz Frankreich – zum ersten Mal auch mitten in Paris

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Langsam füllt sich der Saal im Rathaus von Clichy-sous-Bois. Es ist Samstag. In den Straßen der nördlich von Paris gelegenen Stadt, in der die Krawalle, die Frankreich seit über zehn Tagen in Atem halten, ihren Ausgang nahmen, herrscht wieder Ruhe. Respektvoll machen die Anwesenden, die der Einladung des Bürgermeisters zu dieser Sitzung gefolgt sind, den Eintretenden Platz. Sie bleiben stehen, sehen sich unsicher um und lehnen den Kaffee, den man ihnen anbietet, dankend ab. Würdevoller Ernst zeichnet ihre Gesichter. Es sind die Eltern der beiden Jugendlichen, des 17-jährigen Ziad und des zwei Jahre jüngeren Bouna, deren Tod am Nachmittag des 27.Oktober die Unruhen ausgelöst hat. Mit Angehörigen und Freunden sind sie gekommen, um noch einmal einen Appell an die Aufrührer zu richten, zur Ruhe zurückzukehren. „Wir fordern die Jugendlichen auf, in ganz Frankreich den Frieden wiederherzustellen“, sagt der Vater Bounas. Seine Familie kam 1938 aus Afrika nach Frankreich, wo er 1972 geboren wurde. „Meine Trauer ist zweifach“, schließt sich der Vater Ziads an. „Ich habe meinen Sohn verloren“, sagt der etwa 50-jährige Mann algerischer Herkunft. „Es ist genug Schaden angerichtet worden, es nützt niemandem, Autos anzuzünden.“

Im benachbarten Aulnay-sous-Bois, in dem anders als in Clichy die Unruhen nicht abgeflaut sind, wird an diesem Samstag die „Marseillaise“ gesungen. Der dortige Bürgermeister hat zu einer Demonstration gegen die Gewalt aufgerufen, der etwa 500 Bürger gefolgt sind. Ein Feuerwehrwagen, der seinen Weg sucht, wird mit Beifall bedacht.

Auch in Epinay-sur-Seine kommen die Menschen zu einem Schweigemarsch zusammen. Er gilt Jean-Claude Ivroas, dem Angestellten eines Unternehmens, das die Stadt mit Straßenlampen ausgerüstet hat. Als er am Nachmittag des 27.Oktober Fotos von den installierten Laternen für einen Werbekatalog machen wollte, wurde er in Gegenwart seiner Frau und seiner Tochter von Jugendlichen angegriffen und zu Tode geprügelt. Kein Passant kam ihm zur Hilfe. Zwei der drei Täter, die auf Grund von Videoaufnahmen identifiziert wurden, wurden festgenommen, der dritte ist flüchtig. Laut Polizei soll es sich um Dealer handeln, die vermutlich ihr Terrain verteidigen wollten. „Madame, wir können nicht verstehen, wie es zu so etwas kommen konnte“, wendet sich der Bürgermeister an die Witwe.

Er drückt aus, was Millionen Franzosen nicht verstehen können, seit sie die Fernsehbilder von den Gewaltszenen sahen. In der Nacht zum Sonntag erreichte der Vandalismus seinen Höhepunkt. Außer in den schon zu notorischer Bekanntheit gekommenen Vorstädten brannten auch wieder Autos in der Provinz sowie erstmals mitten in Paris. Über tausend abgefackelte Autos meldete die Generaldirektion der Polizei in Toulouse, Marseille, Avignon, Nantes, Montauban, Nizza, Cannes, Lille und Tourcoing, in der Region Ile-de-France und in vier Pariser Stadtbezirken. Zu schweren Ausschreitungen kam es in Evreux in der Normandie, wo ein Einkaufszentrum, ein Postamt und zwei Schulen angegriffen wurden. In Grigny im Departement Essonne, in dem Innenminister Nicolas Sarkozy am Samstagabend die Einsatzzentrale der Polizei aufsuchte, brannten zwei Schulen und ein Kindergarten ab. Im benachbarten Athis-Mons zündeten Randalierer ein Heim für obdachlose Einwandererfamilien an. Die Polizeikräfte im Pariser Umland wurden auf 2300 Mann verstärkt. Es gab 186 Festnahmen, einige Verletzte.

Für viele Franzosen ist das Erstaunen über dieses Ausmaß an Gewalt umso größer, als sie jetzt auch Informationen über die alltägliche Gewalt in ihren Städten zur Kenntnis nehmen können, die bisher von den Medien allenfalls unter „Verschiedenes“ berichtet wurden und daher nur wenig Aufmerksamkeit fanden. Jetzt wirken sie wie eine Sensation. Auf etwa 90 beläuft sich die Zahl der Autos, die jede Nacht irgendwo in Frankreich ein Opfer der Flammen werden – 28000 sind es seit Anfang 2005 gewesen. Auch die anderen Zahlen sind beeindruckend: 17500 angezündete Müllcontainer, 5760 zerstörte Bushaltestellen, Telefonzellen und andere städtische Einrichtungen und 3832 Angriffe auf Polizei oder Feuerwehr. Als häufigste Schauplätze solcher Gewaltakte, zu denen auch Bandenkriege Jugendlicher gezählt werden, werden der Norden der Pariser Vorstädte sowie die Ballungsgebiete von Lille und Marseille genannt.

Um dieses Gewaltpotenzial massiv zum Ausbruch zu bringen, bedurfte es nur noch eines Anlasses und einiger Fehler der Verantwortlichen: Die Todesfälle Ziads und Bounas, deren Umstände umstritten sind, die pauschale Verurteilung der Randalierer als „Abschaum“ durch Innenminister Sarkozy, der nichts bereut und weiter mit dem Knüppel droht, die Tränengasgranate in der Moschee von Clichy, über die sich immer noch kein Politiker entrüstet hat, und die Schnellverfahren, in denen vor dem Tribunal in Bobigny junge Leute als mutmaßliche Gewalttäter abgeurteilt wurden, ohne dass die Beweislage in jedem Fall überzeugend erschien.

Doch diese Verfahren hatten immerhin den Vorteil, einen Einblick in das Schicksal einer Jugend zu gewähren. Statt Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit kennen sie vor allem Hoffnungslosigkeit. Der 18-jährige Magid zum Beispiel lebte nach dem Tod seiner Mutter in vier verschiedenen Pflegefamilien. Er scheiterte in der Schule und hoffte auf eine Stelle als Küchengehilfe. Auch Xavier, 18, versagte in der Schule. Er geriet auf die schiefe Bahn und hatte schon früher mit der Polizei Bekanntschaft gemacht, ebenso wie der gleichaltrige Claude, der die Schule früh ohne Abschluss verließ und auf einige Vorstrafen wegen Diebstahl zurückblickt

Der Werdegang dieser der Polizei bei den Unruhen in die Hände geratenen Jugendlichen mag als typisch für viele ihrer Altersgenossen in den Vororten gelten: schwierige Familienverhältnisse, soziale Probleme durch Arbeitslosigkeit der Eltern, katastrophale Wohnverhältnisse, Scheitern in der Schule, keine Aussicht auf eine Berufsausbildung oder Arbeit und am Ende Konflikte mit der Justiz. „Die Jungen weichen aus ihrem beengten Zuhause auf die Straße aus“, erklärt der Soziologe Gérard Mauger, „dort gammeln sie herum und schließen sich zu losen Gruppen zusammen.“ Das führe nicht zwangsläufig zur Delinquenz. Doch manche glitten ins „Business“ ab, in den Handel mit gestohlenen Zigaretten oder Drogen. „Häufige Identitätskontrollen durch die Polizei, durch die sich die jungen Leute diskriminiert fühlen, weil sie von den Beamten nur wegen ihres Aussehens festgehalten und oft auch noch als dreckige Araber beschimpft werden, wenn sie widersprechen, tragen dazu bei, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und den Graben zur Gesellschaft zu vertiefen.“ Younes Amrani, ein Sozialarbeiter, der sich aus eigener Kraft aus Ghetto-Verhältnissen in Lyon hochgearbeitet hat und dort nun Jugendliche betreut, sagt: „Noch heute bekomme ich Angst, wenn ich Uniformen sehe.“

Es gibt kriminelle Banden in den Vorstädten, deren Anführer schnelle Autos fahren und wegen ihres Erfolges auch Bewunderer finden. „Doch dass die Unruhen von einem mafiaartigen Netz geschürt würden, ist einfach falsch“, sagt Mohammed Rezzoug, ein Sozialarbeiter in Blanc-Mesnil. Derselben Meinung ist der Soziologe Laurent Mucchielli. „Der Aufruhr ist spontan, die Theorie eines Kriegs organisierter Banden hat keine Grundlage“, sagt er. Gestützt auf Polizeiberichte über das Vorgehen von Randalierern hatte, Innenminister Sarkozy diese Theorie vertreten und auch am Wochenende in einem Beitrag für „Le Monde“ verteidigt: „Unsere Strategie ist die richtige.“ Sein hartes Auftreten hat ihm beim Publikum bisher nicht geschadet. 57 Prozent der Befragten bescheinigen ihm in einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage eine gutes Image.

Wie irrational die Situation geworden ist, zeigt das Erlebnis des Bürgermeisters von Stains, Michel Baumale. Als er vergangene Woche auf der Straße mit einer Gruppe von Jugendlichen diskutierte, zündete einer hinter seinem Rücken sein Auto an. Wie er sind viele seiner Amtskollegen der Meinung, dass der Staat sich zurückgezogen hat. Vor allem die Mittel für Vereinigungen, die im Auftrag der Stadtverwaltungen Sozialarbeiter und Mediatoren beschäftigten, seien gekürzt worden.

Schnelle Änderung ist nicht in Sicht. Und so werden viele Bürgermeister mit ihren Mitarbeitern wohl noch weiter Tag und Nacht auf den Beinen sein, um Schäden zu besichtigen und das Schlimmste zu verhüten. Für Jean-Jacques Le Chenade kommt jedoch aller Einsatz zu spät. Der 61-Jährige war am Freitagabend vor seinem Haus in Stains zusammengeschlagen worden, als er mit einem Nachbarn die Mülleimer in Sicherheit brachte. Seitdem liegt er im Koma.

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