Zeitung Heute : Der Schlechte-Laune-Funk

Urban Media GmbH

Von Patrick Goldfein, Tel Aviv

Nathan Zahawi kann sich nicht zurückhalten. Er sitzt in einem Radiostudio, am Rande von Tel Aviv, wo die Stadt in gesichtslose Industriegebiete ausfranst, und seine Kiefer mahlen. Sein Gesicht ist rot, er vergisst die Zigarette in seinem Mund. Als er sich zum Mikrofon beugt, fällt Asche aufs Pult. „Scheiße“, faucht er, und meint damit den zugeschalteten Anrufer. Es ist einer von denen, die Zahawi verabscheut: „Scharon ist ein Feigling“, schimpft der Mann auf den israelischen Premierminister. „Wir müssen jeden einzelnen Palästinenser erledigen, damit die Bombenanschläge aufhören.“ Zahawi schüttelt wütend seinen Kopf mit den langen, grauen Haaren: „Das ist ein sehr guter Vorschlag“, flötet er ironisch. „Wir töten noch mehr Palästinenser, dann töten sie noch mehr von uns, bis keiner mehr übrig ist.“ Der Anrufer verstummt. Dann antwortet er: „Die Araber verstehen nur eine Sprache: Gewalt.“ Zahawi schreit ins Mikrofon: „Für solche Ansichten ist mir meine Zeit zu schade – Werbung!“ Er zündet sich eine neue Zigarette an.

Der 55-Jä hrige ist der Star im israelischen Radio. Die Leute lieben seine kompromisslose Offenheit und reiben sich an seinen linken Ansichten – in einer Zeit, in der Israel von einem Rechtsruck erfasst ist. Die Mehrheit der Israelis gibt Jassir Arafat die alleinige Schuld am Beginn der Intifada und an den Selbstmordanschlägen. Zahawi schenkt der Volksseele vier Mal in der Woche im Sender „Radio ohne Pause“ ein offenes Ohr. Manchmal fühlt er sich wie der seelische Mülleimer der Nation, aber er hat Verständnis für seine Anrufer. „Wir sind ein Land von sechs Millionen Menschen und genauso vielen Premierministern. Jeder weiß, wie der Konflikt mit den Palästinensern gelöst werden muss. Und die Hä lfte von ihnen ruft bei mir an.“ Doch die Radioshow „Zahawi regt sich auf“, ruiniert seine Gesundheit: Vor seinen drei Stunden „on air“ raucht er eine Schachtel Zigaretten, während der Sendung die zweite und bis zum Schlafengehen die dritte und vierte. Andererseits hat er dafür, dass er den Leuten zuhört, im letzten Jahr den „Sokolov“- Preis bekommen, den israelischen Medien-Oscar.

Das Radio spielt im Leben der Israelis eine wichtigere Rolle als anderswo: Ob zu Hause, bei der Arbeit oder im Linienbus – immer läuft es. Aktualität hat oberste Priorität in einem Land, in dem jeden Tag eine Bombe explodieren kann. In keiner anderen Radiosendung geht es aber so heiß her wie bei Zahawi: Krieg oder Frieden, Land besetzen oder zurückgeben. Nirgendwo wird so viel geschrien und geflucht. „Die Israelis lieben meine Sendung, weil hier offen ausgesprochen wird, was in diesem Land alles Scheiße ist“, sagt Zahawi. „Jeden Tag fliegen Leute in die Luft, die Wirtschaft ist am Ende, und viele können ihre Mieten nicht zahlen, weil der Dollarkurs steigt und die Mieten hier in Dollar berechnet werden.“ Bei Zahawi beginnt deshalb jede Woche mit dem „Scheiße-Lied“. Eine Band singt im Chor: „Sonntag scheiße, Montag scheiße, Dienstag scheiße…“

Pro Sendung kommen ungefähr 15 Anrufer zu Wort. Ein Mann bietet heute an, die Verhandlungen mit Arafat selbst zu führen. „Zahawi, gib mir 48 Stunden mit Arafat, und ich bring uns den Frieden.“ Eine Anruferin sagt daraufhin, ihr würde dazu schon eine einzige gemeinsame Nacht mit Arafat reichen. Zahawi lacht. Für einen Moment scheint es so, als sei seine schlechte Laune über den traurigen Alltag in Israel vergessen.

Vielleicht wäre es klüger, sich von der Politik nicht das Leben verderben zu lassen? Während einer Musikpause, sagt Zahawi: „Das ist meine Heimat, ich habe keine andere. Ich muss mich einmischen, und ich glaube, meine Sendung öffnet manchen da draußen die Augen.“ Das Lied klingt aus, Zahawi lehnt sich vor zum Mikrofon, und schon ist er wieder wütend. Ein Israeli ruft an aus Düsseldorf und schlägt vor, eine Mauer nach Berliner Vorbild zu bauen, um Israelis und Palästinenser voneinander zu trennen. Zahawi schreit ihn an: „Du meinst also, du kannst uns Ratschläge geben. Kommst du dann auch her, um die Mauer selber zu bauen?“

Zahawi selbst hat keine Patentrezepte parat. Er befürwortet einen einseitigen Rückzug der israelischen Armee aus den besetzten Gebieten – auch ohne Friedensabkommen. „Gebt den Palästinensern heute ihren Staat, dann haben wir Ruhe“, sagt er. „In 50 Jahren, wenn die Wunden auf beiden Seiten verheilt sind, können wir wieder verhandeln.“ Bis dahin will er seine Mitmenschen aus ihrer Lethargie reiß en. Denn die meisten hätten sich mit, Bomben, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise abgefunden.

Zahawi weiß, wovon er spricht. Als Jugendlicher ist er in Armut aufgewachsen. „Ich hatte nicht mal Geld fürs Kino.“ In den 70er Jahren war er für drei Monate im Gefängnis, wurde aber aus Mangel an Beweisen freigelassen. Diese Zeit hat Spuren hinterlassen: Weil in seiner Zelle die ganze Nacht eine Neonröhre brannte, verabscheut er seitdem Licht. Und das in einem Land wie Israel, wo die Sonne fast jeden Tag scheint. Zahawi verlässt das Haus nie ohne eine dunkle Brille.

Es ist kurz vor 14 Uhr, die Sendung ist bald zu Ende. im Hintergrund spielt das Lied „Je t’aime“. Zahawi liest eine Statistik über das Sexualleben israelischer Frauen vor. „70 Prozent sehen sich gerne Pornos an. 50 Prozent hatten schon einmal einen One-Night- Stand.“ Zahawi seufzt. „Ach, wäre es nicht schön, wenn wir uns nur noch diesen Dingen widmen könnten?“

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