Zeitung Heute : "Der schmutzige Daumen": Man kann nur als Tobsüchtiger anfangen

Hans-Peter Kunisch

Albrecht Fabri ist ein Geheimtipp. Schade, denn er verdient mehr, als dass eine Handvoll Feuilletonisten ihn immer mal wieder lobend erwähnt. Doch jetzt könnte er endlich berühmt werden. Seit einigen Monaten gibt es eine 756 Seiten dicke Auswahl: Gesammelte Schriften in einem Band. Wie? 756 Seiten? Nur? Muss ein ziemlich unproduktiver Mann gewesen sein: 1911 geboren, 1998 gestorben. 87 Jahre - und das soll alles sein? Albrecht Fabri war kein Schriftsteller - und doch. Er war Feuilletonist, schrieb für Zeitungen, Zeitschriften, ab und zu erschienen Essay-Bände. Wenig, ja, aber fast alles ist gut. Da kann einer denken und formulieren: 1951 schrieb er drei "Varianten über ein Wort". Eines der Wörter war "Das Normale". Doch "was man so nennt, macht nicht etwa die Norm sichtbar, es verschweigt und boykottiert sie vielmehr".

So geht das oft bei Fabri: Sprachanalyse geht über in steile Schlüsse: Was "den Menschen angeht", heiße "die Norm doch wohl", dass der Mensch "schöpferisch" sei. "Maler und Dichter", so Fabri, sind also "normaler" als der Bürger: "Der Bürger lebt exzentrisch, nämlich abseits des zentralen Impulses, der den Menschen zum Menschen macht; der Bürger ist der anthropologische Rentner." Und weiter: "Es gibt zwar alle möglichen Gebote, aber soviel ich weiß keins, das befiehlt: Sei mittelmäßig: Nicht in Sancho Pansa, sondern in Don Quijote leuchtet die Norm auf. Normal ist das Geniale".

Fabri spitzt immer zu: "Man kann nur blind, verzweifelt, als Tobsüchtiger anfangen". Und gleich darauf der Kontrapunkt: "Genausowenig, wie ich auf einem schon beschriebenen Blatt schreiben kann, kann ich auf einem noch nicht beschriebenen schreiben. Also: Kaffee über das Blatt schütten, einen Fett oder Tintenfleck darauf machen, kurz, es so oder so verderben..."

Verderben ist wichtig, nicht nur beim Anfang, auch am Schluss. Denn alles, was hübsch ist, ist schlecht, weil es fad ist, nur das Gelungene anzuglotzen. In Titelessay von "Der schmutzige Daumen" geht es um Malerei. Er sei "recht gut", sagt ein Maler über den Aufsatz eines andern, "allerdings fehle auch ihm, fügt er hinzu, was A. immer fehle: Der schmutzige Daumen." A., sagt D., arbeite an allem "ein wenig zu lange" oder in seiner Schrift sei "ein Buchstabe wie der andere" oder seine Zeichnungen seien "gleichsam eine Nuance zu weiß (...) So ist es zwar untadelig, aber das genügt nicht". "Montaigne und der Essay", "Sinn und Unsinn des Possessivpronomens", "Apercu über die Plastik" oder "Alexander Calder": So heißen Fabris Themen. Wogegen er sich immer wehrte, das war des Herantragen von Forderungen an ein Kunstwerk: "Archimedischer Punkt der Kritik kann jedenfalls nicht eine Sammlung von Prinzipien sein, sondern nur das sich ständig verlagernde Taifunzentrum der Kunst".

Fabri publizierte früh. 1933 zum Beispiel. Schrieb über Wagner mit 22. Und wenn man sich vor Augen hält, was damals Köpfe wie Benn oder Heidegger dachten, dann ist es schon erstaunlich, wie klar Fabri 1933 in der Zeitschrift "gegner" angesichts der Wagnerfeierlichkeiten von Deutschnationalismus, NS-Regimes, Wagners "Hohlheit" und "Lüge" feststellt. Gegenbeispiele sind: Strawinsky, Schönberg, Hindemith.

"Dass ich mit diesem Aufsatz mit heiler Haut davon gekommen bin", hat Fabri einmal gesagt, "wundert mich noch heute". Danach wurde er braver, schrieb im "Inneren Reich" literarisch über Stifter, im "Hochland" über in der Schweiz erschienen "Briefe von Cézanne". Weder anti- noch pronationalsozialistisch: ein innerer Emigrant der Form. Im Rundfunk konnte er bis 1937 publizieren.

Ab 1939 zuerst Soldat, dann "1a-Schreiber (ohne Dienstrang) in einem Divisionsstab". Fabri war kein Held, an Widerstand scheint er nie gedacht zu haben, aber auch die anfangs recht peinlich volksumfassende Begeisterung für Hitler scheint Fabri sympathischerwiese fremd gewesen zu sein. Nach dem Krieg publizierte er viel im "Merkur", in "Sprache im technischen Zeitalter", noch 1994 im "Schreibheft". 1962 schrieb er, Jahre vor Handke, "Ich lebe im elfenbeinernen Turm", ein Text, der ihn wohl nicht nur politisch ganz gut charakterisiert.

"Ich bin apolitisch", "Ich bin reaktionär" schreibt er da provozierend, weil er sich nicht zu "Atomwaffen" ja oder nein äussern wolle. Vorher müsse wohl, meint Fabri, die Frage geklärt werden: "ob man sich nämlich Generäle hält oder das Rezept der Bergpredigt praktiziert. Ein durchaus realistisches Rezept übrigens". Was die Apolitischen provoziert haben dürfte. Der "Elfenbeinturm" sei im übrigen die einzige Form für "Nonkonformismus", die "keine Maske ihres Gegenteils ist", und darum "der einzige Ort, wo tatsächlich noch etwas geschieht. Unmöglich zum Beispiel, "in ihm darüber nachzudenken, ob man SPD wählen soll oder CDU. Eine Wahl, das setzt doch zuerst die Offerte einer Alternative voraus".

Wie gut und bösartig zugleich Fabri als Berufskritiker war, sieht man sehr schön an einer 1956er Rezension von Ernst Jüngers kommentierter Übersetzung des Franzosen Rivarol: "Ernst Jünger und Rivarol". Tatsächlich gelingt es Fabri, dem "großen Stilisten" Jünger eins überzubraten. Der Kommentar, eine immerhin siebzig Seiten lange "Studie", wird vorgeführt. Allein die mitleidlose Genauigkeit, die Fabri demonstriert, wenn es darum geht, Jüngers schwatzhaft wiederholenden Gebrauch des lobenden Wörtchens "tief" als Beispiel für die oberflächliche Auseinandersetzung mit dem französischen Schriftsteller aufzuzeigen, ist einen Preis wert. Umso bewundernswerter wirkt dann, wie Fabri Jüngers schwafelfreie Übersetzung loben kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!