Zeitung Heute : "Der schöne Tag": Vor Sonnenaufgang Im Forum

Daniela Sannwald

Noch schläft er und weiß nichts von der Entscheidung, die sie - vielleicht gerade im Moment - trifft. Sie steht für einen Moment nachdenklich am Fenster, bevor sie, ohne noch einen Blick auf ihn zu werfen, die Wohnung verlässt. Ein Sommertag hat begonnen; und Deniz, die junge Heldin dieses Films, läuft durch Berlin - so wie sie es an diesem Tag noch häufig tun wird.

Der Film begleitet sie einfach: zu ihrer eigenen Wohnung, an ihren Arbeitsplatz, in ein Café. Zu ihrer Mutter, zu einer Casting-Agentur, in den Tiergarten, zum Bahnhof Zoo, wieder in den Tiergarten und schließlich nach Hause. In den kurzen Pausen zwischen den langen Phasen der Bewegung synchronisiert Deniz einen französischen Film und beendet die Beziehung zu ihrem Freund. Sie plaudert mit ihrer Mutter und lernt Diego kennen. Sie trifft ihre Schwester auf der Durchreise und führt dann bis zum Morgengrauen Gespräche mit Diego. Dann beginnt ein neuer Tag.





Es passiert also nichts in diesem Film, der trotzdem und gerade deswegen zu den schönsten des diesjährigen Forums gehört. Wie schon in seinem letzten Film "Dealer" arbeitet Thomas Arslan mit einem Konzept formaler Strenge, ja Kargheit: Details, in denen sich der Blick verlieren könnte, gibt es nicht. Wieder sind die Farben klar und leuchtend, die Interieurs auf das Nötigste reduziert. Aber während sie in "Dealer" trotz des Sommerlichts kalt wirkten und Berlin eine bloße Ansammlung disparater Orte zu sein schien, zeigt "Der schöne Tag" eine wärmere, freundlichere und zusammenhängende Stadt.

Es wird wenig gesprochen, aber die Figur der Deniz (Serpil Turhan), auch wenn sie äußerlich unbewegt bleibt und aufrecht, gefasst und nicht zu schnell geht ihrer Wege geht, füllt mit ihrer hohen Präsenz die Leinwand aus. Am deutlichsten wird das in einer Casting-Szene: Sie soll von einem Film erzählen, der sie beeindruckt hat. Sie sitzt vor einer leuchtend blauen Wand und schaut frontal in die Kamera. Sie sagt nichts. Als sie zu sprechen beginnt, geschieht das in Form eines Berichtes. Unbeteiligt, aber ausführlich schildert sie die Handlung des Films, fast leiernd. Und trotzdem ist man gespannt, wie es weitergeht und was sie daran interessiert haben könnte.

Thomas Arslan lässt Deniz ohne jedes Gepäck durch Berlin streifen; Geld und Zigaretten hat sie einfach in die Taschen ihrer Jeans gestopft. So ist sie ganz unbelastet - und aufmerksamer ihrer Umwelt gegenüber. Nichts kann sie ablenken von ihrer Suche, die womöglich doch eine Suche nach dem Glück der Liebe ist.

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