Zeitung Heute : DER SCHRANK

von Großonkel Wilhelm

Eigentlich war der Mann gar nicht aus meiner Familie. Es handelte es sich um einen Verwandten der Freundin meiner Mutter. Aber seit jenem Tag, an dem ich mein Erbe bei ihm antrat, fühlte ich mich ihm verbunden. Und jedem, der fortan nach ihm fragte, habe ich ihn als meinen Großonkel Wilhelm vorgestellt.

Als Wilhelm starb, war ich 19 und im Begriff, meine erste eigene Wohnung zu beziehen. „Dein Junge hat doch nichts“, sagte die Freundin meiner Mutter, „vielleicht findet er dort etwas, das er brauchen kann.“ So kam es, dass ich Onkel Wilhelms Neuköllner Wohnung betrat. Es war mir ein bisschen unangenehm. Aber schließlich packte ich ein paar Zentner Kohlen ein, ich hatte damals Ofenheizung, nahm zwei Papiermanschetten an mich und einen papierenen Stehkragen, so etwas hatte man vor dem Ersten Weltkrieg benutzt, um aus einem gewöhnlichen Hemd ein gutes zu machen. Außerdem die dazu passende Fliege, eine alte Gewerkschaftsnadel und Wilhelms Zylinder aus mit Nadelfilz bespannter Pappe, noch verpackt in der Schachtel einer Kreuzberger Manufaktur. Und dann war da noch der Küchenschrank.

Wilhelms Küchenschrank dürfte so 60, 70 Jahre alt gewesen sein. Er war mal weiß lackiert, inzwischen hatte er die Farbe von Elfenbein. Er bestand aus einem Unterschrank mit zwei Türen und einem Aufsatz mit bleiverglasten Fenstern. Eines war gesprungen. An der Seite war eine Kaffeemühle mit Handkurbel.

Das ist jetzt über 30 Jahre her. Wilhelms Schrank hat mich in alle meine Wohnungen begleitet. Vor 20 Jahren habe ich mal versucht, ihn abzubeizen, das ist nur teilweise gelungen und hat ihn nicht schöner gemacht. Aber wann immer jemand darauf drang – zum Beispiel meine Frau –, ich möge mich doch von diesem alten Teil trennen, habe ich auf stur geschaltet. „Nö“, habe ich gesagt, „eines Tages arbeite ich den fertig auf, sollst mal sehen, was das für ein Prunkstück ist.“ Ehrlich gesagt fürchte ich, dass das Holz dafür viel zu schlecht ist. Doch das ist schon lange nicht mehr wichtig. Wilhelms Schrank ist längst Teil meiner Geschichte. Eines Tages werde ich ihn vererben.Andreas Austilat

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