Zeitung Heute : Der Schrecken zeigt sich

Al Qaida ist zu einem Label für weltweiten Terror geworden – doch ihr Führer bin Laden ist schwach

Frank Jansen

Terroristenführer Sarkawi meldet sich mit einem Video, Al-QaidaChef bin Laden mit einem Tonband und auf Sinai wird eine Serie von Anschlägen verübt. Besteht ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen?


Der Emporkömmling imitiert den Guru. Wie Abu Mussab al Sarkawi da sitzt und mit erhobenem Zeigefinger den USA und Iraks Sicherheitskräften droht, erinnert an alte Aufnahmen von Osama bin Laden. Es fehlt auch nicht die Kalaschnikow, das Sturmgewehr steht rechts neben Sarkawi an der Wand. Bin Laden ließ sich mit einer ähnlich drapierten Kalaschnikow ablichten. Sarkawi hat jedoch den Al-Qaida-Chef in dem seit Dienstagabend im Internet kursierenden Video nicht nur imitiert, sondern sogar übertrumpft. Während der arabische TV-Sender Al Dschasira am Wochenende nur eine Tonbandbotschaft bin Ladens ausstrahlen konnte, präsentiert sich Sarkawi nun mit einem 34 Minuten langen Film. Schon diese Details verraten: Der im Irak wütende Jordanier sieht sich auf Augenhöhe mit bin Laden. Wenn nicht darüber.

In diesen bizarren Wettlauf um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit platzen nun die Anschläge auf dem Sinai. Am Montag erschüttern drei Explosionen den Badeort Dahab, am Mittwoch folgen zwei Selbstmordattentate vor einem Stützpunkt der multinationalen Friedenstruppe nahe der ägyptischen Grenze zum Gazastreifen. Das sieht nach einer großen Verschwörung aus. Als habe bin Laden mit seinen Tonbanddrohungen die Attentäter von Dahab motiviert, Sarkawi im Video die Tonlage noch verschärft – und dann sprengen sich die nächsten heiligen Krieger in die Luft. Doch solche Spekulationen gehen an der Realität vorbei. Die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen der letzten Tage sind komplizierter. Sicherheitsexperten äußern jedenfalls unisono: Eine direkte Verbindung zwischen bin Ladens Tonband, Sarkawis Video und der Anschlagsserie in Ägypten ist erst einmal nicht zu erkennen.

Außerdem bleibt offen, wer hinter den Attentaten steckt. Auch nach den vorangegangenen Anschlägen auf der Halbinsel, 2004 gegen Hotels in Taba (mindestens 34 Tote) und 2005 in Scharm al Scheich (mindestens 64 Tote, kurz darauf wurde eine norwegische Soldatin nahe Gaza bei einer Bombenexplosion verletzt), konnte die ägyptische Polizei die Täter nicht ermitteln. Auffällig ist allerdings, dass die Sinai-Attentate eine Parallele aufweisen: Mehrere Detonationen werden gleichzeitig oder in kurzem Abstand ausgelöst. Das ist die klassische Handschrift des Al-Qaida-Terrors, mit dem grausigen Höhepunkt der vier Selbstmordflüge des 11. September 2001.

Aber Al-Qaida-Modus bedeutet nicht zwingend, dass auch Al Qaida beteiligt ist. Zu vermuten ist eher, dass militante Islamisten in Ägypten und anderswo die Taktiken von Al Qaida demonstrativ imitieren oder auch den Namen der Terrororganisation nutzen, um ein Label des globalen Schreckens zu etablieren. Durchaus im Interesse bin Ladens – so wird kaschiert, dass er von seinem unsicheren Versteck im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aus kaum mehr vermag, als guruhaft seine Jünger zu inspirieren.

Wie das zynische Spiel mit dem „Markennamen“ Al Qaida läuft, zeigte sich auch nach den Anschlägen in Madrid und London. Zu den Attentaten in der spanischen Hauptstadt im März 2004 bekannte sich ein „Sprecher des militärischen Flügels der Anhänger von Al Qaida in Europa“ – obwohl unabhängige Dschihadisten (heilige Krieger) agiert hatten. Nach den Anschlägen in London strahlte Al Dschasira ein Video aus, in dem einer der Selbstmordattentäter den Westen beschimpft. Dann gab es einen Schnitt und es folgte ein Auftritt des Vizechefs von Al Qaida, dem Ägypter Aiman al Sawahiri, der sich zu den Anschlägen in London äußert. Die britische Polizei glaubt an ein tückisches PR-Manöver – bei den Attentaten habe Al Qaida nur zugeschaut.

In dem Psychokrieg mischt vom Irak aus Sarkawi mit. So hieß es in einem grausigen Video im Mai 2004, er sei der Vermummte, der den entführten Amerikaner Nick Berg enthauptet. Es folgten Tonbandbotschaften, in denen die USA und die Schiiten im Irak bedroht werden. Im neuen Video zeigt sich Sarkawi als Kämpfer, mit Waffen und Anhängern. Dass er auch dem fernen „Emir“ bin Laden huldigt, nach monatelanger Abkehr, halten Experten für einen Mix aus werbewirksamer Nutzung des Al-Qaida-Labels und Heuchelei. Die Al-Qaida-Spitze hatte Sarkawis Feldzug im Irak wegen übermäßiger Brutalität kritisiert, ohne erkennbare Folgen. Doch Sarkawi gerät zunehmend in Konflikt mit irakischen Stämmen, die den mörderischen Ausländer loswerden wollen. Das Video könnte also eine doppelte Funktion haben: Sarkawis Willen zu demonstrieren, im Irak durchzuhalten – und bin Laden als ehrenwerte, aber machtlose Galionsfigur vorzuführen.

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