Zeitung Heute : Der Schulverweis für Robert Steinhäuser war unzulässig

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Betrifft: Die Schuld der Schule am Amoklauf von Erfurt

Es stellt sich nun heraus, dass die Schulbehörden bei der Entlassung des Schulmörders Steinhäuser vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt gravierende Verfahrensfehler zu seinem Nachteil begangen haben. Nach Paragraf 52 des Thüringischen Schulgesetzes muss der Ausschluss zunächst angedroht, außerdem müssen Eltern- und Schülervertreter gehört werden. Zudem muss über den Ausschluss-Antrag die Lehrerkonferenz beschließen. Erst dann kann die Schulleitung die Entlassung beim zuständigen Schulamt beantragen.

Dies alles ist nicht geschehen, sondern: Am 4. Oktober 2001 erklärt die Schulleiterin, in Anwesenheit von Lehrern und eines Schülervertreters, dem Schüler Steinhäuser, er müsse u. a. wegen Fälschen von Attesten und damit nachhaltiger Störung des Vertrauensverhältnisses das Gymnasium verlassen. Vom Schulamt werde er in eine andere Schule eingewiesen. Die Verfügung zum Schulwechsel habe angeblich der Schüler eingesehen. Diese Aufforderung ist nach Paragraf 51 des Thüringischen Schulgesetzes als Ordnungsmaßnahme unzulässig. Nur das Schulamt könne nach einem Antrag des Schulleiters und auf Beschluss der Lehrerkonferenz – der ebenfalls nicht erfolgte – dem Schüler eine andere Schule zuweisen. Zu einem vom Schulamt angebotenen Schulwechsel kam es jedoch nicht, da die fremde Schule den Leistungskurs Physik nicht anbieten konnte.

Mit der Verkündung der Schulentlassung endete die pädagogische Betreuung der Schule. Zwei Wochen danach kaufte sich Steinhäuser die Mordwaffen. Frage: Wäre die Hinrichtungsorgie mit 17 Toten unterblieben, wenn das Ordnungsverfahren rechtens gewesen und der Täter von seinen Rechten und Chancen gewusst und diese dann auch wahrgenommen hätte?

Klemens Söldner (Dozent an der

Thüringer Verwaltungsschule), Bamberg

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