Zeitung Heute : Der schwankende Gigant

Wie der russische Präsident die Wut seines Volkes über die toten Kinder von Beslan zu beschwichtigen sucht

Elke Windisch[Moskau]

Es waren vielleicht die schwersten zehn Minuten seiner Präsidentschaft. Wladimir Putin brachte sie eisern hinter sich, doch er konnte die Anstrengung nicht ganz überspielen in seiner ersten Fernsehansprache nach dem Geiseldrama in Nordossetien. Aus seinem verhärmten, hageren Gesicht schienen die Knochen noch deutlicher hervorzutreten als sonst, seine unendlich müden blassblauen Augen wirkten wie erloschen. Folge böser, durchwachter Nächte.

Putins Rede, die die Nation sehnsüchtig erwartet hatte, geriet zur Selbstanzeige. Denn Russlands Präsident ist nach eigenen Worten für alles, was im Lande geschieht, verantwortlich. Da hilft nicht einmal der Plural. „Wir waren Bürger eines Giganten, der sich leider als nicht lebensfähig erwiesen hat“, sagt Putin und meint die vor fast 13 Jahren implodierte Sowjetunion, die ihre Bürger vor Terrorismus schützte. Mit welchen Mitteln steht auf einem anderen Blatt. Der Kern dieses Giganten, die Russische Föderation, habe Hoffnungen auf ein besseres Leben bisher nicht erfüllt. „Wir haben die Gefährlichkeit der Prozesse unterschätzt, die sich bei uns und weltweit vollziehen. Wir haben Korruption zugelassen, Landesverteidigung und Sicherheit vernachlässigt. Wir haben Schwäche gezeigt, und Schwache stecken Prügel ein.“

So aufgewühlt hatten die Russen den Präsidenten, der beim Untergang der „Kursk“ und bei diversen anderen Katastrophen – von Menschen und nicht von Menschen gemachte – keine Mine verzog, bisher nur einmal erlebt. Am Grab seines Mentors und politischen Ziehvaters: Anatolij Sobtschak. Damals auf dem Friedhof in St. Petersburg, wo Sobtschak bis Mitte der 90er Oberbürgermeister und Putin dessen Vize war, trug der Kremlherrscher den gleichen dreiteiligen schwarzen Anzug, weißes Hemd und die gleiche schwarze Krawatte mit sparsam eingestreuten weißen Punkten. Pures Kontrastprogramm zum Auftritt am gleichen Morgen in Beslan, wo Putin zunächst verletzte Kinder im Krankenhaus besuchte. Das Fernsehen zeigte seine hilflosen Gesten, als er versuchte mit apathisch wirkenden Opfer zu reden. Später zog er sich mit Alexander Dsasochow, dem Präsidenten der nordkaukasischen Teilrepublik Nordossetien, hinter verschlossene Türen zurück. Kein öffentliches Wort der Selbstkritik. Beide Herren sah man in grauen Anzügen, Putin trug einen schwarzen Rolli darunter. Sein persönliches Zeichen der Trauer, die er Russland für heute und morgen offiziell verordnet hatte.

Eine anrührende Geste. Ein guter Einfall war es dennoch nicht: In eben dieser Kleidung hatte sich der Kremlherrscher am Abend des 14. März gezeigt, als erste Hochrechnungen ihm über 70 Prozent Zustimmung bei den Präsidentenwahlen bescheinigten. Das wichtigste Ergebnis seiner ersten Amtszeit, sagte der strahlende Sieger, bestehe darin, das Russland wieder stabil geworden sei. Das ist durch die Terrorwelle, die momentan über das Land rollt, erneut in Frage gestellt.

Und damit vor allem Moskaus Kaukasuspolitik, die – Putins Top-Thema im ersten Wahlkampf – den Russen mehr Sicherheit bringen sollte. Notfalls werde man die Terrorristen auf dem Lokus massakrieren, erklärte er zu Beginn des zweiten Tschetschenienfeldzugs im Oktober 1999. Nun werden ihm genau diese Terroristen zum ernsten Problem. Putin, dessen Zustimmungsraten ohnehin sanken nach einer Reihe von umstrittenen Sozialgesetzen, werden weiter fallen.

Als vor drei Jahren beim Sturm auf das Musical-Theater in Moskau Betäubungsgas eingesetzt wurde und dabei 129 Geiseln starben, hatte die Masse ihrem Präsidenten erstaunlich schnell verziehen. Diesmal sind nicht nur die Opferzahlen höher: In Beslan wurden am Sonntag Gräber für die 326 tot geborgenen Geiseln ausgehoben. Und unter den Verletzten – über 700 – sind viele Kinder. Da kennt der Volkszorn nicht nur in Russland keine Gnade. Vor allem dann nicht, wenn die Wahrheit über Opferzahlen und Hergang der Tragödie langsam an die Öffentlichkeit dringt – und das nur dank der letzten kritischen Hörfunksender. Ihre Existenz zwingt auch das inzwischen wieder staatsnahe Fernsehen nachzuziehen. Was Radio Liberty und Echo Moskwy schon Freitagabend ausposaunten, wiederholte am Samstag der private TV-Sender NTW, der hin und wieder noch Reste von Rückgrat zeigt.

Die Geheimdienste – laut Pressegesetz dürfen russische Medien bei Terroranschlägen nur noch die offiziellen Statements der Einsatzleitung zitieren – haben die Zahl der Geiseln offenbar bewusst heruntergespielt. Denn Osseten-Präsident Dsasochow ging schon zu Beginn von um die 1200 Geiseln aus. Das durfte ebenso wenig bekannt werden wie Forderungen der Geiselnehmer nach Unabhängigkeit Tschetscheniens und dem Abzug aller russischer Truppen aus der Republik – politische Probleme, die Russland auch nur mit politischen Mitteln lösen kann. Doch Putin pfiff Dsasochow zurück, als der mit dem Separatistenchef Aslan Maschadow – der die Geiselnahme scharf verurteilte – verhandeln wollte. Stattdessen verhaften Geheimdienstler in Tschetschenien wahllos und in Massen junge Männer, wie Radio Liberty gestern meldete.

Doch je mehr Blut fließt, desto geringer werden die Chancen auf eine friedliche Lösung im Kaukasus, wie sie zum Beispiel ein Plan der Separatisten vorsieht, der auch im Europaparlament große Mehrheiten fand: Tschetschenien wird vorübergehend unter internationale Verwaltung gestellt, dann wählt die Bevölkerung in freier Abstimmung Führungsorgane und entscheidet per Referendum über sein künftiges Verhältnis zu Russland. Die überwältigende Mehrheit würde dann wohl für mehr Autonomie votieren, den Verbleib bei Russland indes nicht in Frage stellen. Damit wären die Extremisten isoliert und vielleicht käme der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt endlich zum Stillstand.

Derartige Überlegungen oder auch eine UN-Schutztruppe im Kaukasus lehnt der Kreml rundweg ab. Dass der Konflikt erneut zum heißen Krieg eskaliert, ist nach Meinung vieler Beobachter eine bloße Zeitfrage. Der Krieg in Tschetschenien hat Konsequenzen für die gesamte Region. Gefahren, die auch Putin erkennt: Ziel der Terroristen sei es gewesen, die Völker des Nordkaukasus gegeneinander aufzubringen und die ganze Region „in die Luft zu jagen“. Schon am Freitagabend kam es offenbar zu Selbstjustiz: Osseten hätten mehren Dutzend Inguschen verprügelt und teilweise verschleppt, hieß es auf der offiziellen Website Ingushetia.ru. Die Meldung wurde jedoch schnell wieder von der Seite genommen.

Warum Putin sich gegen Verhandlungen sperrt, darüber kann man nur spekulieren. Ist es politische Kontinuität oder mangelnde Flexibilität – die Drachensaat totalitärer Regime? Bei Putin kommen womöglich diffuse Ängste hinzu, wie sie viele Russen heimsuchen. Ängste vor einer fremden Kultur, die abstößt und fasziniert. Ein Konflikt, an dem sich schon Puschkin, Lermontow und Tolstoi rieben: Wer die großartige Berglandschaft gesehen und die Musik der Tschetschenen und Tscherkessen gehört hat, ahnt, was eine tschetschenische Schauspielerin meint, wenn sie sagt: „Sie können uns brechen, aber nicht auf die Knie zwingen. Wir stehen wieder auf. So lange, bis sie den letzten von uns umgebracht haben!“ Unbändige Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung, die Putin – und nicht nur er – als Fanatismus interpretiert.

Vielleicht kommt sein Festhalten an dieser Strategie auch daher, dass er weniger Herr seiner Entschlüsse ist, als es scheint. Militärs und Geheimdienste drängen auf Revanche für die angebliche Schmach im ersten Tschetschenienkrieg, den die Politik durch Verhandlungen beendete und ihnen damit den vermeintlich zum Greifen nahen Sieg aus den Händen nahm.

Dafür spricht auch, dass die Terroristen die Geiselnahme offenbar sorgfältig vorbereiten konnten. Trotz allgegenwärtiger Kontrollen und Straßenposten. Als habe der Geheimdienst die Augen verschlossen. Man habe es, so ein Gast bei Radio Liberty, momentan mit zwei Banden zu tun: den Terroristen und den Geheimdiensten. Die aber galten bislang als wichtigste Stütze Putins, der bei der Fernsehansprache am Samstagabend bereits Konsequenzen aus dem Vertrauensbruch zog.

In Kürze werde ein Komplex von Maßnahmen in Kraft gesetzt, dazu gehöre auch effektives Krisenmanagement mit „prinzipiell neuen Herangehensweisen der Rechtsschutzorgane“. Alle diese Maßnahmen würden in strikter Übereinstimmung mit der russischen Verfassung realisiert. Gern möchte man ihm glauben.

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