Zeitung Heute : Der schwarze General

Haiti wählt übermorgen einen Präsidenten. Dieses bitterarme Land war einst die Hoffnung aller Sklaven. Ihr Anführer starb 1803.

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Von Ulrich Fleischmann Es ist ein Frühlingstag, und durch die kalte, klare Morgenluft des französischen Städtchens Pontarlier, hoch oben im Französischen Jura an der Schweizer Grenze gelegen, ziehen einige hundert dunkelhäutige Wanderer. Sie stammen aus Haiti, dem fernen Staat im Karibischen Meer. Sie haben sich an diesem 3. April vor drei Jahren im Anzug oder in ihrem landesüblichen blauen Drillich auf den Weg gemacht, um zu Trommelrhythmen und dem dumpfen Klang geblasener Bambusrohre einen der ihren zu ehren; dieser Held war auf den Tag genau vor 200 Jahren tot in einer Zelle des nahen Fort de Joux aufgefunden worden: Toussaint l’Ouverture, der Sklave, der General wurde, von den Schwarzen gefeiert und von den Weißen gefürchtet.

Im Namen der Französischen Revolution und ihrer Versprechen von Freiheit und Gleichberechtigung hatte er die französische Antillen-Kolonie Saint-Domingue erfolgreich gegen Spanien, England und die Feinde im eigenen Land verteidigt. Bis er einem Stärkeren unbequem wurde: Napoleon ließ ihn auf ein französisches Schiff locken und in einer verschlossenen Kutsche quer durch Frankreich in die kalte Grenzfestung bringen, die Toussaint zum Grab wurde.

Die Sklaven haben gesiegt. Toussaint hat es nicht mehr erlebt, doch Napoleon nannte noch auf St. Helena die Beseitigung des schwarzen Generals den größten Irrtum seiner Laufbahn – eine Niederlage von gewaltigen Dimensionen: Insgesamt 60 000 Mann sandte Frankreich aus, die unbotmäßige Kolonie zu bestrafen, nur 20 000 kehrten gesund ins Mutterland zurück. Saint-Domingue aber erklärte sich unabhängig – nach den USA der zweite Staat Amerikas und die erste schwarze Republik der Welt, die nun den alten indianischen Namen Haiti annahm. Ein Staat, der zum Schrecken der sklavenhaltenden Mächte der Region wurde, lateinamerikanische Freiheitshelden wie Simon Bolivar unterstützte, sich einer Mission verschrieb, die seiner Geschichte entsprach und in der ersten Verfassung verankert war: Kein Weißer durfte jemals dort wieder Land besitzen und jeder Schwarze, der die Insel betrat, war sofort als haitianischer Bürger in Sicherheit.

Noch 1900 beschreibt der haitianische Essayist Hannibal Price sein Land als „Mecca, Judea der Schwarzen Rasse (...), das jeder Mensch mit afrikanischem Blut mindestens einmal im Leben besuchen sollte“. Das mag aus heutiger Sicht seltsam erscheinen, denn diesem Staat wollen viele entfliehen, er ist bitterarm, entzweit und ringt mühsam um Stabilität. Für den 7. Februar sind Wahlen angesetzt, vier Mal wurden sie schon verschoben.

Auch dies ist eine Folge der Geschichte. Als kleines und verfemtes Land war Haiti über 150 Jahre hindurch das Opfer militärischer Bedrohungen und Interventionen, mit denen Handelspräferenzen, fantastische Entschädigungszahlungen und betrügerische Schulden erpresst worden waren. Und immer hatten sich auch die Haitianer selbst an der Ausplünderung ihres Staates beteiligt: Kriegsherren hatten die Unabhängigkeit erkämpft, Kriegsherren bestimmen bis heute die Politik. In einem Land, das kaum Überlebensmöglichkeiten bietet, ist der Staat die einzige Beute, um die es zu kämpfen lohnt.

Als die Insel noch Saint-Domingue hieß, galt sie den Franzosen als die beste Kolonie der Welt. Ihre Rendite beruhte auf der Produktion von Rohrzucker, angebaut auf riesigen, tropisch-fruchtbaren Ländereien, gepflegt und verarbeitet von schwarzen Sklaven, die etwa 90 Prozent der Bevölkerung stellten. Das erstarrte Gegenüber von riesigen, namen- und rechtlosen Arbeiterheeren und wenigen weißen Herren erzeugte auf beiden Seiten ständige Gewaltbereitschaft.

Die Forderungen der Französischen Revolution von 1789 fanden ihren Weg auch nach Saint-Domingue – zunächst nicht zu den Sklaven direkt, sondern zu einer Gruppe, die zwischen den Fronten stand: zu den „Freien Farbigen“, einer Minorität, die von ihrer Hautfarbe her zu den Sklaven, von Status, Bildung und Besitz her zu den Herren gehörte. In der Kolonie wurden sie oft abwertend, „Mulatten“ genannt, um sie als rassische, mehr aber noch als kulturelle „Mischlinge“ zu kennzeichnen; es ging ihnen daher zunächst darum, unter Berufung auf die „égalité“, die von der Revolution versprochene Gleichstellung mit französischen Bürgern zu erzwingen. Der Aufstand war kurz und vergeblich; sein Ende setzte aber bereits Zeichen für das, was kommen sollte: Die Anführer wurden zu Tode gefoltert.

Nur wenige Monate später folgte ein neuer Aufstand, der von Anfang an einen anderen Zuschnitt hatte: In der gewittrigen Nacht zum 14. August 1791 versammelte der Vodoopriester Bouckman in der Nähe der Hauptstadt die Sklaven der Umgebung, auf einer Lichtung des „Bois-Caiman“, des Kaiman-Waldes, um sie mit dem Blut eines geopferten schwarzen Schweines auf den Krieg gegen die Weißen einzuschwören. Diese dramatische Episode, die jeder Haitianer kennt, war das Fanal: Noch in der gleichen Nacht brannten die Plantagen der Region und kurz darauf der ganzen Insel; die französischen Besitzer flohen nach Kuba, nach Louisiana, nach Trinidad oder in das Mutterland und erzählten Schreckensgeschichten von geschändeten Frauen und entfesselten schwarzen Horden.

Die Kämpfe in Saint-Domingue wurden zum europäischen Politikum. Zahllose Pamphlete nutzten die Angst vor dem Fremden, um zu zeigen, wohin die Französische Revolution führen würde. Das gilt auch für Heinrich von Kleists’ Novelle „Die Verlobung von Santo Domingo“ aus dem Jahr 1811, in der „ein fürchterlicher alter Neger“ eine biedere Schweizer Familie zu ermorden droht.

Den Revolutionären im Mutterland blieb nur die Flucht nach vorn: Sie schickten Kommissare nach Saint-Domingue, die den Sklavenaufstand philosophisch und naturrechtlich guthießen und Waffen an die „indigene Armee“ verteilten – nicht zuletzt in der Erkenntnis, dass nur sie den Erhalt der Kolonie sichern konnte, denn schon nahm die englische Flotte Kurs auf dies scheinbar herrenlose karibische Kleinod. Die schwarzen Aufständischen wurden zu den Verbündeten der Pariser Proletarier, doch es blieb ein Schönheitsfehler: Zu einer rechtlich bindenden Abschaffung der Sklaverei mochte sich die französische Nationalversammlung nicht durchringen. „Ohne Sklaven kein Zucker, und ohne Zucker keine Kolonien“, hieß es. Erst 1794 wagte die Nationalversammlung die radikale Abschaffung der Sklaverei gemäß eines Robespierre selbst zugeschriebenen Wortes: „Eher sollen die Kolonien zugrunde gehen als ein Prinzip.“

Es blieb ein Eiertanz. Die Berichte über brandschatzende Sklavenhorden waren darauf angelegt, die Bedenken der bürgerlichen Fraktion zu bestätigen: In Lumpen und erbeutete Uniformstücke gekleidet, zogen schwarze Rebellen durch die Kolonie; mit ihnen gingen Frauen und Kinder, „Hexen“ und Vodoopriester. Abends trommelten sie und sangen unverständliche Lieder, in denen nur einige Worte an die Französische Revolution erinnerten. Feldschlachten auf offenem Terrain wichen sie aus, suchten stattdessen den Hinterhalt, zermürbten feindliche Truppen durch Scheinangriffe, um im Morgengrauen über sie herzufallen, dann, wenn die klassischen Kommando-Manöver des Formieren, Ladens und Feuerns nur noch Verwirrung stifteten. Dank ihrer Ortskenntnis war die Guerilla allen überlegen, doch verspielte sie den Vorteil durch Rivalitäten und Planlosigkeit.

Das waren die Lücken, die ein Mann wie Toussaint nutzte. Nichts in den 50 Jahren seines ersten Lebens hatte ihn zu einer weltgeschichtlichen Rolle prädestiniert. Auf der Plantage Bréda im Norden von Saint-Domingue geboren, hatte er es dort bis zum Kutscher gebracht, bis heute ist fraglich, ob seine rudimentäre Bildung auch das Lesen und Schreiben umfasste. In der Geschichte erschien er erstmals um 1792, als einer der Sklavenführer, die sich in Santo Domingo, dem spanischen Teil der Insel, der heutigen Dominikanischen Republik, sicherer fühlten. 1794, nach der Abschaffung der Sklaverei, trat er, bereits als Befehlshaber der Nordprovinzen, in französische Dienste ein.

Es herrschte ein kaum durchschaubares Durcheinander: Englische Truppen besetzten die Hafenstädte, von Osten drohten Toussaints ehemalige Freunde, die in spanischen Diensten geblieben waren; im Landesinneren marodierten Sklavenbanden, darunter die als wild gefürchteten „Marrons“. Und überall flackerten Aufstandsherde der „Mulatten“, die sich wohl der Revolution angeschlossen hatten, die aber auch Sklavenbesitzer waren und ihr Eigentum bedroht sahen.

Toussaint besiegte sie alle. Ein begnadeter Führer, dem seine Leute durch Schmutz und Elend folgten, denn er konnte, als ehemaliger Sklave, das einzige immer wieder in Szene setzen, das die Französische Revolution bot: das Ende der Sklaverei. L’Ouverture lautete nun der Beiname, den er im Schilde führte, die „Öffnung“ der Freiheit. Sein letzter großer Feldzug führte in den Süden der Kolonie, wo sich ein „Mulatten-Staat“ festgesetzt hatte. Toussaint zerschlug auch ihn, nun kontrollierte er die ganze Kolonie, aber die Rechnung zwischen Schwarzen und „Mulatten“ war nicht abgeschlossen – sie ist es bis heute nicht.

Toussaint war nun stark genug, um den letzten französischen Kommissar nach Hause zu schicken und sich selbst als Gouverneur der Kolonie einzusetzen. Doch er glaubte weiter, ganz im Sinne Frankreichs zu handeln. Im Namen der „Grande Nation“ wurde er zum Staatsmann, teilte das Pflanzerland in Staatsgüter auf, setzte für alle Untertanen die Arbeitspflicht durch, schuf eine zivile Verwaltung und eine koloniale Verfassung. Im Jahr 1800 schließlich arrondierte er sein Reich, in dem er den spanischen Osten der Insel – der formal bereits 1795 an Frankreich gefallen war – auch militärisch in Besitz nahm.

Doch eine Zeitbombe tickte bereits: Napoleon hatte seit 1799 die Macht in der Hand, und wollte die alte koloniale Pracht wiederherstellen, nicht zuletzt um seiner Josephine zu gefallen, die von den Antillen stammte. Auf der Insel verbreitete sich die Nachricht, dass Napoleon die massenhafte Tötung der schwarzen Bevölkerung plante, die den „natürlichen Respekt“ vor den Weißen verloren hatte, dass er neue Sklaven importieren wollte. Doch in Haiti glaubte man an die Versprechen der Revolution, zögerte, als im Februar 1802 eine erste Flotte mit 22 000 französischen Soldaten – befehligt von General Leclerc, einem Schwager Napoleons – in den Hafen von Cap Haitien einlief.

Die „indigene Armee“ zerfiel, Toussaint zog sich mit seinen Truppen zurück, einzelne Kommandeure biederten sich den „französischen Freunden“ an. Leclerc zog alle Register, um des „Bürgers Toussaint“ habhaft zu werden. Schließlich setzte er dessen Söhne ein, die in Frankreich Schulen besuchten und nun, praktisch als Geiseln, Leclerc begleiten mussten. Um sie zu treffen, tappte Toussaint an jenem schicksalhaften 15. Juni 1803 in die Falle. Sofort wurde er überwältigt und nach Frankreich deportiert. „Ihr habt den Stamm des Freiheitsbaumes gefällt, aber seine Wurzeln sind zahlreich und werden wieder ausschlagen“, soll er beim Betreten des Schiffes geweissagt haben.

Toussaint behielt Recht. Noch während er seinem Schicksal entgegen fuhr, einigten sich alle, auch die „Mulatten“, auf den gemeinsamen Feind. Die Situation der Truppen Leclercs wurde immer prekärer: Täglich fällte das Gelbfieber Hunderte und schließlich auch Leclerc selbst. Verstärkung aus Frankreich und ein neuer General änderten nichts mehr. Die schwarzen Soldaten erinnerten sich der Guerilla-Taktik ihrer ersten Kämpfe. Die letzten Monate des Krieges gerieten zu einer Orgie des Schreckens: Städte wurden zerstört, Schiffe brannten in den Häfen und rissen Seeleute und Flüchtlinge in den Tod, Gefangene wurden nicht mehr gemacht. Schließlich ging es nur noch um Le Cap, die Hauptstadt und Fluchthafen der verbliebenen französischen Truppen. Am 1. Januar 1804 wurde die neue Republik Haiti ausgerufen.

Im Zentrum der ersten Verfassung findet sich der 14. Artikel, der heute seltsam anmutet: Alle Haitianer seien eine große Familie, in der Rassenunterschiede nicht mehr wahrgenommen werden dürfen; daher seien sie alle als „schwarz“ zu bezeichnen. Jeder Haitianer weiß, worauf er anspielt: auf die blutigen Kämpfe zwischen Schwarzen und „Mulatten“ während des Unabhängigkeitskrieges. Jeder kennt aber auch das geflügelte Wort: „Ein reicher Neger ist ein Mulatte, ein armer Mulatte ist ein Neger.“ Es verweist Haiti auf den uralten Keim des Konfliktes, der nie gelöst wurde: Hier die „Elite“, die Stadtbewohner, die Politik machen, schön reden und einen Fluchtpunkt in Miami haben, da Volk, das arbeitet, kreolisch spricht und in der Politik nie gefragt wird; hier die französische oder amerikanische Lebensart, da Vodoo und armseliges Überleben auf winzigen Landparzellen; hier das betrügerische Recht, da die Gewalt – kurzum, eine seit ihrem karibischen Anbeginn geteilte Welt, die nicht mehr zusammenfinden will, auch wenn sich in den vergangenen 200 Jahren die äußeren Verhältnisse immer wieder verändert haben.

Und Toussaint l’Ouverture? Zwischen den „schwarzen“ Helden des Landes und den „mulattischen“ bleibt Toussaint der Einzige, der allen Haitianern gehört: Der schwarze Held, der Napoleon besiegte und durch die Umstände, aber auch die Gnade, seines frühen Todes in den Himmel der tragischen Helden aufstieg, besungen von Wordsworth, Pablo Neruda, Anna Seghers – von Poeten und Revolutionären der Alten und der Neuen Welt.

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