Zeitung Heute : Der Schwarze Tod

Vogelgrippe, Sars, BSE, Aids: Plagen verbreiten Angst und Schrecken. Dahinter steckt die Erinnerung an die größte aller Seuchen: die Pest. Seit 1894 ist klar – die Ratten sind schuld. Doch die Pest gibt es immer noch.

Wolf Schneider

Unter den vier apokalyptischen Reitern, wie Albrecht Dürer sie 1498 in Holz geschnitten hat – Krieg, Hunger, Pest und Tod – muss die Pest der fürchterlichste gewesen sein: mörderischer als je ein Krieg und noch tückischer dazu. Ja, sie waren schrecklich, die Bomben auf Dresden oder Hiroshima: Sie kamen aus dem Nichts und töteten jäh. Aber sie ließen sich, wenn auch auf perverse Weise, immerhin erklären: Krieg! Und wenn der vorüber war, würde wieder Frieden sein.

Die Pest jedoch: Gerüchte aus dem Umland schoben eine Welle der Panik vor sich her; dann wuchsen den ersten Nachbarn eiternde Beulen, krümmten sich die ersten Sterbenden unter blutigem Auswurf auf den Straßen, schließlich verrammelte man sich in seinem Haus und wusste doch, dass der Tod nicht auszusperren war, und es starben die Kinder, und wenn es aus dem Haus bis auf die Straße stank, waren auch die Eltern tot.

Ein Ende des Entsetzens war nicht in Sicht – und ein Grund, nur irgendein Grund für die unsägliche Heimsuchung nicht vorstellbar; es sei denn, man glaubte an eine rächende Macht, in der die Priester und die Frommen – manche mit einiger Mühe – ihren Gott erkannten, der sie für ihre Sünden bestrafte. Warum aber, fragte im 6. Jahrhundert der Kirchenlehrer Euagrios während der Pest in Konstantinopel, warum mussten dann meine Kinder alle sterben, während die des geldgierigen Heiden nebenan überleben durften?

Von welchem Horror, von welch kriechendem Ekel sind wir befreit im Abendland! Als die Pest 1878 im Mündungsgebiet der Wolga wütete, galoppierte noch einmal die Angst durch Europa. Doch da war schon klar, dass zweierlei gegen sie hilft: Hygiene und Quarantäne.

Dann, 1894, machte der schweizerische Tropenarzt Alexandre Yersin während einer Epidemie in Hongkong die entscheidende Entdeckung: Die Pest ist eine Krankheit der Ratten! Und vier Jahre später erkannte ein Kollege Yersins, Paul Louis Simond, bei einer Epidemie in Bombay, wie sie auf den Menschen überspringt: durch den Rattenfloh! Sind die Ratten an ihrer Pest in Massen gestorben, so sehen sich die Flöhe um ihre Nahrung betrogen und hüpfen zur nächstbesten Quelle warmen Blutes hinüber; und durch ihren Stechrüssel infizieren sie ihr Opfer mit dem Rattenpestbazillus.

Mit Antibiotika kann man inzwischen den Erreger töten, mit DDT die Rattenflöhe, durch Schutzimpfung den Ausbruch der Krankheit unwahrscheinlich machen. Ausgerottet aber, wie die Pocken, ist die Pest bis heute nicht; in vielen Teilen der Dritten Welt tritt sie endemisch auf.

An ihrem Anfang stehen die Beulen: schmerzhafte, bald eitrig entzündete Schwellungen der Lymphdrüsen in der Leistengegend und in der Achselhöhle. „Beulen“ sind auch das Indiz, dass die älteste Überlieferung von einer pestartigen Seuche tatsächlich die Pest im heutigen Wortsinn gewesen sein könnte; sie steht im 1. Buch Samuel und besagt: Gott strafte die Philister dafür, dass sie Israel die heilige Bundeslade entwendet hatten, vermutlich im 10. Jahrhundert v.Chr. „Die Hand des Herrn lag schwer auf ihnen“, heißt es in der Bibel, „und er brachte Verderben über sie und schlug sie mit bösen Beulen … Und das Geschrei der Stadt stieg auf gen Himmel.“

Thukydides hat als erster Historiker die genaue Beschreibung einer pest-ähnlichen Seuche hinterlassen: 430 v.Chr. verheerte sie Athen. „Noch nirgends hatte man von einer solchen Pest und Verwüstung gehört“, schrieb er. „Keine menschliche Kunst vermochte etwas gegen das Übel … Die Vögel und Tiere, die sonst menschliche Leichen fressen, näherten sich diesen nicht, obwohl so viele unbeerdigt herumlagen. Wenn sie aber doch davon fraßen, starben sie… Manch einer wagte nun, was er sonst im Verborgenen oder nicht auf so freche Weise getan hätte. Denn man erkannte den schnellen Wechsel der Dinge: Reiche starben dahin, und andere, die vorher nichts besaßen, übernahmen eilig deren Güter.“ Die Beulen aber, die für die Pest im engeren Wortsinn typisch sind, erwähnt Thukydides nicht. Die Wissenschaft neigt heute dazu, die Seuche von Athen für das Fleckfieber zu halten, übertragen von der Kleiderlaus und mit einer Sterblichkeit von 20 Prozent.

Die erste klar beschriebene Pest – und eine der beiden furchtbarsten in Europa – erreichte im Jahr 542 n.Chr., aus Ägypten kommend, Konstantinopel, Hauptstadt des Byzantinischen Reichs und die glänzendste Stadt auf Erden. Prokop, Historiker des byzantinischen Kaisers Justinian, berichtete, die Hälfte aller Einwohner seien an ihr gestorben. Johannes, später Bischof von Ephesos, schrieb auf, jeden Morgen habe er sich, wie 10 000 andere, gefragt: Werde ich den heutigen Abend noch erleben? Viele trugen ein Armband mit ihrem eingestickten Namen, wenn sie das Haus verließen, in der Hoffnung, damit würde ihnen das Massengrab erspart bleiben, falls der Tod sie unterwegs ereilte. „Manche fielen auf den Straßen einfach um“, erzählt Johannes. „Ihre Hände waren nach oben gereckt, ihre Bäuche aufgequollen, die Münder aufgerissen, Eiter floss aus ihnen. Sie lagen auf den Straßen, in den Höfen, in den Kirchen, überall, und es war keiner da, der sie bestattet hätte.“

Inmitten des Massensterbens und vor dem Hintergrund seiner totalen Unbegreiflichkeit hatten Quacksalber Konjunktur, Öle, Kräuter und Wunderpillen boten sie an, und die unsinnigsten Gerüchte schlichen durch Konstantinopel: Tonscherben, hieß es, würden die Pest-Gespenster vertreiben, und so krachten aus tausend Fenstern Tonkrüge auf die Gassen.

Als erster Zeitzeuge hat Johannes von Ephesos etwas registriert, das einer Chance, die Seuche einzudämmen, näherkam: Es waren zunächst und vor allem die Armen, die von ihr angefallen wurden. Einordnen konnte Johannes diese Beobachtung nicht. Uns ist der Zusammenhang klar: Je ärmer die Menschen, desto enger und schmutziger waren ihre Quartiere, desto zahlreicher und desto näher die Ratten – und folglich auch die Rattenflöhe mit ihrer Todesfracht.

Drei bis sechs Tage nach dem Biss des infizierten Rattenflohs traten die ersten Geschwülste auf, dazu Schwindel, Schüttelfrost, Erbrechen, bei den einen Apathie, bei den anderen delirium tremens. Dies war das Stadium der Beulenpest, an der man noch nicht sterben musste; auch wurde sie nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Oft aber steigerte sie sich zur Lungenpest: totale Entkräftung, bräunliche Haut, blutiger Husten – und mit ihm die Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch; binnen drei, vier Tagen kam fast unentrinnbar der Tod.

Schmutz und Enge in den Hütten der Armen, gedrängtes Zusammenwohnen aber auch in Klöstern, Kerkern, Hospitälern: Das war oft das Todesurteil. Dass man seine Mitmenschen meiden sollte, sprach sich rasch herum. Viele Stadtbewohner verbarrikadierten sich, und wer es sich leisten konnte, zog aufs Land.

Warum die große Epidemie sich nach einem halben Jahrhundert endlich erschöpfte, ohne dass irgendeine Maßnahme gegen sie ergriffen worden wäre, und warum die Pest zwar alle zehn, zwanzig Jahre wiederkehrte, nicht aber in so katastrophischem Ausmaß – das war den Zeitgenossen ein Rätsel und ist es in mancher Hinsicht den Experten heute noch.

Die andere große, die noch bösere Pest suchte Europa von 1347 bis 1351 heim: der Schwarze Tod wurde sie genannt. Warum er zuschlug, für welche Sünden sie diesmal bestraft werden sollten: Das wussten Ärzte und Laien so wenig wie 800 Jahre zuvor. Nur der Ursprung sprach sich herum: Ein mongolisches Heer hatte die Stadt Feodosia auf der Krim belagert, eine Handelsniederlassung der Republik Genua, und Pestleichen in die Stadt katapultiert. Als danach das erste genuesische Schiff in Messina anlegte, waren alle Matrosen krank oder tot, und die überlebenden Ratten sprangen an Land – wenig beachtet in den Gassen der Städte, in denen sie sich zwischen Hunden und Schweinen tummelten.

Von Italien gelangte die Pest 1348 nach Frankreich und Spanien, 1349 nach Deutschland, Österreich, in die Schweiz und nach England, 1350 nach Skandinavien und in den Ostseeraum. Mindestens ein Viertel aller Europäer, ein Drittel der Deutschen, brachte sie um, mehr noch in den Städten: 60 Prozent der Bewohner von Hamburg, wahrscheinlich 75 Prozent in Florenz. Ganze Sippen rottete sie aus, Tausende von Dörfern entleerte sie. Ja, da die Pest aus Asien kam, könnten ein Drittel aller damals lebenden Menschen an ihr gestorben sein, schätzt die Encyclopedia Britannica. So entsetzliches Unheil haben alle Kriege des 20. Jahrhunderts zusammen nicht über die Menschheit gebracht. Da schien sie vollzogen, die „mikrobielle Vereinigung der Welt“, wie der französische Historiker Le Roy Ladurie sie 1973 in der „Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte“ nannte – eine schaurige Vorform der Globalisierung.

War es wieder der christliche Gott, der das Grauen über Europa brachte? Gewiss! Büßen wir, beten wir, ja geißeln wir uns als Zeichen der Bußfertigkeit! In vielen Städten zogen Gruppen von Flagellanten durch die Straßen, mit bloßem Oberkörper selbst im Winter; sie beteten laut, sangen Psalmen und hielten zweimal täglich inne, um sich blutig zu peitschen.

Oder hatte eine ungewöhnliche Konstellation von Mars, Saturn und Jupiter das Unheil gebracht, wie Gelehrte der Pariser Universität dies öffentlich behaupteten? Oder hatten die Juden unsere Brunnen vergiftet? Juden umbringen! Das war vielerorts das einzige Rezept, das den Leuten einfiel. In Straßburg und vielen anderen Städten wurden alle Juden öffentlich verbrannt, in Frankfurt, Mainz und Worms begingen sie kollektiven Selbstmord. Es traf sich, dass damit die verhassten reichen Geldverleiher beseitigt und alle Schulden getilgt waren.

Ein Zeitgenosse des Schwarzen Todes, Giovanni Boccaccio aus Florenz (1313 – 1375), hat uns in der Einleitung zu seiner berühmten Novellensammlung „Das Dekameron“ ein beklemmendes Bild seiner Heimatstadt hinterlassen.

„Ich sage also“, hebt er an, „dass seit der heilbringenden Menschwerdung des Gottessohnes 1348 Jahre verstrichen waren, als in die herrliche Stadt Florenz, die alle andern italienischen Städte an Schönheit überragt, die todbringende Pest gekommen ist, die sich, entweder durch die Einwirkung der Himmelskörper oder von dem gerechten Zorne Gottes zu unserer Besserung geschickt, unaufhaltsam nach Westen verbreitet hat. Umsonst war da alle Vorsicht, mit der die Stadt durch dazu bestellte Beamte von Unsauberkeiten gereinigt und jedem Kranken der Eintritt verwehrt wurde, und umsonst waren die demütigen Gebete, die von den Frommen an den Herrgott gerichtet wurden…

Nicht nur das Sprechen oder der Umgang mit den Kranken teilte den Gesunden den Keim des Todes mit, sondern es stellte sich auch heraus, dass schon die Berührung der Kleider ansteckte…

Und da waren manche, die dachten, dass ein mäßiges Leben die Widerstandskraft fördere… Andere behaupteten, die sicherste Arznei sei, jeglicher Begierde Genüge zu tun: Bei Tag und Nacht zogen sie bald in diese, bald in jene Schenke, viel lieber aber noch in fremde Häuser. Und das konnten sie leicht tun, weil jedermann all sein Eigentum gerade so wie sich selber aufgegeben hatte, als ob sein Leben verwirkt gewesen wäre… In der Not unserer Stadt war das ehrwürdige Ansehen der Gesetze, der göttlichen wie der menschlichen, schier völlig vernichtet…“

Boccaccio fährt fort: „Schweigen wollen wir davon, dass sich schier niemand um seinen Nachbarn kümmerte und dass die Verwandten einander nur von weitem sahen, dass ein Bruder den andern verließ und oft die Frau ihren Mann; und was schier unglaublich ist: Sogar die Väter und die Mütter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen.“

Verödete Städte, verwahrloste Äcker, verrecktes Vieh, vernichtete Vermögen oder solche, für die kein Erbe mehr am Leben war – so schleppten sich Florenz und weite Teile Europas über Jahrzehnte hin; und immer wieder flackerte die Seuche auf: in Florenz noch viermal im 14. Jahrhundert, in Frankreich alljährlich bis 1670.

In London schlug sie am schlimmsten 1665 zu, 70 000 erlagen ihr. Im August, der furchtbarsten Phase, notierte Samuel Pepys, Sekretär der Admiralität, Lebemann und Tagebuchschreiber: „Alle Straßen sind verödet, ein trauriger Anblick“ (8.8.). „Der Bürgermeister hat angeordnet, dass alle Gesunden um 9 Uhr abends zu Hause sein müssen, damit die Kranken an die frische Luft können“ (12.8.). „Es war schon dunkel, als ich nach Hause kam; am Fuß der Treppe stolperte ich über eine Leiche“ (15.8.). „Die Seuche macht uns grausamer gegeneinander als gegen Hunde“ (22.8.).

Im September: „Niemand wagt eine Perücke zu kaufen, aus Angst, das Haar könnte von einer Pestleiche stammen.“ (3.9.). „Durch die Kent Street gefahren – trauriger Anblick: Mit Pflastern beklebte Kranke sitzen bettelnd auf der Straße“ (14.11.). Resumée am 31. Dezember 1665: „Viele meiner Bekannten sind an der Pest gestorben. Zu unserer großen Freude füllt sich die Stadt jedoch wieder, und die ersten Geschäfte machen auf.“

Die Pest in Wien, 1679: Es sterben 76 000 Menschen; zur Erinnerung wird am „Graben“ die Pestsäule errichtet. 1720: Marseille – 40 000 Opfer. Aber unter diesem Eindruck beginnen sich in Europa die ersten zweckmäßigen Maßnahmen durchzusetzen: Einlaufende Schiffe werden unter Quarantäne gestellt, ihre Laderäume ausgeschwefelt. Der Verdacht, dass die Seuche etwas mit den Ratten zu tun haben könnte, hat sich durchgesetzt.

Noch 1846 aber kann die „Real-Enzyklopädie für die gebildeten Stände“ nichts Besseres empfehlen als „Ortsveränderung, Reinlichkeit, öfteres Wechseln und Lüften der Kleider, Mäßigkeit in allen Anstrengungen und Genüssen, namentlich Vermeidung der Berührung Pestkranker“. Der Große Meyer von 1890 ist noch nicht viel weiter; sein wichtigster Rat lautet: „Der von der Pest Bedrohte isoliere sich möglichst von dem Verkehr mit unreinlichen Volksklassen.“ Und das ist nicht einmal falsch – der Ratten wegen, deren Rolle Alexandre Yersin vier Jahre später entlarvt.

Was ist geblieben von der vernichtenden Menschheitsseuche? Unser aller Urangst und Abscheu vor den Ratten. In vielen Städten die Pestsäulen, zur Erinnerung. In Oberammergau alle zehn Jahre die Passionsspiele – nach einem Gelübde im Pestjahr 1634, wie die Chronik besagt. Und überall im deutschen Sprachraum schließlich der Zuruf „Gesundheit!“ beim Niesen – denn das galt einst als der erschreckende Vorbote des blutigen Hustens, der Lungenpest.

Ja, und noch eines: der Schäfflertanz – der Reigen der Schäffler, Küfer, Böttcher oder Fassbinder; alle sieben Jahre im Fasching wird er in München noch immer aufgeführt. Die Legende dazu: Im Pestjahr 1517 waren es Münchens Schäffler, die sich als erste wieder auf die Straße wagten und mit ihrem Tanz frischen Lebensmut verbreiten wollten. Der aktuelle Bezug: Wie einst nach der Pest die Schäffler verhalten sich heute nach Terror und Tsunami die Touristen – und wirklich: Das Leben muss ja weitergehen.

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