Zeitung Heute : Der Schwarzmarkt danach

Das Spiel ist vorbei, die Eintrittskarte nichts mehr wert – könnte man meinen. Stimmt aber nicht. Unser Autor hat einen Selbstversuch gestartet. Nach dessen Erfolg wird er vermutlich bald das Schreiben aufgeben und hauptberuflich Karten im Internet versteigern. Scheint nämlich eine lukrative Angelegenheit zu sein

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Was ist eine Karte für ein WM-Vorrundenspiel wert? Es geht hier nicht um das Recht, das Spiel im Stadion zu sehen, sondern nur um das Papier.

Die Antwort lautet, für das Spiel Schweden gegen Trinidad & Tobago: 12,50 Euro.

Diesen Erlös jedenfalls brachte das Ticket, das der Autor bei Ebay zum Verkauf anbot – neugierig, ob es wirklich Leute gibt, die dafür Geld zahlen würden. Es gibt sie, das wäre also geklärt.

Dass der Schwarzmarkt vor einem WM-Spiel blüht, ist ja längst kein großes Geheimnis mehr. Etwas frischer dagegen ist die Erkenntnis, dass es inzwischen auch nach den Spielen einen Schwarzmarkt gibt – für Sammler, die selbst für gebrauchte Tickets erstaunliche Preise zahlen. Denn außer der erwähnten WM-Karte gingen noch ein paar andere alte Karten über den virtuellen Auktionstisch: ein altes VIP-Ticket für das Spiel Deutschland gegen Ekuador für 67,66 Euro, ein gebrauchtes Ticket für England gegen Schweden immerhin für 20,75 Euro – für eine Eintrittskarte, die im Vorverkauf schon ab 35 Euro zu haben war, inklusive Stadionbesuch.

Das Phänomen des Nachspiel- Schwarzmarktes habe er erstmals bei der Europameisterschaft 2000 in Holland und Belgien beobachtet, sagt der Kölner Ticketsammler Hans Brand. Der 54-Jährige verkauft allerdings nur Eintrittskarten von jenen Spielen, die er auch selbst besucht hat. 1500 bis 2000 sind in mehr als 30 Jahren zusammengekommen. Unter anderem hat Brand Tickets von neun Weltmeisterschaften zusammengetragen.

Früher konnte er die Karten ungestört mit nach Hause nehmen, vor sechs Jahren wurde er zum ersten Mal vor dem Stadion angesprochen, ob er sein Ticket verkaufen wolle. „Inzwischen gibt es regelrechte Gruppen, die nach den Spielen mit Schildern vor dem Stadion stehen, auf denen ‚Kaufe Ticket‘ steht“, sagt Brand. Die Auktionsplattformen im Internet haben den Trend noch verstärkt.

Viele, die mit Pappschildern vor dem Stadion warten, vermutet Brand, seien gar keine Sammler, sondern professionelle Zwischenhändler, die die günstig erworbenen Karten später zu deutlich höheren Preisen im Internet verkaufen. „Vor allem in England hat sich dafür ein ganz großer Markt entwickelt“, sagt der Sammler.

Brand hat dennoch nie verkauft. Dabei könnte er mit dem Wert seiner Sammlung vermutlich die Reise zu mehreren Weltmeisterschaften finanzieren. Für die Prachtstücke seiner Sammlung, die Tickets der WM-Endspiele 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko, die hinter Glas im Wohnzimmer hängen, sind ihm jeweils 100 Euro geboten worden. Wer ein Originalticket vom WM-Endspiel 1954 in Bern haben möchte, muss im Internet sogar 300 Euro hinblättern. Und auch die Karten dieser WM dürften im Wert noch steigen.

Denn neben den Sammlern ist auch eine Gruppe auf dem Markt aktiv, die aus einem anderen Antrieb heraus handelt: Wer die Gelegenheit verpasst hat, die WM im eigenen Land im Stadion zu erleben, kann mit einem ersteigerten Ticket wenigstens so tun, als wäre er live dabei gewesen.

Ein Verkäufer namens „zidanezinedine“ preist sein Angebot zweier Achtelfinaltickets auch gleich als „Angeberset“ an. Und der Käufer des Schweden-Tickets schrieb: „Habe so schon keine Karte bekommen. Nun habe ich wenigstens eine schöne Erinnerung.“

Es muss ja keiner wissen, dass er im Sommer 2006 nur vor dem Fernseher gesessen hat.

Steffen Hudemann

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