Zeitung Heute : Der Schweizer Wirtschaftsjurist Urs Rohner wird neuer Vorstandschef

Joachim Huber

Das Gerücht bekommt jetzt ein Gesicht. Urs Rohner wird neuer Vorstandsvorsitzender der Pro 7 Media AG. Der Schweizer Wirtschaftsjurist tritt am 1. Februar 2000 die Nachfolge von Georg Kofler an, gab das Unternehmen am Mittwoch in Berlin bekannt. Der scheidende Pro 7-Chef erklärte, der von ihm selbst vorgeschlagene Rohner sei am Vortag einstimmig vom Aufsichtsrat in das neue Amt berufen worden. Stefan Sager, Geschäftsführer des Schweizer Pay-TV Teleclub, habe ihn vor wenigen Wochen auf Rohner aufmerksam gemacht, sagte Kofler. Am Teleclub ist die Kirch Pay TV GmbH zu 40 Prozent beteiligt.

Der 39-jährige Rohner betonte, sollte er der "Lieblingskandidat" von Leo Kirch gewesen sein, "dann ist das eine Ehre für mich". Ein Abgesandter von Leo Kirch sei er aber nicht. Welche Beziehungen Rohner zum Medienunternehmer unterhält, blieb auch nach der Pressekonferenz offen, da der Anwalt - Schwerpunkte Medien-, Kapitalmarkt- und Wettbewerbsfragen - Auskünfte über frühere Mandate verweigerte. Allerdings hätte er für Kirch nie anwaltlich gearbeitet. Die stimmberechtigten Stammaktien der börsennotierten Pro 7 Media AG gehören zu 58,4 Prozent Kirch-Sohn Thomas und zu 41,6 Prozent der Kölner Rewe-Gruppe, die stimmlosen Vorzugsaktien sind breit gestreut. Hans Reischl, Rewe-Chef und Pro 7-Aufsichtsratsvorsitzender, nannte den Züricher "einen international renommierten Kapital- und Medienrechtsexperten", der über große integrative Fähigkeiten verfüge und das bewährte, wachstumsorientierte Management fortführen werde. Nach Senderangaben bleibt der Vorstand aus Ludwig Bauer, Lothar Lanz und Michael Wölfle unverändert.

Alle Beteiligten waren erpicht darauf, die aufgekommene Unruhe innerhalb und außerhalb des Medienunternehmens zu beseitigen. Rohner will den wirtschaftlichen und medienpolitischen Erfolg auf den eingeschlagenen Wegen mehren, den "unterbewerteten Aktienkurs" anheben. Informationen zu seinen Strategien gab er nicht, "ich kenne die Pro 7 Media AG noch nicht gut genug".

Rohner und Kofler werden das jüngste Fernsehkind der Pro 7-Gruppe, den Nachrichtenkanal N 24, am 24. Januar gemeinsam starten. Kofler betonte, wie sehr ihn der Aufsichtsrat in diesem Projekt als "einer Marke für modernes Nachrichtenfernsehen" bestärkt habe. Nach der Pressekonferenz war zu hören, dass die Pro 7-Spitze akzeptabler Reichweiten willen heftig um die Einspeisung von N 24 in die Kabelnetze kämpft, vor allem in Bayern, Nordrhein-Westfalen - und in Berlin. Am Mittwochmorgen fand ein Gespräch zwischen Kofler und dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen statt.

Die Bestallung Rohners gibt einen Fingerzeig für Überlegungen, wie eine Senderfamilie aus Kabel 1, Pro 7, N 24 (alle Pro Media AG) und Sat 1 gegründet werden könnte. Bei Sat 1 ist Leo Kirch Mehrheitsgesellschafter. Zwar betonte Aufsichtsratsvorsitzender Reischl, dass die Pro 7-Gruppe "ein unabhängig und selbständig geführtes Unternehmen bleiben wird", zum anderen nannte Kofler dies ein "echt geiles Ding": "Großes Wachstum ist nur durch Senderfamilien möglich." Allerdings müsse jeder Sender erfolgreich und klar positioniert sein. Mit der Aussage "Bei Sat 1 gab es da in den letzten Jahren deutliche Verbesserungen" umriss Kofler das Optimierungspotential des (Noch-)Konkurrenten. Auf dem Weg zur Senderfamilie wird es nicht von Nachteil sein, dass Rohner Ende der 80er Jahre in einer New Yorker Sozietät für Unternehmenszusammenschlüsse tätig war.

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