Zeitung Heute : Der selbstgewählte Tod

Der Tagesspiegel

Von Adelheid Müller-Lissner

Dem römischen Philosophen Seneca leistete sein Arzt Sterbehilfe, als Kaiser Nero den Denker zwang, sich das Leben zu nehmen. Für unzählige seiner Kollegen aus späteren Jahrhunderten war die Selbsttötung zumindest theoretisch ein Thema. Der jüdische Denker Franz Rosenzweig erkannte in der Möglichkeit zum Freitod gar den Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Ärzten dagegen, die ihre vornehmste Ausgabe darin sehen, Kranke zu heilen und Leben zu retten, erscheint der Tod oft als persönliche Niederlage. Nach wie vor machen Mediziner diese Erfahrung besonders häufig im Kampf gegen den Krebs. Zwar wird heute immer wieder hervorgehoben, dass ihre Aufgabe nicht endet, wenn ein Patient nicht geheilt werden kann: Denn dann ist Beherrschung der Schmerzen und Linderung anderer Beschwerden ihre Aufgabe, zusammengefasst als „Palliativmedizin“. Doch es wird noch zu wenig darüber gesprochen, welche Rolle der Arzt in der unmittelbaren Phase des Sterbens spielt.

Klaus-Michael Kodalle, Professor für Praktische Philosophie und Sozialethik in Jena, tat dies auf dem Deutschen Krebskongress ausgesprochen deutlich. Er begann bewusst mit dem heiklen Thema Suizid. Mit Blick auf die abendländische Kulturgeschichte fragte er kritisch: „Hatte die Tabuisierung der Selbsttötung nicht meist nur den Hintersinn, Fremdverfügung über das Leben sicherzustellen?“ Die Berufung der Suizid-Gegner auf die „Heiligkeit des Lebens“ überzeuge ihn in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. „Immer wieder stand im Zweifelsfall dann doch die vermeintliche Wahrheit über dem Leben, ob nun in der Inquisition gegen religiöse oder später gegen politische Abweichler.“ Gegen die Fremdbestimmung sei der „Respekt vor dem Willen zum eigenen Sterben“ aufzubieten. Und dieser Respekt vor einer „ernsthaften Möglichkeit unseres Freiheitshandelns“ kann nach Kodalles Ansicht im Einzelfall auch dazu führen, die Hilfestellung bei der Selbsttötung nicht zu versagen: „Wenn der Wunsch, in äußersten Fällen vom Weiterleben befreit zu werden, nicht illegitim ist, dann kann auch die Hilfe bei der Erfüllung dieses Wunsches nicht mit ethischen Argumenten untersagt werden.“

Die Entscheidung für den Referenten war mutig: Schließlich war Kodalle zuletzt in die Kritik des Thüringer Justizministers Andreas Birkmann geraten, weil er § 216 des Strafgesetzbuches, der die Tötung auf Verlangen unter Strafe stellt, für revisionsbedürftig erklärte. Dem Thema „Aktive Sterbehilfe aus philosophischer Sicht“ hatte er denn auch den provozierenden Vorsatz „Ein Tabu bröckelt“ verpasst.

Tabu ist, worüber man nicht redet: Kodalle berief sich auf anonyme Befragungen von Ärzten, denen zufolge jeder zehnte schon „erlebt“ habe, dass ein Patient von einem Arzt „eindeutig absichtlich getötet“ wurde. Jeder zweite gebe schwerkranken Patienten „bei Bedarf“ Morphium in hoher Dosierung.

Da Morphine gegen starke Schmerzen angebracht sind, ist das nach gängiger Auffassung aber allenfalls indirekte Sterbehilfe: Der Arzt nimmt eine eventuelle Lebensverkürzung, die mit der hochdosierten Medikamentengabe einher geht, in Kauf, um seinem schwerkranken Patienten das Leben in der letzten Phase zu erleichtern. Sein Tun hat nicht das Ziel, dessen Leben zu beenden. „Von dieser Unterscheidung wird viel Aufhebens gemacht.“ In Kodalles Augen zu viel, denn man könne diese Absichten keineswegs immer fein säuberlich unterscheiden.

Auch die Unterscheidung zwischen „aktiv“ und „passiv“ hält er für schwierig: „Man kann schließlich den gleichen Vorgang als Tun oder als Unterlassen beschreiben.“ Und auch für die „vorhersehbaren Folgen des Unterlassens“ gebe es eine Verantwortung. Ein Beispiel ist der schwerkranke, bettlägerige Patient, der in einem Patiententestament „lebensverlängernde Maßnahmen“ ablehnte, dessen Lungenentzündung nicht mit einem Antibiotikum behandelt wird und der daran stirbt.

Solche Entscheidungen über Leben und Tod werden in Deutschlands Krankenhäusern täglich getroffen. Es habe noch nie eine Kultur gegeben, in der tatsächlich von Ärzten so oft über Lebensverlängerung oder -verkürzung entschieden worden sei, sagte Kodalle. Statt dies nur zu tun, sollten Mediziner über das Thema offen und vorurteilsfrei sprechen.

Was die Rechtsprechung in Sachen aktive Sterbehilfe betrifft, so ist für den Philosophen klar: „In einer pluralistischen Gesellschaft trägt der, der in einer solchen Frage für ein staatliches Verbot Stellung nimmt, die Beweislast.“

Für moralische Überlegenheitsgefühle gegenüber den Niederlanden – dort ist Sterbehilfe erlaubt – gebe es mithin keine guten Gründe. Statt dessen solle man sich lieber praktisch bemühen, den Wunsch nach Selbsttötung durch gute Betreuung zu verringern. Und es sei natürlich auch wichtig, den Missbrauch der Tötung auf Verlangen für „Zwecke einer sozialutilitaristischen Euthanasiepraxis“ verhindern. „Doch das ist ein Thema für einen anderen Vortrag.“ Schon in diesem steckte genug Sprengstoff: Genau der richtige allerdings zum Abschluss eines Krebskongresses, der unter dem kommunikativen Motto „Reden wir darüber!“ tagte.

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