Zeitung Heute : Der Sensor prüft den Senior

Intelligente Häuser sollen immer alltagstauglicher und damit für ein größeres Publikm erschwinglich werden

Ulrike Heitmüller

Eine kleine Zukunftsträumerei: Sie kommen von der Arbeit, wanken ins Wohnzimmer, fallen in den Sessel, schalten den Fernseher ein. Jetzt einen… Joghurt! Aber bloß nicht einkaufen müssen. Und siehe da: Obwohl Sie seit Wochen keine Zeit zum Gang in den Supermarkt hatten, steht Ihr Lieblingsjoghurt im Kühlschrank. Dieser ist nämlich ein intelligenter Kühlschrank und hat ihn schon bestellt.

Lange geisterte dieser Wunschtraum – oder war es eher ein Albtraum? – durch die Medien. Wir warteten, halb freudig, halb ängstlich, auf das bequeme Leben im intelligenten, smarten, vernetzten Haus, in dem wir umsorgt sein würden von Intranet, Heimrobotern und klugen Hausgeräten. Sinnbild dieser Zukunft war der Joghurt-bestellende Kühlschrank. Den aber wird es auf dem Markt wohl niemals geben. Dieser Traum ist ausgeträumt: zu umständlich, zu teuer, einfach sinnlos.

Ein neuer Traum ist aufgetaucht. Ein Traum von alltagstauglicher Intelligenz, bezahlbar und normal. Das ist der Traum der Wohnungswirtschaft.

Armin Hartmann ist der Leiter einer Abteilung mit dem schönen Namen „Geschäftsentwicklung Smarter Wohnen“ der HWGeG in Hattingen im Ruhrgebiet. Die HWG ist ein über 100 Jahre altes genossenschaftliches Wohnungsunternehmen. Derzeit bewirtschaftet sie 5000 eigene Wohnungen. 15 von ihnen sind „smart“. Das heißt: Ein großer Teil der Ausstattung funktioniert mit Elektronik und ist untereinander und nach außen vernetzt. Diese Wohnungen wurden in den vergangenen fünf Monaten ausgestattet und vermietet. Nun muss sich das smarte Leben im Alltag bewähren.

„Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist hart umkämpft“, sagt Armin Hartmann, „früher war es ein Vermietermarkt, jetzt ist es ein Mietermarkt. Es gibt viel Leerstand.“ Die HWG will mit neuen Konzepten Mieter locken. Die Idee: Alltagstaugliches, wie Sicherheit. Komfort. Vernetzung. Die Technik dafür stammt aus Dortmund und Duisburg. Hier arbeitet die Fraunhofer Gesellschaft seit fünf Jahren an einem intelligenten Haus. Ein Prototyp steht, der nächste ist in Arbeit. Inzwischen sind neun Institute der Fraunhofer Gesellschaft zusammen mit einer Reihe Industrieunternehmen am Projekt beteiligt. Im Januar dieses Jahres genehmigte die Gesellschaft die zweite Phase des Projektes – ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm in Höhe von 26 Millionen Euro.

Klaus Scherer ist der Leiter dieses „InHaus Zentrums“ in Duisburg. Die Hattinger Wohnungen sind sein Satellitenprojekt. Dort werden Entwicklungen der Fraunhofer Forscher ausprobiert und gegebenenfalls verbessert. „Es geht um Brandmelder und Einbruchmelder, um Unterstützung für Senioren, außerdem Einrichtungen, mit denen man prüfen kann, ob alle Fenster geschlossen sind, sowie um das Energiesparen“, zählt Scherer auf.

Die Forscher vernetzen die Geräte, um das Leben für die Mieter sicherer und bequemer zu machen. Sicherer nicht nur vor Einbrechern, sondern auch vor Fehlalarm: Denn bei Glasbruchmeldern und Bewegungsmeldern, die hintereinander geschaltet sind, bedeutet ein Alarm mit ziemlicher Sicherheit: Scheibe kaputt, Einbrecher im Haus. Noch wichtiger ist der Schutz vor Feuer. Jedes Jahr sterben in Deutschland hunderte Menschen durch Wohnungsbrände. Viele ersticken, wenn sie schlafen und darum keinen Rauch riechen. Trotzdem haben die meisten Wohnungen keine Brandmelder. Manch einer glaubt, dass Brandmelder ständig blinden Alarm auslösen. Doch kombiniert und vernetzt sind sie sehr zuverlässig. So wollen es auch die Forscher: „Wenn zwei Brandmelder miteinander vernetzt sind, und beide melden Rauch und eine Raumtemperatur von 50 Grad Celsius, dann brennt´s wahrscheinlich wirklich“, stellt Scherer fest. Die Mieter können sich aussuchen, wer alles bei einem Feuer informiert werden soll.

Im Alltag wird die Technik der Fraunhofer erprobt und dann verbessert. Ein Mieter in Hattingen, ein offenbar nur mäßig begabter Heimwerker, hat seinen Brandmelder mal zutapeziert. Der Melder ging los, die HWG wurde alarmiert. „Wir haben angerufen“, erinnert sich Hartmann, „und gefragt, ob´s brennt. Das war gut, denn die Leute haben gemerkt: Da kümmert sich jemand um uns.“

Um die Technik kümmert man sich auch – die Ingenieure haben inzwischen dafür gesorgt, dass der Brandmelder zwischen Rauch und Tapeten unterscheiden kann. Überhaupt, sagt Klaus Scherer zur Fehleranfälligkeit von Elektronik: „In einen Airbus steigen Sie doch auch, oder? Das muss eben hoch professionell sein!“

Begeistert sind die Forscher vor allem von Sicherheitssystemen für hoch betagte Menschen. „Vitalcheck“ heißt das und bedeutet: Der Sensor prüft den Senior. Steht die Oma wie gewohnt um acht Uhr morgens auf? Zieht sie die Toilettenspülung und knipst das Licht ein? Wenn mehrere Dinge anders laufen als gewöhnlich, oder wenn sich womöglich gar nichts tut in der Wohnung, dann funkt das System eine Meldung an die Nachbarn oder die Seniorenbetreuer.

Passt in eine Gesellschaft mit immer mehr allein lebenden und alten Menschen. Genau so wie die Telemedizin. Armin Hartmann gerät ins Schwärmen: „Eine Zukunftsvision!“

Noch eine Zukunftsvision für das Ruhrgebiet: Energiesparen ist nicht nur möglich mit Solartechnik und Windparks. „Wir setzen auf die Verbraucherseite“, sagt Scherer. Und Hartmann fügt hinzu: „Bei Ihrem Auto sehen Sie, was Sie verbrauchen. Aber bei der Wohnung nicht! Da kriegen Sie Mitte oder Ende des Jahres die Abrechnung für das vorvergangene Jahr – die Abrechnungszyklen sind total bescheuert!“ Das regt ihn auf. Er will´s ändern, zum Beispiel mit einer monatlichen Verbrauchsübersicht. Dann sieht jeder Mieter, was er verbraucht – ein Anreiz zum Sparen. „Das wird jetzt entwickelt“, sagt Hartmann.

Eine vernünftige Erfindung. Nun muss die Intelligenz im Wohn-Alltag nur noch Verbreitung finden: „Es wäre unglaublich toll, wenn mal jemand zu uns käme und sagt, ich will so eine smarte Wohnung“, träumt Herr Hartmann. Bisher ist das noch nicht passiert. Aber immerhin: Immer mehr Hattinger wollen haben, was in den smarten Wohnungen ihrer Nachbarn steckt.

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