• Der Sie Rest ist für TRINKGELD Im Urlaub dämlich „Danke“ sagen – das geht schnell. Fachkräfte der Dienstleistung erklären, wie guter Service angemessen honoriert wird.

Zeitung Heute : Der Sie Rest ist für TRINKGELD Im Urlaub dämlich „Danke“ sagen – das geht schnell. Fachkräfte der Dienstleistung erklären, wie guter Service angemessen honoriert wird.

Maxi Leinkauf

Es war am 15. Dezember 1916, als Hotelbesitzer und Gastwirtsgehilfen auf einer Tagung in Erfurt beschlossen, das Trinkgeld als Entlohnung für die Kellner abzuschaffen und durch Festgehälter zu ersetzen. Die sollten künftig durch höhere Preise finanziert werden. Das war der Beginn des Elends. Seitdem taucht im Restaurant, im Taxi, im Hotel, auf dem Tennis- oder Parkplatz, selbst auf (öffentlichen) Klos immer mal wieder die Frage auf: Geb ich’s oder nicht? Wie viel ist angemessen? Oder auch: Wie gebe ich es so, dass es aussieht wie ein Dankeschön und nicht herablassend? Bis 2003 waren Nebeneinkünfte durch Trinkgelder über fünf Euro übrigens steuerpflichtig. Das hat sich aber geändert: Inzwischen dürfen Trinkgelder auch richtig großzügig ausfallen, ohne Konsequenzen für den Empfänger. Hat das was verändert? Wir haben den Blick in die Realität getan. Menschen in Dienstleistungsberufen erzählen, wie viel Trinkgeld sie erhoffen, was sie bekommen – und was sie angemessen fänden.

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Raffaele Sorrentino, 40 , Chefconcierge im Hotel Adlon: „Als Concierge besorge ich alles, was die Gäste sich wünschen, von neuen Absätzen über ein Flugticket bis zur Karte für eine eigentlich ausverkaufte Oper. Gesetzt den Fall, diese Karte kostet 100 Euro, dann bekomme ich zehn Euro Trinkgeld. Das ist der Durchschnitt, und das ist auch angemessen – wobei von 100 Gästen aber nur noch zwei bis drei Trinkgeld geben. Früher waren es 80 von 100. Ich erinnere mich, Ende der 70er Jahre, in einem Hotel am Comer See, da schenkte jemand dem Concierge mal einen Oldtimer. Ich war damals Page und bekam 100 Dollar. Heute undenkbar.“

Doorman-Aushilfe , Kempinski (seinen Namen möchte er nicht nennen): „Bei amerikanischen Gästen sind uns zwei Euro pro Karre sicher. Alles darunter wäre auch zu wenig. Manchmal kriegen wir fünf Euro – aber insgesamt hat die Trinkgeldmoral in den letzten fünf Jahren sehr nachgelassen. Besonders im Winter kriegen wir oft keinen Cent – da kommen weniger Touristen, und Geschäftsleute geben sowieso selten Trinkgeld. Der Job lohnt sich fast nicht mehr, denn der Grundlohn liegt unter 1000 Euro. Wir rechnen mit dem Trinkgeld, wir sind darauf angewiesen.“

Heidi Schuhknecht, 53 , Hausdame im Hilton: „Von 15 Gästen lassen vielleicht zwei mal ein Trinkgeld für das Zimmermädchen liegen. Manche wissen vielleicht nicht, wie viel sie geben sollen. Zwei Euro wären angemessen nach einer Nacht.“

Esezi Kolagbodi, 43 , Doorman im Hotel Ritz-Carlton: „Trinkgeld lehne ich meistens ab, ich bin nicht darauf angewiesen. Wenn eine alte Frau unbedingt einen Euro geben will, dann sage ich natürlich: Danke, Madame. Aber über einen guten Witz freue ich mich mehr.“

Paul van der Vecht, 48 , Taxifahrer : „Ich erwarte, dass die Gäste ein bisschen aufrunden, und dann kommt noch ein Euro dazu. Das wäre schön, ist allerdings nicht realistisch, jedenfalls nicht mehr. Bei einer Drei-Euro-Kurzstrecke sollte man 50 Cent drauflegen. Manche drücken mir auch die drei Euro in die Hand und sagen: Du brauchst die Uhr nicht anzustellen. Aber verarschen lasse ich mich nicht.“

Mirko W., Postbote in Kreuzberg: „Wir bekommen nur noch selten Trinkgeld. Wahrscheinlich, weil es den persönlichen Bezug zum Kunden fast nicht mehr gibt. Im Jahr kommen maximal 50 bis 60 Euro zusammen. Die Tradition des Obolus’ zur Weihnachtszeit ist leider ein wenig eingeschlafen."

Sylvia Klodner, 43, Klofrau in der Feinkost-Etage des KaDeWe: „Ich würde mir wünschen, dass jeder Gast etwa 20 bis 30 Cent da ließe. Das wäre bei dieser Arbeit nur gerecht. Aber viele Leute grüßen nicht mal. Sie denken vielleicht, das sei unter ihrer Würde. Aber ich wurde auch nicht in diesen Job hineingeboren. Eigentlich bin ich Friseuse, aber da konnte ich nicht mehr genug zum Leben verdienen."

Christian Pachl, 26 , Kellner im Restaurant Margaux: „Bei uns ist das Trinkgeld eine persönliche Sache zwischen Kellner und Gast – der Service ist ja in der Rechnung schon drin. Aber viele runden zusätzlich auf, von zwei Euro bis maximal auf den vollen Zehner. Das wird dann mit über die Kreditkarte abgerechnet; die Geschäftsleute, die zu uns kommen, haben ja selten Bares in der Tasche.“

Lucella Mannino, 40, Friseuse , Inhaberin: „Zwei bis fünf Euro sind normal, das geben alle, und das ist auch okay so. Die Leute sind heute übrigens großzügiger als früher, habe ich festgestellt. Geben zwei Euro statt zwei Mark zum Beispiel. Einmal bekam ich sogar 20 Euro, von einem Stammkunden. Mitarbeit Tom Nollau

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