Zeitung Heute : Der siebte Zwerg

Im Frühjahr startet ein weiterer Kleinsatellit der Technischen Universität in den Orbit. Für Indonesien. Das Institut betreibt gemeinsame Forschungen mit dem Zentrum für Luft- und Raumfahrt Adlershof Man könnte den Satelliten für einen dunklen Kosmetik- koffer halten

Christian van Lessen

Unten rauscht auf dem Videobild Namibia vorbei, in 25-facher Schallgeschwindigkeit. „Zu schnell“, sagt Luft-und Raumfahrtexperte Udo Renner. Per Joystick wird der Satellit in rund 700 Kilometer Höhe abgebremst, die Kamera schwenkt über Küsten und Landstriche. Schon ist Südafrika erreicht, das Horn, Kapstadt. Schiffe liegen vor Anker, weit im Meer. Es schiebt sich eine Wolkenbank ins Bild.

Was da oben gerade seine Erdbahn zieht und dreimal im Jahr auch Berlin überquert, wird von der Bodenstation aufmerksam beobachtet. Das Kontrollzentrum steht nicht in Houston, Texas, oder Oberpfaffenhofen, Bayern. Der Satellit wird von einem Büro an der Marchstraße in Charlottenburg gesteuert. Per Laptop und Videobild. Hier, im Institut für Luft- und Raumfahrt der Technischen Universität Berlin, auch TUB abgekürzt, wurde er hergestellt – von Udo Renner und seinen Mitarbeitern – und als Projekt mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das in Adlershof sitzt, in den Himmel geschickt. Das gemeinsame Berliner Satellitenkind heißt DLR-TUBSAT, ganz offiziell.

Der Name ist etwas lang für einen „Zwerg“, wie die TU-Leute liebevoll sagen. Sechs davon haben sie bislang schon ins All geschickt, sieben Zwerge werden es vermutlich im März nächsten Jahres gewesen sein. Der neueste Forschungssatellit wurde kürzlich feierlich der Republik Indonesien übergeben, sie hatte ihn zum Festpreis von einer Million Euro in Auftrag gegeben. Im Frühjahr soll er von Indien aus in eine Erdumlaufbahn geschossen werden, um Ansichten über Seeverkehr, verschmutztes Wasser, Schäden in der Landwirtschaft, unerlaubte Brandrodungen, Vulkanausbrüche oder Überschwemmungen zu übermitteln.

Der Satellit für die Indonesier steht noch in der TU und wird wie ein rohes Ei behandelt. Wer nicht wüsste, was sich dahinter verbirgt, könnte den „Zwerg“ für einen größeren dunklen Kosmetik-Koffer, ein altes Radio oder eine kleinere Schatztruhe halten. „Da ist nicht viel dran“, sagt Renner bescheiden, fast reichten nur Schraubenzieher und Lötkolben, um ihn zu beherrschen. „Der Sputnik der Russen war so ähnlich.“ Der sah aber mit seinen Antennen eher wie eine große, stachelige Kastanie aus. Der Satellit der Berliner ist mit einer dicken Aluminiumhaut ummantelt, mit Solarzellen bestückt und natürlich mit einem schwenkbaren Auge, einem Sensor für die Sternerkundung und mit zwei Antennen. Gegenstände ab einem Durchmesser von sechs Metern kann der Satellit erkennen. Udo Renner, zuständig für Raumfahrtanlagen, kann sich gut vorstellen, dass Kleinsatelliten dieser Art gezielt bei der Kastrophenbeobachtung – etwa bei Bränden wie jüngst in Portugal oder Tankerunglücken – eingesetzt werden können. Auch für aktuelle Bilder der Berichterstattung. „Warum passiert das nicht ?“

Auf dem Gebiet der Kleinsatelliten gilt die Technische Unversität in Deutschland als führend, legendär ist der erste TUBSAT, der immer noch voll funktionsfähig seit nunmehr 14 Jahren um die Erde kreist. Er sollte eigentlich schon in den achtziger Jahren mit dem amerikanischen Shuttle starten, aber dann kam das Challenger-Unglück und die US-Raketenstarts wurden erst einmal eingestellt. Berlins erster Satellit schoss als „Sekundärnutzlast“ mit einer Ariane Trägerrakete von Französisch-Guayana in den Orbit. Überhaupt gibt es für Uni-Satelliten, etwa auch aus Paris oder London, stets „freie Sitzplätze“ in Raketen.

Der zweite Kleinsatellit aus Berlin wurde mit einer russischen Zyklon-Rakete gestartet, nach 39 Tagen war er verschollen. Der folgende wurde von einem russischen U-Boot aus in die Umlaufbahn geschossen. Gemeinsam mit dem DLR, das in Adlershof 2001 den größeren Forschungsatelliten BIRD (zur Waldbranderkennung in Australien) baute, schickte die TU die nächsten zwei Kästen in den Weltraum. Sie wurden, wie der BIRD von Indien aus gestartet. Von dort schoss auch der bislang letzte Satellit nach oben, Produkt einer Kooperation der TU mit dem Königlichen Zentrum für Fernerkundung in Marokko.Die Bilder, die er lieferte, sind in den Fluren des Instituts ausgehängt: gestochen scharfe Aufnahmen von Wüstenregionen. Allein deutschen Forschungszwecken dient der mit der DLR entwickelte Satellit, mit dem die „interaktive Lageregelung“ erprobt wird: Udo Renner und sein Mitarbeiter Matthias Buhl demonstrieren dabei, wie sie mittels Joystick und Videowand Steuerbefehle an den Satelliten geben, um beispielsweise Küstenlinien oder Eisenbahnschienen zu folgen. Im Büro des Instituts ist auch ein Satelliten-Simulator aufgebaut, auf der Leiste einer Wand rollt eine winzige elektrische Eisenbahn, damit lassen sich per Laserstrahl etliche Trockenübungen machen. Hier lernten auch Wissenschaftler aus Indonesien und Marokko, wie ihre Satelliten entstehen und wie sie damit umgehen müssen. Die Indonesier werden ihren nächsten Satelliten vermutlich selber bauen. Allein schon den Rahmen des guten Stücks, sagt Renner, könne man sich „fast schon im Baumarkt“ besorgen. Aber erst muss der erste Satellit der Indonesier auf den Weg gebracht werden. Sorgfältig verschwindet der Raumkörper demnächst in einer großen Kiste Richtung indischer Abschussrampe. Viel Bürokratie muss überwunden werden, das Auswärtige Amt ist zu informieren, Frequenzen sind zu beantragen. Es gab bislang keine politischen Bedenken irgendeiner Seite. Die Satelliten sollen nur der zivilen Forschung und Beobachtung dienen.

Die große Teleskop-Antenne auf dem Dach des TU-Instituts verrät, dass Renner und seine Mitarbeiter mit dem Orbit in Verbindung stehen. Ferner mit Empfangsstationen in Norwegen, Südafrika, Indonesien, dem bayerischen Oberpfaffenhofen und dem brandenburgischen Neustrelitz. Renner selbst, gebürtiger Berliner, hatte, bevor er den Lehrstuhl an der TU innehatte, unter anderem 14 Jahre bei der ESA gearbeitet.

Für die Europäische Raumfahrtagentur baute er richtig große Satelliten. Der erste, an dem er beteiligt war, fiel allerdings gleich nach dem Start im damaligen Cape Kennedy ins Wasser. Ein großes Trümmerteil hat er als Souvenir behalten. Weil er aus der Branche kam, bat ihn die Technische Universität, beim Bau eigener Kleinsatelliten mitzuhelfen. „Neue Technologien“ waren schon 1985 Zauberworte und das Land Berlin war auf Weltraumforschung erpicht. Damals, erinnert sich Renner, war der dann 1995 tödlich verunglückte Astronaut Reinhard Furrer Gegenkandidat für den Lehrstuhl.

Astronaut, sagt der Satelliten-Experte, habe er nie werden wollen. „Ich werde leicht seekrank“, und das dürfe man in diesem Job nicht sein. „Was könnte ich da oben auch machen?“ Es sei doch viel gemütlicher, von Berlin aus per Videobild und Joystick über der Erde zu schweben.

Per Mausklick ruft er seinen Satelliten auf. Der hat Südafrika längst hinter sich gelassen und meldet seine letzte Position: Spitzbergen.

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