Zeitung Heute : Der Siegeszug der Passivhäuser am Markt und ihre Vorzüge für Allergiker

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Wolfgang Feist, Bauexperte, sieht Deutschland vorn bei der Entwicklung des Passivhauses. Die Zahl dieser stark gedämmten, mit dem Energiebedarf eines Kochherdes heizbare Bauten verdopple sich jährlich. Auch ohne staatliche Programme sänken die Preise dank bevorstehender Serienproduktionen.

Der Umweltforscher und SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker hat für das Energiesparen und die Energieeffizienz den Begriff Faktor Vier populär gemacht. Sie sprechen im Zusammenhang von Passivenergiehäusern vom Faktor 10 zum Anfassen. Was steckt dahinter?

Wir wissen, dass der jährliche Heizenergieverbrauch der bereits errichteten Passivenergiehäuser um den Faktor Zehn niedriger liegt als bei Altbauten aus dem Bestand. Einige Passivhäuser kommen mit rund zehn Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr aus. Dagegen liegt sogar der Energieverbrauch von Niedrigenergiehäusern, die zum Standard werden, noch bei rund 50 bis 70 Kilowattstunden pro Quadratmeter.

Der Energieverbrauch spricht deutlich für die Passivhäuser. Woran liegt es aber, dass es bundesweit erst 300 Gebäude dieses Typs gibt?

Die Zahl ist doch gar nicht so klein wie man glauben könnte. Denn die zum Bau von Passivhäusern erforderlichen Teile mussten die Unternehmen in den letzten Jahren erst zur Serienreife bringen. Und trotzdem hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Häuser dieses Typs jährlich um den Faktor Zwei erhöht. Auch in diesem Jahr erwarten wir mindestens 400 neue Passivhäuser. Das würde die dynamische Entwicklung auf diesem Feld fortsetzen.

Welche Bauteile mussten denn erst zur Serienreife gelangen?

Das Passivhaus baut im Wesentlichen auf drei Komponenten auf. Zunächst eine ausgesprochen gute Wärmedämmung, wie sie in dieser Qualität am Bau zuvor nicht existierte. Die zweite Komponente sind hochwertige Fenster. Deren Wärmeverluste müssen um die Hälfte niedriger sein als bei heute üblichen Fabrikaten. Einen derart hohen Standard bietet der Markt erst seit drei Jahren. Schließlich benötigt ein Passivhaus eine hochwertige Lüftung mit Wärmerückgewinnung. Sie muss rund 80 Prozent der für die Heizung erforderliche Wärme aus der Abluft zurückgewinnen. Solche Geräte kamen erst vor zwei Jahren in den Handel.

Demnach ist das Passivhaus immerhin technisch machbar. Warum werden die damit gesetzten, niedrigen Verbrauchswerte nicht zum Standard der neuen Energiesparverordnung 2000 (ENV 2000) erklärt, an der das Bundesbauministerium derzeit arbeitet?

Die Bauwirtschaft braucht Übergangsfristen für die Umstellung auf innovative Techniken. Wir sollten froh sein, wenn die im Rahmen der ENV 2000 für Neubauten angestrebte Energieeinsparung von rund 30 Prozent in Kraft tritt. Mehr ist derzeit von der überwiegenden Zahl der Bauschaffenden nicht zu erwarten. Das Passivhaus lässt sich nicht per Verordnung vorschreiben. Es ist aber eine Bautechnik, die sich am Markt ohnedies durchsetzen wird. Wir haben es in diesem Bereich derzeit mit hochmotivierten Architekten und Bauträgern zu tun. Mit ihnen, und nicht mit staatliche Auflagen, lassen sich innovative Konzepte am besten durchsetzen.

Wie schnell ein Produkt am Markt durchzusetzen ist, das ist immer auch eine Frage des Preises. Wie steht es mit den Kosten für ein Passivhaus?

Ein Niedrigenergiehaus, das der neuen Energiesparverordnung entspricht, kostet heute de facto nicht unbedingt mehr als konventionell errichtete Häuser. Allerdings bauen einige Bauträger solche Häuser zum ersten Mal. Zusätzliche Kosten fallen dagegen bei einem Passivhaus an. Die Höhe dieser Aufwendungen würde ich bei einem Einfamilienhaus mit 10 000 bis 20 000 Mark beziffern. Daraus folgt aber nicht, dass die Gesamtkosten für ein Passivhaus um diese Mehrkosten steigen. Wie die Erfahrung zeigt, ist es Bauträgern durch effiziente Bauweisen schon gelungen, Passivhäuser zum Preis von Niedrigenergiehäusern anzubieten. Es ist davon auszugehen, dass dies zur Regel wird. Die modernen Baukomponenten sind erst seit kurzem auf dem Markt. Wenn die Serien in den kommenden Jahren größer werden, sinken die Preise.

Es gibt auf europäischer Ebene das Projekt Cost Efficient Passive Houses as European Standards (CEPHEUS). Decken sich die Erkenntnisse im Ausland mit den Erfahrungen bei der Entwicklung hierzulande?

An dem Programm CEPHEUS haben sich Frankreich, die Schweiz, Österreich, Schweden, und Deutschland beteiligt. Dabei wurden bislang 60 Passivhäuser gebaut. Die wissenschaftliche Auswertung des Projektes hat gerade erst begonnen. Unabhängig davon zählt Deutschland aber derzeit zu den Vorreitern auf dem Feld der PassivhausTechnik. Lange galten die Skandinavier als führend beim energiesparenden Bauen. Doch inzwischen ist es uns gelungen, diese Idee mit neuen Lösungen nach Schweden zu reimportieren.

Dass Passivhäuser einen niedrigen Energieverbrauch haben, ist ihr Markenzeichen. Mit welchem Energieträger oder System sollten Bauherren sie denn beheizen?

Bei den bislang realisierten Passivhäusern sind viele Varianten möglich. Reihenhäuser oder Mehrfamilienhäuser haben nach unseren Untersuchungen oft einen Fernwärmeanschluß. Das funktioniert gut. Auch Gasbrennwertkessel kommen zum Einsatz. Hier müssen sich die Hersteller aber bemühen, die Aggregate dem kleinen Leistungsbereich anzupassen. Einige Architekten wichen bereits auf Standheizungen aus, wie sie in Campingwagen üblich sind. Es bietet sich außerdem an, ein solches Haus mit Holz zu beheizen. Die Leistung eines kleinen, raumluftunabhängigen Ofens reicht schon aus. Auch eine kleine elektrische Wärmepumpe ist für die Energieversorgung nicht auszuschließen. Denn bei Passivhäusern liegt der Stromverbrauch weit unter dem, was ein elektrischer Herd beim Kochen verbraucht.

Passivhäuser sollen auch besonders geeignet sein für Allergiker. Wie ist dieser Zusammenhang zu erklären?

Wir bauen nicht nur, um Energie zu sparen, sondern auch um uns in unseren Häusern wohl zu fühlen. Allergiker haben in vielen herkömmlichen Häuser Beschwerden. Einige Pollen oder Sporen, die den Allergikern zu schaffen machen, lassen sich bei einem Passivhaus am Frischlufteinlass durch den Einbau eines hochwertigen Filters in der Wärmerückgewinnungsanlage abfangen. Weil es im Passivhaus keine übermäßige Luftfeuchtigkeit gibt, verringert sich auch die Gefahr, dass sich Hausstaubmilben stark vermehren. Das waren die Ergebnisse der Untersuchung erster Modellhäuser.

Gibt es derzeit Förderprogramme zum Bau von Passivhäusern?

In Schleswig-Holstein und Sachsen können Bauherren mit Zuschüssen der Landesregierung rechnen. Darüberhinaus gibt es das Bundesprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Sie bewilligt einen zinsvergünstigten Kredit in Höhe von rund 100 000 Mark. Das Interview führte Ralf Köpke.

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