Zeitung Heute : Der Skandal des Schweigens

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming, Washington

Sein Haar ist weiß, der Scheitel streng, die Stimme fulminant. Bernard Law gilt als der mächtigste katholische Würdenträger in den USA. Und seine Karriere ist wahrlich makellos. Nach innen präsentierte er sich stets loyal, nach außen als ganzer Kerl. In den 60er Jahren etwa hat er gegen die Rassentrennung gekämpft. Wie ein Fels in der Brandung soll er damals auf Protest-Veranstaltungen aufgetreten sein. Er schwang das Banner der Bürgerrechte und hielt flammende Reden. Dafür braucht man Mut oder einen festen Glauben. Law hatte beides.

Vor 18 Jahren wurde der politisch liberale, dogmatisch konservative Geistliche zum Erzbischof ernannt. Später folgte die Kardinalswürde. In der Stadt Boston mit ihren gut zwei Millionen Katholiken residiert der heute 70-Jährige über die viertgrößte Diözese in den USA. „Einer wie ich ist kein Politiker oder Vorstandsvorsitzender“, sagte er unlängst in einer Messe. „Wir sind Pastor, Lehrer und Vater. Wenn es Probleme in der Familie gibt, dürfen wir nicht einfach davonlaufen. Wir müssen uns den Problemen stellen – gemeinsam mit Gottes Hilfe.“

Wie groß die familiären Probleme sind, in die der Kardinal auch persönlich verstrickt ist, wurde ihm am vorvergangenen Sonnabend deutlich. Die Szene war bizarr. Er selbst saß auf einem Sessel, umgeben von seinen Bischöfen und Priestern. Dann kam die Revolutionsgarde herein. Die bestand aus Repräsentanten sämtlicher Gemeinden seiner Diözese. Jeder von ihnen durfte dem Kardinal in zwei Minuten seine Meinung sagen. Das Treffen dauerte ungefähr zwei Stunden. Fast alle Aufständigen, das schilderten die Beteiligten danach, hatten nur eine einzige Botschaft: „Treten Sie zurück, Herr Kardinal.“

Was Anfang Januar in Boston begann, hat inzwischen ganz Amerika erfasst: Die päpstliche Kirche des Landes steckt in ihrer schwersten Krise. Fast täglich werden neue Fälle von Priestern bekannt, die Kinder missbraucht haben. Von vereinzelten Entgleisungen spricht keiner mehr. Der Skandal ist epidemisch. Seit Januar mussten mindestens 58 Geistliche, darunter auch Bischof Anthony O’Connell aus Palm Beach, Florida, ihre Kanzel räumen. Sie wurden entweder suspendiert oder traten freiwillig zurück. Gegen rund 2000 Priester wird ermittelt.

Die Wellen der Affäre haben längst den Vatikan erreicht. Gestern prangerte der Papst die Verbrechen seiner Mitbrüder scharf an: Sie hätten den „schlimmsten Ausformungen des unergründlichen Bösen in der Welt nachgegeben“. Auch einzelne Fälle von Missbrauch in seiner Heimat Polen und in Frankreich dürften Johannes Paul II. Sorgen bereiten. Maßnahmen nannte er allerdings nicht.

In den USA gärt es bereits seit vielen Wochen. Im Januar hatte die Zeitung „Boston Globe“ schwere Vorwürfe gegen den 66-jährigen Priester John Geoghan erhoben. Ihm wurde vorgeworfen, innerhalb von zwei Jahrzehnten mehr als hundert Jugendliche sexuell belästigt zu haben. Kurz darauf sprach Kardinal Law öffentlich von einer „Schande“, rief eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber Kinderschändern aus und eine Kommission ins Leben, die über das Problem beraten soll. Im Februar wurde Priester Geoghan von einem Gericht wegen Missbrauchs eines Zehnjährigen zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Der Skandal hinter dem Skandal ist allerdings noch größer. Von den Verbrechen des Priesters haben seine Vorgesetzten gewusst. Das hat auch Kardinal Law eingeräumt. Aber anstatt den Missetäter aus den eigenen Reihen zu entfernen, wurde vertuscht, gezahlt und versetzt. Die Ausmaße dieser offenbar gängigen Praxis sind unvorstellbar. Seit 1985, so wird geschätzt, hat die katholische Kirche in den USA etwa eine Milliarde Dollar an Schmerzens- und Schweigegeldern berappt. Im Fall Geoghan wurden bereits 15 Millionen Dollar an die mutmaßlichen Opfer überwiesen, die endgültigen Zahlungen könnten sich auf über 100 Millionen Dollar belaufen, der Priester selbst indes wurde von Gemeinde zu Gemeinde lediglich weitergeschoben. Der Polizei wurden die Fälle nicht gemeldet.

Dass die Schweigestrategie letztlich nicht mehr funktionierte, ist allein dem öffentlichen Druck zu verdanken. Nur widerwillig übergab Kardinal Law im Februar den Justizbehörden eine Liste mit den Namen von mehr als achtzig Geistlichen, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Seitdem ist der Bann gebrochen. Von New York bis Los Angeles, von Miami bis Seattle fordern Katholiken grenzenlose Offenheit über die Verfehlungen ihrer Geistlichen. Immer mehr Opfer melden sich zu Wort. Die Empörung kocht über in einem Land, in dem nichts als niederträchtiger gilt als Kindesmissbrauch und nichts höher geschätzt wird als die Religion.

Kardinal Law indes will nicht zurücktreten. Mit Gottes Hilfe möchte er auch diesen Sturm überstehen. Wegen der enormen Entschädigungszahlungen wird in seiner Diözese schon über den Verkauf von Kirchen nachgedacht. Vielleicht ist mehr vonnöten als Mut und ein fester Glaube, um das Wort Gottes weitertragen zu dürfen. Etwas Anstand und Offenheit zum Beispiel.

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