Zeitung Heute : Der Sommer seines Missvergnügens

Gefrorenes Lächeln, Kränkung im Gesicht: Noch immer leidet Stoiber am Schröder-Trauma von 2002

Jürgen Schreiber

„Der Toni“ von den „Original Bergischen Gaudibuam“ hatte eben noch ins Mikrofon geschmalzt: „Her mit meinen Hennen, der Gockel ist da!“ Da betritt Edmund Stoiber wie gerufen das Festzelt vor der Eishalle von Bergisch-Gladbach. Über 1000 Besucher sind aus dem Häuschen, nachdem sie mit „Rosamunde“ und weiterem einschlägigen Liedgut zum Empfang des Gaststars weich gekocht worden sind: „Alles, was ich will, bist du…“

Seit einer Stunde beschallten die von „Peppi“, „Seppi“, „Fränki“ und dem besonders erhitzten „Toni“ bedienten Gitarren und das Akkordeon die Versammlung hart an der Schmerzgrenze. Beim elektrisch verstärkten „Trompetenecho“ musste man um die frisch gelegten Dauerwellen der Damen fürchten, die schunkelnd die Zeit bis zur Ankunft des bayerischen Ministerpräsidenten überbrückten. Nach dem bei Stoiber gewohnten Quantum Verspätung hieß es nicht weniger laut zu seiner Begrüßung, „eine so große Veranstaltung“ habe die CDU am Ort noch nie erlebt. Da fiel kaum ins Gewicht, dass draußen unter Rotbuchen überdimensionierte Linkspartei-Plakate der Union die Schau stehlen wollten und im Freien lagernde Punks provokativ das Stück „Rudelfick im Altersheim“ röhrten.

Alles nur Vorgeplänkel. Jetzt lässt die geschickte Regie den Oberbayern das Zelt auf der gesamten Länge durchschreiten. Wo im Gedränge Fotografenblitze zucken, ist „er“ – Stoiber. Die üblich gekonnte Prozession des CSU-Vorsitzenden mit ebenso üblich gerecktem Kinn im noch schärfer geschnittenen Gesicht. Keine Spur von einer dem Alter zugeschriebenen Milde. Er trägt zum Defiliermarsch seine bekannte Nick-Knatterton-mäßige Miene vor sich her. Stoiber erscheint in Doppelfunktion als Wahlkämpfer und Katastrophenmanager, direkt dem Hochwasser an Isar und Donau entstiegen. Das diente im Stimmungstief als Jungbrunnen. Wer hinter ihm her reiste, hörte Staumeldungen von Autobahnen im Wechsel mit steigenden bayerischen Pegelständen, die in seine hohe Stirn zusätzliche Falten gruben. Beim 63-Jährigen vernetzen sie sich zum komplexen Fadenspiel rund um die Augen bis zu den tief eingegrabenen Mundwinkeln.

Edmund Stoiber ist 30 Jahre im Geschäft. Der Vollprofi genießt den mühsamen, doch jedes Mal schmeichelnden Auftakt. Diesen immer wieder fiebrigen Vorlauf im Tross, der sich unter Polizeibedeckung durch das dichte Spalier einer stehend applaudierenden Menge den Weg bahnt. Schließlich entert er die Bühne und winkt den „Edmund, Edmund“-Rufern. Am rechten Rand platziert sich fotogen Sänger „Toni“ mit seinen „Gaudibuam“ in Lederhosen, als gelte es, Stoiber das folkloristische Heimspiel-Ambiente zu bieten.

Denn es gab reichlich Anlass für den CSU-Boss, sich fremd in der eigenen Union zu fühlen. Der Wahlkampf 2005 ist überhaupt nicht sein Wahlkampf. Bei der Präsentation eines so genannten „Kompetenzteams“ pflanzte sich Stoiber in der Berliner CDU-Zentrale zur vollen Größe von 1,87 Meter neben den 1,68 Metern von Angela Merkel auf. Das entspricht aus Münchner Sicht durchaus der Augenhöhe in ihrem Verhältnis. Rechts des ungleichen, sich durchaus belauernden Paars bildeten diese neun Frauen und Männer eine Art Gruppe. Links von Merkel stand Stoiber: allein, sozusagen freigestellt, wie er es seiner Bedeutung nach für angemessen gehalten haben mag. Aber so wie er stand, stand er in ihrer ohnehin komplizierten Geometrie der Macht im Abseits. Das Bild – der Kantige neben der Runden – war zu schön, um sich nicht auszumalen, dass sein Bekenntnis zur CDU-Chefin wohl in etwa so dünn ausfällt, wie er von Statur ist. Die ach so geliebte UnionsSchwester werde ihm, berichten Insider, ein ewiges Ost-Rätsel bleiben. Jedenfalls, diese Vorstellung lief dramatisch an ihm vorbei.

Was mag ihm in den quälend langen Minuten in den Sinn gekommen sein? Was er außer „Neben-Kanzlerkandidat“ („Spiegel-Online“) schon alles hätte werden können dürfen? Bundespräsident! EU-Kommissionär! Und nun das, Staffage für Angela. Öfter als sonst blickte er an sich herunter, als sei auch er nicht ganz frei von der Sünde der Eitelkeit. Während die Kandidatin wie eine Schullehrerin ihre Unterstützer aufrief, gute Noten verteilte (und sich selbst auf die wattierte Schulter klopfte), blieb genug Zeit für die Erinnerung an den Stoiber 2002. Der hatte sich so ganz anders in diesem Lichthof gezeigt und seine Chance gesucht.

Damals war er die Nummer 1. Sein Imageberater Michael Spreng hatte den rechten Flügelstürmer nicht ungeschickt zum „Mann der Mitte“ ausgerufen. Es schien nur eine Frage von kurzen Wochen zu sein, dass er der Nachfolger des Kanzlers Gerhard Schröder sein würde. Heute verkündet das Plakat hinter Stoiber „Besser für unser Land“ und meint Merkel. Der Werbehimmel war nie blauer über Deutschland. Damals hieß es „Zeit für Taten“ oder „Der ernste Mann für ernste Zeiten“. Souffleur Spreng hatte beim sonst sperrigen „Edi“ die Spaßbremse gelockert, sein Schützling war um des Ruhmes willen zu all den Komödien und Tragödien von Leutseligkeit bereit, die ein Politiker im Medienzeitalter mitmachen muss. TV-Duelle und ähnliche Schaustellungen, die ihm nicht besonders liegen. Sogar der Lodenlook wurde eingemottet. Das ist Geschichte, seine Geschichte.

Von den verjährten Stoiber-Festspielen sind ihm die auffallend gemusterten Binder geblieben, in übertrieben farbenfrohen Variationen. Erzrivale Schröder könnte sie nicht besser für ihn aussuchen. Im Sommer seines Missvergnügens wirken die grellen Krawatten an Stoiber eher wie Signaltücher für den Notruf, seht her, ich, euer Edi, bin auch noch da! (Während man dies schreibt, vermeldet dpa, er sei für „Modeexperten“ der am besten gekleidete Politiker.) Zugegeben, der CSUler war nie ein Medienliebling. Aber neuerdings hat er eine Presse, wie sie ein Politiker seinem ärgsten Feind nicht wünscht, so sehr hat er mit zugespitzten Formulierungen über die „frustrierten“ Ostler seinen Kredit verspielt. Dabei sprach aus dem gescheiterten Kanzlerkandidaten doch nur der Frust-Experte, nämlich ein vom Wähler in seinem höchsten Begehren Zurückgewiesener. Schröder schlug ihn äußerst knapp, seitdem ist Stoiber Deutschlands gekränktester Politiker.

Wie sein Ziehvater Franz Josef Strauß kompensiert Stoiber die Ablehnung durch bayerische Kraftmeierei und Besserwisserei, eine Spielart des bajuwarischen Minderwertigkeitskomplexes. Mal legt er Angela Merkel die Messlatte für die Bundestagswahl auf „45 Prozent“. Mal fordert er tollkühn Oskar Lafontaine zum TV-Duell heraus. Wegen seines Hangs zu paradoxen Interventionen prophezeite ihm der „Stern“ fürsorglich, er werde als „Querulator“ der deutschen Politik enden. Vielleicht auch als tragischer Fall chronischer Selbstüberschätzung. Man muss nur mit einem CSU-Spezl in der „ARD-Eins“ am Berliner Reichstagsufer Kölsch (!) trinken, da hört man schon im zweiten Satz, dass der große Vorsitzende auch Freunde mit seinem Kokettieren nervt, ob er nun ins Kabinett Merkel nach Berlin geht oder nicht. Kurz, kaum ein Tag ist vergangen, an dem sich Stoiber weniger als Querdenker denn als Querrufer positioniert hätte. Inzwischen dämmert den Seinen, dass die Gesamtsumme schwerer Regiefehler nicht nur seinen Absturz in der Popularitätsskala bedeutete, sondern, dass der Knick außerhalb des Freistaates schwerlich wieder auszubügeln sein dürfte. Die 93 Prozent Zustimmung für ihn beim CSU-Parteitag in Nürnberg wird nicht mal er für eine echte Liebesbezeugung nehmen, sondern war davon richtig angefasst. Schließlich treibt ihn die nervöse Ahnung um, sein Einfluss schwinde.

Wahrscheinlich ist der Stoiber 2005 ohne die schwärende Niederlage gegen Schröder nicht zu verstehen. Hatte er nicht alles richtig gemacht? Sogar den steifen Kragen abgelegt, um sich den Lichtbildnern in lässigem Polohemd zu zeigen und so dem Image zu wehren, dass er nur ein Papiermensch sei? Irgendwie gewendet, schien der Kandidat plötzlich gar nicht mehr nur der blonde Schatten von Strauß zu sein, den im Groben und Ganzen zu kopieren ihm lange Bedürfnis war. Dann kam die Oder-Flut, und Stoibers sicher geglaubter Sieg ging darin unter.

Von diesem Wahlkampf, der ihm Himmel und Hölle bereitete, behielt er ein Schröder-Trauma zurück. Und einen seitdem noch stärker ausgeprägten Gesichtsausdruck der Verunsicherung, mit diesem an der Oberlippe festgefrorenen Lächeln, das kaum die Augen erreicht. Stoiber, so signalisiert die Ausstrahlung, ist der große Unverstandene, der verschmähte Durchblicker. In ihm nagt und nagt das unerlöste Gefühl, der Bessere hat verloren. Und: Der Bessere bin ich. Er kann noch so oft in Richtung Regierung Schröder wettern: „Sie haben bewiesen, dass sie es nicht können.“ Nicht mal 100 Prozent für die CSU würden den Verlierer von diesem Schock erlösen, dem Makel des Unterlegenen. In seiner Gemütslage Hand in Hand mit Merkel posieren und Harmonie demonstrieren zu müssen, vergrößert die Leiden des Edmund S.

Auf der Bühne blinkt und blinkt unverzagt die Lichtorgel der „Gaudibuam“: rot, gelb, grün, ohne dass der Schwarze das politische Signal zur Kenntnis nehmen würde. Einmal in Fahrt, registriert er noch nicht einmal, dass ihm das Wasserglas genommen wird in der Befürchtung, er könne das Gefäß vom Sockel stürzen. Wenn nicht mit seinen nach links und rechts auskeilenden Händen, dann beim Zustechen mit dem anklagenden Zeigefinger. Die brüsken Bewegungen entsprechen dem Disparaten des Vorturners, in dem der Historiker Paul Nolte einen „extrovertierten Charakter“ erkennt sowie einen „zutiefst unsicheren Menschen“. Man könnte auch sagen, Stoiber ist in seiner Rolle nicht zu Hause, sondern der Hauptdarsteller in seinem eigenen Psychostück. Allerdings ist man nie ganz sicher, ob er bei alledem nicht nur einem lieb gewordenen bayerischen Klischee entspricht oder umgekehrt sich das Klischee von Bayern nach Stoiber richtet.

Aus seinen Reden sind die Vorlesungen eines Politikers geworden, der unbedingt Recht behalten will. Deshalb findet er auch so schwer zum Ende. Es ist nämlich nicht nur so, dass Deutschland „eine bessere Regierung braucht“. Edmund Stoiber braucht am 18. September endlich auch eine persönliche Genugtuung. Hat er nicht allen voran mit Rentenformeln, Staatsverschuldung, Arbeitslosenzahlen operiert und für seine Zwecke instrumentalisiert? Auch wer Stoiber aktuell ins unübersichtliche Gelände seiner Algebra folgt, sollte tunlichst Prozentwert, Dreisatz und Proportionalrechnung beherrschen. „Politik ist nicht nur unterhaltsam“, denn immer im Kampf mit Schröder geht es Auge um Auge, Zahl um Zahl, damit Stoiber so tun kann, als sei die deutsche Misere eine übersichtliche Gleichung. Die könnte einer wie er sofort lösen, wenn man ihn nur machen ließe.

Bis er in Minute 35 einflicht, „jetzt bin ich genau beim Thema“, hat er sich also durch das Schuldengebirge gearbeitet, sich in regelrechter Beweissucht über den Niedergang Deutschlands unter Rot-Grün ausgelassen. Er hat weiter mit seinem Phantom Schröder gerungen. Im überfüllten Zelt hat er nach dem Warmreden das Jackett abgelegt, hat die Weste geöffnet, aber auch nur, um sich in unnachahmlicher Logik sofort wieder auf den Kanzler zu stürzen: Schröder habe gesagt, „dass in drei Jahren die Arbeitslosigkeit halbiert werde. Folge: knapp fünf Millionen Arbeitslose!“ Rauschender Beifall.

Edmund Stoiber ist ein hitziger Redner – zumindest verglichen mit Angela Merkel. Das beginnt bei der Körperspannung, wie er dabei steht, wie er die Dinge in der Hand behält – dagegen die Kanzlerkandidatin oft genug nur das Pult. Zweifellos befeuert den Routinier die Gewissheit, dass die vielen Zuhörer auch kommen, um ein Südlicht zündeln zu sehen. Diesen Mann, den man selten, manche sagen nie, hat von den Freuden des Lebens reden hören. Sondern stets von der Last der Pflichten predigen, die der Preuße aus Wolfratshausen personifiziert. Deshalb ist er nie bloß unterwegs, sondern immer auf Mission. Eine ganz andere Frage ist dann die nach seinem Erfolg. Denn er hat eine treue Gemeinde, die sich beinahe lustvoll seinen Hieben überlässt, peitschenden Sätzen im Stoiber-Sprech, zu denen er die Augen schmal in die Ferne richtet, ehe er anhebt: Beim Wirtschaftswachstum liege man in Europa „auf dem letzten Platz“. Bei der Staatsverschuldung nur noch vor Italien und Belgien, „aber mit denen wollen wir uns nicht messen“. Dann tastet er mit ungutem Blick über den Brillenrand die Reihen ab, dass man sich gemustert fühlt und erschrickt, ob man vielleicht an der falschen Stelle gelacht hat.

Stoiber beherrscht die künstliche Erregung in Bierzelten, die wie unter Presswehen hinausgeschrieenen Panikhinweise zur Lage der Nation, diese Kundgebungen, um seine Art Ironie eimerweise auszukippen. Die Deutschen hätten in vielen Disziplinen den Anschluss verloren, bei Computern, Optik, TV-Geräten. Dafür seien sie in „den Diskussionswissenschaften Meister. Noch bei einem Prozent Risiko wird alles diskutiert, während andere handeln.“ Diesem billigen Populismus pflichtet mit der johlenden Menge auch der zu seinen Füßen sitzende Sänger „Toni“ bei.

Vor dem Pult suggerieren ultramodern designte Plakate: „www.team.zukunft. cdu.de“ im neuen Partei-Orange. Die Mischfarbe übertüncht, dass seine Zukunft in der Vergangenheit liegt und die Union in Wahrheit selbst nicht richtig weiß, wo es langgeht. Stoibers wesentlicher Kunstgriff besteht nun darin, hinter dem Schlüsselwort durchaus raffiniert eine rückwärts gerichtete Politik zu verbrämen. Sein eifriges Plädoyer für die Atomkraft zum Beispiel, wie es so vielleicht in den 80er Jahren gehalten worden wäre, als er noch für Strauß an einem auf jeden Bierfilz passenden Weltentwurf strichelte. Auch der politische Ziehsohn tauscht im Stammtisch-Milieu keine Argumente mit dem Publikum aus, sondern Glaubensbekenntnisse und Ideologien, von ihm mit Stentorstimme als feste Wahrheiten behauptet. Wer den Verzichtsprediger ernst nähme, könnte sich eigentlich nur tief deprimiert über den Zustand dieses unseres Landes auf den Heimweg machen, wüsste man nicht, dass es rabenschwarz sein muss, damit die Unions-Sternchen funkeln: nicht weil sie besser sind, sondern die anderen so schlecht.

Stoibers freudlose Prosa verspricht wahrlich keine Wohltaten, sondern eine Steuererhöhung und dass man den Gürtel im Sinne des großen Ganzen werde noch enger schnallen müssen. Nur so werde es gelingen, nach der Talfahrt unter Schröder „mittelfristig“ wieder zum Europameister zu werden. Wundersamerweise beklatscht das Publikum den Appell an die Opferbereitschaft, was nur mit einer vollkommenen Desillusionierung durch die rot-grüne Regierung zu erklären ist. An dieses Empfinden einer Deklassierung appelliert der Instinktpolitiker zielsicher, indem ihm die katastrophale Bilanz von Schröder-Fischer das Einfallstor für das Vorgestrige öffnet.

Dann ist die Vorstellung des starken schwachen Mannes zu Ende. Der auf die Apokalypse abonnierte Schwarzseher würde über den ihm lieb gewordenen Schrecken von Rot-Grün den Rest der Nacht weiter herziehen können mit jenem Elan, zu dem nur Weltverbesserer fähig sind. Ihm, der mit Kälte Gefühle aktivieren kann, wird was fehlen. Die Ovationen lassen eine Sehnsucht nach dem starken Mann ahnen, der aber am 18. September eine Frau sein wird. Dann ist nach allen Prognosen Rivalin Merkel, was Stoiber sein wollte: In seiner Siegesfreude liegt seine ganze Tragik.

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