Zeitung Heute : Der Sonntag der Versöhnung

„Ich war kein leichter Vorsitzender“, ruft Schröder. „Das kann man sagen“, ruft es zurück. „Aber es waren auch verdammt harte Zeiten“ antwortet er. Da klatschen sie und hören gar nicht mehr auf. Und als sich der Kanzler am Ende gar eine Träne aus dem Auge wischt, hat er die Herzen gewonnen.

Hans Monath

und Peter Siebenmorgen

Es dauert fast eine Dreiviertelstunde, bis Gerhard Schröder endlich das tut, worauf sie im Kongresssaal des Estrel-Hotels alle gewartet haben. Bis dahin hat der scheidende Vorsitzende viel von Herausforderungen geredet, die man nicht wegdrücken könne, vom Irak-Krieg und vom demografischen Wandel, der radikale Antworten verlange. Ja, Franz Müntefering wird für Schröders Rede später sogar einen Ausdruck gebrauchen, der eher an eine Dienstbesprechung als an die dramatische Abschiedsrede des Parteivorsitzenden in einer der schwersten Krise der deutschen Sozialdemokratie denken lässt: „Es ist schon angeklungen im Referat von Gerd.“

Gerhard Schröder also steuert nach genau 43 Minuten auf den Punkt seiner Abschiedsrede zu, an den sie sich später noch erinnern werden. Jetzt hält der Regierungschef inne, wechselt die Tonlage und sagt: „Gestattet mir ein paar persönliche Worte.“ Da wird es ganz still in den Reihen, denn jeder spürt, jetzt geht es um das wirkliche Verhältnis Schröders zu seiner Partei: Was sagt er über die unendliche Mühe, die ihn der Widerstand der sozialdemokratischen Seele gegen die Sozialreformen gekostet hat? Eine große Ehre sei es für ihn gewesen, in der Nachfolge August Bebels und Willy Brandts zu stehen, sagt Schröder, bevor er die Begründung liefert, warum dieser Sonderparteitag überhaupt nötig war, der doch seine SPD wieder aufrichten soll: Weil die Aufgabe sozialdemokratische Politik auch international zu gestalten, alle seine Kräfte beanspruche, auch wenn er sich dabei stützen könne „auf die, die ich liebe und die mich lieben“. Das große Videobild der blauen Parteitagskulisse zeigt Doris Schröder- Köpf, die im bonbonfarbenen Blazer in der ersten Reihe sitzt und sichtlich gerührt ist.

Das sind auch die Delegierten, der Beifall schwillt noch einmal an. Im Moment des Abschieds scheint die Partei mit Gerhard Schröder versöhnt, der nichts zurücknimmt, sondern noch einmal um Verständnis wirbt: Er sei „für viele kein leichter Vorsitzender“ gewesen. „Das kann man sagen“, hallt es aus einer bayerisch besetzten Delegiertenreihe. „Es sind aber auch verdammt harte Zeiten, in denen ich das war“, gibt Schröder zurück. Da klatschen sie noch lauter und stehen auf und wollen gar nicht mehr aufhören.

Noch ganz weit weg schien Schröder, als die stellvertretende Parteivorsitzende Heidemarie Wieczorek-Zeul ihn zur Eröffnung des Sonderparteitags begrüßt hatte. Seine Entscheidung gegen den Irak-Krieg lobt die Entwicklungsministerin. Und im Wahlkampf 2002 habe er die Partei „mitgerissen, als manche schon nicht mehr an den Wahlsieg glaubten“. Da saß der so Gelobte an seinem Platz und blätterte, als ob ihn das alles nichts anginge, in einem neuen Magazin aus Potsdam, das sie auf dem Parteitag verteilt haben. „Der einsame Kanzler“, heißt eine Geschichte in dem Hochglanzheft, und dieser Titel traf auch das Verhältnis recht gut, das große Teile der Partei zu ihrem scheidenden Vorsitzenden pflegten.

Jetzt wollen sie sich doch mit ihm versöhnen: Sie hören nicht auf zu klatschen. Doch erst, als Gerhard Schröder zum dritten Mal wieder von seinem orangefarbenen Stuhl aufstehen muss, hört man auch ein paar Rufe. Da nimmt der Gefeierte seinen Nachfolger Franz Müntefering am Arm, der fast zu zögern scheint, zieht ihn mit vor auf die Bühne, wo sie den Beifall entgegennehmen. „Ich hätte ihn gern zum Freund“, hat Schröder im Tagesspiegel-Interview über den Nachfolger gesagt. Aber sie nehmen sich nicht in den Arm, jetzt nicht, sie stehen da in eineinhalb Meter Abstand. Auch wenn Schröder nach der Wahl Münteferings mit mehr als 95 Prozent ans Mikrofon gehen und versprechen wird: „Wann immer du mich brauchst, ich bin für dich auch sehr persönlich da.“

Alles ist darauf angelegt, Gemeinsamkeit zu demonstrieren. Sie schreiten Seit’ an Seit’ in den Saal, wie es in dem alten Lied der Arbeiterbewegung heißt. Und die Delegierten wollen Nähe spüren. Auch körperlich. Nähe zu beiden. Zu Franz Müntefering sowieso. Den lieben sie. Aber auch zu Gerhard Schröder, den sie nie geliebt, doch allmählich zu achten gelernt haben.

Aber wie einig ist diese Partei? An der Basis oder auch in der Parteiführung? Man braucht sich an diesem Tag nur einmal Wolfgang Clement anzusehen, der sich in der ersten Reihe auf dem Vorstandspodium den ganzen Tag auf seinem Stuhl hinlümmelt, dass man um seine Sitzstabilität ernsthaft besorgt sein muss. Und er klatscht demonstrativ nicht, als Einziger da oben, als Schröder sagt, Müntefering sei nun einmal der beste Vorsitzende für die SPD in dieser Zeit.

Und wird es klappen mit der Aufgabenteilung zwischen dem Kanzler und dem neuen Vorsitzenden? Seinen Anspruch auf Führung und Geschlossenheit verkündet Müntefering im bekannten Stakkato-Stil: „Kontroverse ist gut. Kompromiss, Entscheidungskraft ist aber auch gut.“ Vor vier Monaten in Bochum, auf dem letzten Bundesparteitag, da waren es auch solche Kurzsatz-Botschaften, die für Aufsehen sorgten. „Die Fraktion ist gut. Die Partei auch. Glückauf.“ Und dass er in diesem Stakkato-Lob kein gutes Wort für die Regierung übrig hatte, fiel allen im Saal und auf dem Podium sofort auf.

Auch Schröder muss damals in Bochum gespürt haben: Wenn der Fraktionschef nur wollte, dann könnte er jetzt „den Lafontaine“ machen, wie es in der SPD heißt, also: ihn, den Kanzler, so schnell vom Amt des Parteivorsitzenden wegputschen, wie das Oskar Lafontaine mit dem glücklosen Rudolf Scharping auf dem Mannheimer Parteitag 1995 getan hatte. Auch in Bochum sammelte Müntefering alle Emotionen ein, so dass der eigentliche Parteichef plötzlich sehr allein auf seinem Stuhl zu sitzen schien. Und alle anfingen, darüber zu reden, ob Müntefering nicht der bessere Parteichef wäre, der diese verunsicherte Regierungspartei wieder einen und selbstbewusster machen könnte. Noch am Rande des Parteitags hat Schröder Müntefering dann gefragt, was der von der Idee halte, das Parteiamt des Kanzlers zu übernehmen.

Nicht nur mit dem Bekenntnis zu seinen Gefühlen hat Schröder diesmal das Eis gebrochen. Im Moment des Wechsels scheinen die Delegierten bereit, sogar Neues zu hören und für gut zu befinden. So braucht es auf diesem Parteitag gar nicht das Bekenntnis zu Symbolthemen wie Erbschaftssteuer und Ausbildungsumlage, um Beifall zu bekommen. Schon Schröders Appelle an den Glauben, an die Bildung oder die Generationengerechtigkeit genügen, damit sich die Partei angesprochen fühlt.

Nachher sind viele zufrieden. Die Kanzler-Berater, dass der Übergang so gut geklappt hat, ohne die Autorität des Chefs zu beschädigen. Die Linken, dass ihre Themen aufgerufen wurden. Die Strategen aus der Partei, die nicht nur Lernbereitschaft gespürt haben wollen, sondern sogar so etwas wie Aufbruchstimmung. „Der Emo-Tank war leer“, sagt einer in Anspielung auf die Gefühle von Frust und Verzweiflung, von denen die gebeutelte Partei geprägt war: „Jetzt ist er wieder halb voll.“

Vielleicht hat dazu beigetragen, dass auch der Kanzler selbst am Ende seiner Rede Gefühle gezeigt hat. Er steht da, als sie ihn beklatschen, minutenlang. Die Kiefer mahlen nicht, aber die Lippen hat er aufeinander gepresst, als ob er etwas unterdrücken wolle, was in ihm rührt. Und dann sieht man auf der großen Leinwand, wie der Noch-Vorsitzende sich eine Träne aus dem Auge wischt. Er steht da, macht noch einmal den Mund auf und holt tief Luft. Es soll ja noch weitergehen nach diesem Sonntag.

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