Zeitung Heute : Der Spagat des „Chinesen“

Der Tagesspiegel

Sergio Cofferati wird nicht zu Unrecht „il cinese“ genannt. Der „Chinese“ ist Chef des größten italienischen Gewerkschaftsbundes. Den Spitznamen erhielt er nicht nur wegen seiner Augenform, sondern auch wegen seiner Gerissenheit. Die bewies er auch bei der gestrigen Massendemonstration in Rom. Der Spagat gelang: gegen den Mord an Berlusconi-Berater Marco Biagi zu protestieren und zugleich gegen die von Biagi mit ausgearbeitete Reform des Arbeitsrechts, die Entlassungen erleichtern soll. An die zwei Millionen Menschen lockte Cofferati auf die Straße. Anstatt vom Mord an Biagi zu sprechen, wetterte er gegen Terror im Allgemeinen. „Gegen Terrorismus, für Demokratie und für Arbeitnehmerrechte“ lautete der Kampfruf der Massenveranstaltung. Damit ersparte es sich Cofferati, Biagis Reform offen zu kritisieren - und doch verstand jeder die Stoßrichtung: gegen Silvio Berlusconi und gegen die Reform des Arbeitsrechts. Über den „Verräter“ Biagi, der als Berater erst für die linken Regierungen und dann für Berlusconi gearbeitet hatte, wurde hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Denn das wollte der „Chinese“ dann doch nicht: dass der Protest gegen Terror zum Requiem für einen wird, der Gewerkschaftsinteressen geschadet hat. mig

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