Zeitung Heute : Der Spaß hat Sitzfleisch

Nadja Klinger

Das Jahr ist um. Eigentlich müsste Klaus Müller sich erst mal hinsetzen. Er müsste mit den Füßen den ganzen Papierkram zur Seite schieben, die Beine auf den Schreibtisch legen und einfach nicht ans Telefon gehen. Es wäre ganz still in seinem Büro, so still wie draußen im "Heide-Park", seit die Saison zu Ende ist. Müller würde tief Luft holen, das vergangene Jahr Revue passieren lassen und zufrieden sein.

Stattdessen erledigt Klaus den Papierkram, nimmt jedes Telefonat beflissen entgegen, und kaum ist der Hörer aufgelegt, fängt er an zu rotieren. Dann verlässt er sein Büro und schließt gewissenhaft alle Türen hinter sich ab. Nur der Schlüsselbund klappert, Müller selbst bewegt sich so leise fort, wie er auch spricht. Er macht keinen Wind, sondern seinen Job. Seit sieben Jahren repräsentiert er als Pressesprecher einen Erlebnispark. Er engagiert sich, als ginge es bei der Achterbahn, der Looping-Bahn oder der Wildwasserbahn ums Überleben. Als wäre der "Heide-Park" Soltau ein Teil dieser Welt. Und genau genommen ist er das ja auch.

Zum ersten Mal geht die Saison zu Ende, und er kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Es scheint, als hätten die Journalisten in diesem Jahr nicht genug Spaß gehabt. Das Laub legt sich über den 85 Hektar großen Vergnügungspark, Müller kommt mit Redakteuren und Kameraleuten und wühlt es immer wieder auf. Abends ist er durchgefroren. Gegen sieben kommt ein Kollege und holt ihn vom Büro zur Party ab. Hunderte Mitarbeiter des "Heide-Parks" feiern ihr traditionelles Abschlussfest. Müller geht mit Jackett und Schlips. Er nimmt sich vor, nicht so lange zu bleiben, weil morgen früh das ZDF und der "Spiegel" kommen.

Ostern fing das Jahr an, und zwar mit Mistwetter. Statt der erwarteten 15 000 Leute kamen 6000. Pfingsten regnete es. Der Sommer war so lala, aber noch schlimmer als Pfingsten regnete es im September. Trotz der widrigen Umstände ist am Ende die Besucherzahl gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent gestiegen, die Schlacht also gewonnen. Die Vergnügungsindustrie hat das Wetter, die Geldsorgen der Leute und die schlechten Nachrichten, die ihnen die Laune verderben, besiegt. "Dieses Jahr stand im Zeichen der Holzachterbahn", sagt der Geschäftsführer in seiner Abschlussrede.

Für 45 Millionen Mark hat der "Heide-Park" die größte Holzachterbahn der Welt gebaut. "Im nächsten Jahr werden wir eine Stahlachterbahn bauen", sagt der Geschäftsführer. "Und es wird wieder die größte der Welt sein." Das klingt wie: Nächstes Jahr wird es gar kein Wetter mehr geben, keine schlechten Nachrichten und keine Probleme mit dem Geld. Die Leute jubeln. Anscheinend nimmt lediglich das Vergnügen kein Ende.

Pause alle zwei Stunden

Endlos scheint auch das zu sein, was Cordula Straub, Wilko Jäschke und Roland Maier machen. Sie sitzen unweit vom Restaurant, inmitten der Kulisse eines holländischen Dorfes, jeder auf einem 2 Meter 50 hohen Pfahl. Alle zwei Stunden dürfen sie absteigen, dann nehmen sie den kürzesten Weg zum Klo oder drehen mit einem Fahrrad bescheidene Runden, denn nach genau zehn Minuten schlägt die Stoppuhr laut Alarm. Wer dann nicht wieder oben sitzt, muss nach Hause fahren. Den Hintern der drei stehen jeweils 40 mal 60 Zentimeter zur Verfügung. So sitzen sie seit dem 15. Mai, Herr Maier, ein 38-jähriger Schwabe, ganz außen, direkt an der Promenade, über die zirka zwei Millionen Besucher flanierten. Weil er so maulfaul ist und auf Fragen hin nur brabbelte, haben die Leute ihn wenigstens zur Genüge begafft. Wie im Zoo.

Einige Meter von Maier entfernt sitzt Cordula Straub (29) aus Hannover, jedoch nicht so weit weg, daß sie nicht mit ihm streiten könnte. Das haben sie in dem halben Jahr zur Genüge getan. Zuweilen hat Maier die Frau mit Worten angegrapscht, dann hat sie tagelang zurückgefaucht. Schließlich ist Klaus Müller vom Verwaltungsgebäude herübergekommen und hat versucht zu schlichten, bis ihm der Nacken vom Hochgucken steif wurde. Weil es sich jedoch nicht um Kinderkram, sondern um die offizielle fünfte Weltmeisterschaft im Pfahlsitzen handelte, dampfte Müller irgendwann wieder ab. Die Jury kam und zog gelbe Karten.

Zwischen Maier und Straub sitzt Herr Jäschke. Der ist 30, kommt aus Jüterbog in Brandenburg und hat eigentlich die Nase voll. Er weiß, dass es Maier ist, der immer anfängt zu streiten, alle wissen das. Letztlich hat der Schwabe auch den gemeinsamen Abstieg versaut. Nach 167 Tagen wollten sie Schluss machen, die Preisgelder in einen Topf werfen und durch drei teilen. Aber Roland Maier, der seine Pausen oft nicht genutzt und die Zeit angespart hat, liegt einige Stunden vorn. Ganz hinten liegt Cordula Straub, was auch auf Holzpfählen sofort die Frage nach der Gleichberechtigung aufwirft. Es gebe Tage, erklärte Frau Straub der Presse, da habe sie als Frau gar keine Wahl und müsse absteigen. Aber er sei bei der Essensausgabe immer der Letzte, konterte Herr Maier. "Die aus dem Norden wollen mich mürbe machen, ganz langsam und mit so perfiden Methoden, dass später niemand verantwortlich gemacht werden kann."

Das Später ist erst mal aufgeschoben, da Roland Maier nicht wie Wilko Jäschke bereit war, die Frau an die Stundenzahl der Männer herankommen zu lassen. Bei einem gemeinsamen Abstieg würde Maier 35 000 Mark einsacken. Jäschke bekäme etwas über 15 000, die Dritte nur etwas mehr als 5000 Mark. Da bleiben sie lieber sitzen und vertreiben mit Lesen, Fitnessübungen und Reden weiter die Zeit. Einzig über die Telefone, die an ihren Pfählen hängen, sind die Weltrekordler mit der Welt verbunden. Manchmal ruft auch Klaus Müller von seinem Büro aus oben auf den Pfählen an. "War das Mittagessen gut?", fragt er Herrn Maier. - "Hat geschmeckt", antwortet der. - "Das war Truthahn", sagt Müller. - "Ach, Truthahn." - "Ja. Und satt geworden?" - "Mhm." Der Pressesprecher legt auf und wählt die Nummer von Cordula Straub, die am anderen Ende eine ganze Menge redet. "Und sonst, war sonst noch was?", fragt Müller dann. Was soll sie antworten? Es wird immer früher dunkel, die Sonne trocknet die regennassen Sachen nicht mehr, und die Nächte sind schon empfindlich kalt. Wie so oft im Leben ist es ein Fernseher, der ablenkt von den Realitäten. Wilko Jäschke mag die Olsenbande, die bringen sie jedoch selten. Mit Cordula Straub kann er sich aber gut auf andere Sendungen einigen, und der Schwabe kann zum Glück selbst den Fernseher nicht ausstehen.

Ab 11. September allerdings gab es plötzlich ein ganz anderes Programm. Es war keines von der Sorte, worauf man sich einigen kann. Es war eine Herausforderung, nicht zu vergleichen mit der, sich monatelang den Hintern platt zu drücken. Irgendwas war plötzlich komisch mit Jäschke, Maier und Straub. Der Fernseher mit den brennenden Bildern und sie auf ihren Pfählen, das nahm sich ein bisschen lächerlich aus. Irgendwie war es wie ein Attentat auf den Spaß. Hatten die Drei sich doch bis eben auf ihren Pfählen noch ganz groß gefühlt, sehr groß sogar, zuweilen größer, als es die Türme des World Trade Center waren.

Bei Klaus Müller im Büro, beim Pförtner, in der Buchhaltung, überall klingelten die Telefone. Alle Anrufer stellten dieselbe Frage: "Macht ihr etwa zu?" Die "Heide-Park"-Mitarbeiter verneinten sofort. "Wir haben nicht eine Sekunde daran gedacht", sagt Pressesprecher Müller. "Wem hätten wir denn damit einen Gefallen getan?"

Früher war Müller mal stellvertretender Chefredakteur einer Tageszeitung. Er war sozusagen auf der anderen Seite. Damals hat er die Leute hingelenkt auf die Probleme, heute lenkt er sie ab. Im Kopf ist dieser Spagat nicht so einfach hinzukriegen, der Kopf kann im Vergnügungspark das größte Hindernis sein. "Nun ja", gesteht Müller, "zumindest einen Moment habe ich an eine Schließung gedacht." Gleich nach diesem Moment allerdings tat er wieder seinen Job. "Die Leute haben ein Recht auf einen Ort, an dem sie die Probleme vergessen können", sagte er sich. Dieser Satz war wie geschaffen, ihn fortan zur Rechtfertigung immer mit sich herumzutragen. Aber gebraucht hat Müller ihn nie, denn die Journalisten, die zu ihm kamen, stellten gar keine kompromittierenden Fragen. Vielmehr gewann er den Eindruck, als hätten sie von ihren eigenen Schlagzeilen und Bildern gründlich die Nase voll. Sie umlagerten die Pfahlsitzer, interviewten, fotografierten. Fast alle großen Fernsehanstalten waren da, sogar eine amerikanische, und von Müller verabschiedeten sich die meisten mit dem Satz: "Das war ja endlich mal was Positives."

Das Abschlussfest verbringt Klaus Müller an einem Tisch mit den Frauen aus der Verwaltung. Andauernd drückt ihm jemand einen Fotoapparat in die Hand. Er soll die Kollegen fotografieren, die ihre Gläser ins Bild halten und sich gegenseitig die Arme um die Schultern legen. "Wir haben noch ein Jubiläum zu feiern", ruft der Geschäftsführer ins Mikrofon: "Unsere Kollegen aus dem Osten sind jetzt zehn Jahre bei uns!" An Müllers Tisch schleppen die Leute derweil ihre Tombola-Gewinne vorbei: Tüten voll Nippes, Schirme, Uhren, Flaschen.

Draußen sinkt die Temperatur. Ein ekelhafter Regen sprüht von allen Seiten. Es ist stockdunkel und still, nur dieses Wetter rauscht in den Bäumen und platscht in den See gleich gegenüber vom Restaurant. Mitten auf dem See steht eine riesengroße Freiheitsstatue. Jemand hat auf den Schalter gedrückt, jetzt strahlen sie grelle Scheinwerfer an. "Das machen wir immer so am letzten Abend", erzählt Müller. "Sie sagt den Kollegen ein letztes Mal Hallo."

Frau Herold vom Marketing, zuständig für Gruppenreisen, setzt sich zu ihm. "Übrigens auch aus dem Osten", erklärt Müller, "eine sehr pünktliche und zuverlässige Kollegin." Ein, zwei Tage nach den Attentaten von New York und Washington gingen die Anfragen nach Reisen in den "Heide-Park" leicht zurück, erzählt die Frau. "Danach aber war nichts mehr von den Ereignissen zu spüren."

"Die drei da wollen auch nur im Mittelpunkt stehen, einmal im Leben", sagt Klaus Müller und zeigt aus dem Fenster nach draußen. "Oder sitzen", verbessert er sich. Es ist gerade 10 durch, Cordula Straub nutzt die Pause, um in ihren Bundeswehrschlafsack zu steigen. 10 nach 10 sitzt sie wieder auf ihrem Pfahl, legt sich eine Decke und ein paar Kissen auf die Knie und rollt sich vornüber in den Schlaf. So zu schlafen, das hat sie, bevor der Wettkampf begann, zu Hause auf dem Küchentisch geübt. Denn letztes Jahr war sie auch schon bei der Weltmeisterschaft, aber in der dritten Nacht ist sie vom Pfahl gefallen.

Etwa 20 Minuten nach 10 gewinnt Klaus Müller bei der Tombola eine Kühltasche. Inzwischen fotografiert jeder im Saal mit jedem Fotoapparat, der herumliegt. "Die sich da so schick gemacht haben, das sind die Polinnen aus dem Kioskbereich", sagt Müller. "Auch sehr gute Arbeitskräfte." Dann beugt er sich über den Tisch. "Hier bei uns arbeiten die Leute nicht mehr für unter 3000 im Monat." Deswegen hat der "Heide-Park" Büros in Magdeburg und Polen.

"Cordula rührt sich nicht"

Ab und zu gehen welche aus der Partygesellschaft jetzt runter zu den Pfahlsitzern. Die klare Nacht kühlt sie ab, sie zappeln und kichern. Der Wachmann in der kleinen Hütte bei den Pfählen bittet um Ruhe, denn Cordula Straub schläft schon. Roland Maier ruckelt sich gerade zurecht.

Drinnen kommt Müller mit Sekt. Er trinkt Brüderschaft mit einer Kollegin. "Nach sieben Jahren", sagt er, und seine Augen glänzen. Zwei Amateurmusiker, Angestellte in der Technikabteilung des Parks, haben ein Lied geschrieben. "Denn es gab, wie ihr alle wisst, einen 11. September." Jetzt singen sie: "Die Tage danach werden nicht mehr so schön sein, so schön, wie es früher war." Es wird getanzt, und die Temperatur im Restaurant steigt, während sie draußen bedrohlich auf den Nullpunkt zu sinkt. "Noch ein Lied, das zum 11. September passt", rufen die Musiker. Dann singen sie: "Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein."

Im Sommer sind den drei Pfahlsitzern die Beine angeschwollen und fast geplatzt. Außerdem haben sie sich die Haut verbrannt. Das war Horror. An Kälte hingegen gewöhnt sich der Mensch. Bis er keine Lust mehr hat. An diesem Abend streckt Wilko Jäschke kurz vor Mitternacht die Beine aus und dreht die Füße. Der Wachmann macht das Fenster seiner Hütte auf, damit Jäschke die große Uhr sehen kann und weiß, wann Pause ist. Kälte dringt in die Hütte. Obwohl er keine einzige Nacht auf einem Pfahl verbringen könnte, ist auch der Wachmann ein harter Kerl. Er arbeitet bei der Kampfmittelentsorgung. Sein Chef hat ihm erlaubt, sich im "Heide-Park" was dazu zu verdienen, aber nur bis Mitternacht. Deswegen packt der Mann jetzt leere Tupperdosen zurück in seinen Picknickkorb und zieht die Jacke an. Zu dem Kollegen, der ihn ablöst, sagt er: "Cordula rührt sich nicht." Das schafft sie mittlerweile sieben bis acht Stunden. "Vorhin hat sie im Schlaf gesprochen", erzählt der Wachmann, "das war richtig ein bisschen gruselig, weil es so geschallt hat."

Die Frau bekommt die meiste Fanpost. Neulich aber hat ein Besucher gerufen, sie solle runter kommen und arbeiten. Dabei sind sie alle drei im Beruf. Der Schwabe arbeitet als Elektromonteur, der Brandenburger ist Maurer und sie bei einer Partnervermittlungsagentur. Sie haben frei bekommen oder unbezahlten Urlaub genommen, aber wer soll das ahnen? Wer sich für 35 000 Mark über ein halbes Jahr lang auf einen Pfahl setzt, der kann doch nur arbeitslos sein.

Lange nach Mitternacht wühlt sich Müller immer noch durch das Fest. Am Ende hat er es dennoch nicht einmal geschafft, mit den "Parkplatzopis" zu reden. Das sind die Leute, die die Autos der Besucher bewachen. Ältere Herren, die sich mit dem Rand des Trubels zufrieden geben. Einer von denen war mal Generaldirektor bei Mercedes. "Ich hab Geld", hat der zu Müller gesagt, "ich hab ein Haus und einen Mercedes. Aber ich will unter Menschen." Den ganzen Winter lang freut Müller sich darauf, dass der bei Saisonbeginn wieder da ist.

Der erste Frost

Drei Nächte später sitzt Wilko Jäschke da, und der Frost steigt ihm von den Füßen in den Kopf. Seine Leidenschaft fürs Pfahlsitzen kühlt ab. Rein finanziell rechnet sich die Sache sowieso nicht. Am nächsten Morgen sagt er seiner Nachbarin, dass er in zwei Stunden weg sein wird. Laut Reglement darf er so rasch nicht verschwinden, weil so schnell keine Presse zu kriegen ist. Wieder rotiert Müller. Derweil organisiert der Jüterboger Bürgermeister schon einen großen Empfang.

Auch Cordula Straub und Roland Maier kühlen mächtig ab. Die Nacht zum Samstag hat minus elf Grad. Am Dienstag einigen sie sich darauf, gemeinsam abzusteigen, wenn sie genau ein halbes Jahr oben gewesen sind. Das ist heute. Punkt elf Uhr sind alle da: ZDF, NDR, RTL, Sat1, VOX, Pro7, dpa, AP, Radiosender und Zeitungen. Maier ist Weltmeister, Straub hat Jäschke noch überholt, und Klaus Müller bereitet die nächste Weltmeisterschaft vor. Aber nicht mehr allein, denn die Medien haben immer noch nicht genug. 2002 wird das Fernsehen die Teilnehmer mit auswählen.

Bis dahin taucht die Freiheitsstatue in die dunklen Winternächte ab. Eis bedeckt den See, es pfeift und klappert gespenstisch im Park. Der Wind verfängt sich in den Aussichtstürmen. Geräusche schlingern durch die Bäume und die verlassenen Kulissen, es hört sich an, als gerate der Vergnügungspark aus den Fugen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben