Zeitung Heute : "Der Spiegel" übernimmt keine Anteile - Neue Sondierungsrunde vereinbart

Reinhart Bünger Ulrike Simon

Sichtlich unangenehm ist es dem Spiegel-Verlag, dass schon wieder Details aus streng geheim gehaltenen Gesprächen nach draußen dringen. Zuletzt ging es um eine deutsche Ausgabe des Washington Post-Magazins "Newsweek", die der Heinrich Bauer Verlag gemeinsam mit dem Spiegel-Verlag stemmen wollte. Das Projekt soll an der Mitarbeiter-KG des Spiegel-Verlags gescheitert sein, hieß es dazu. Als 50-Prozent-Gesellschafter (neben Gründer Rudolf Augstein und dem Verlag Gruner + Jahr) ist die Kommanditgesellschaft bei sämtlichen Entscheidungen zustimmungspflichtig. Im aktuellen Fall kam die Mitarbeiter-KG erst gar nicht dazu, Stellung zu nehmen: Ein entsprechender "Zirkular-Beschluss" der Geschäftsführung, über den die Gesellschafter hätten befinden können, habe noch gar nicht vorgelegen, so Sebastian Knauer, Geschäftsführer der Mitarbeiter-KG des Spiegel auf Anfrage.

Es ging um eine eventuelle Beteiligung des Spiegel-Verlages an der Berliner "tageszeitung" ("taz"). Seit einem halben Jahr führten unter anderem Karl-Dietrich Seikel, Geschäftsführer des Spiegel-Verlages, und Karl-Heinz Ruch, Geschäftsführer der taz-Verlags- und VertriebsGmbH, Gespräche über mögliche Formen der Zusammenarbeit. Die "taz" war an den Spiegel herangetreten, um ihn als Gesellschafter zu gewinnen. Entsprechende Informationen des Tagesspiegel bestätigten am Montag beide Seiten gegenüber dieser Zeitung. Ruch dementierte jedoch ähnlich wie das Hamburger Nachrichtenmagazin Informationen, nach denen sich die Beteiligung in einer Größenordnung von 49,5 Prozent beziehungsweise fünf bis acht Millionen Mark hätte bewegen sollen. "Wir machen hier keine Notschlachtung, sondern gucken in Ruhe", so Ruch.

Der Traum der ewig notleidenden "taz", ein Mäzen möge vom Himmel fallen, währt schon lange. Überlegungen, sich an einen Großverlag zu binden, führten innerhalb der "taz" schon vor Jahren zu Kontroversen. Jene, die sich für die Unabhängigkeit als oberstem Prinzip der vor 21 Jahren als "Stimme der Gegenöffentlichkeit" gegründeten Zeitung entschieden, gewannen bislang stets die Oberhand. Seitdem ist die "taz" nach Genossenschaftsmodell organisiert, das nur dank wiederholter erpresserischer Abo-Kampagnen das Blatt vor dem Exitus bewahrte. Mit diesen Problemen sollte nun endlich Schluss sein, dachte sich wohl Michael Sontheimer, früher "taz"-Chefredakteur und heutiger "Spiegel"-Korrespondent in London. Er soll dem Vernehmen nach die seit einem halben Jahr bestehenden Kontakte zwischen den Hamburger Magazin- und den Berliner Blattmachern eingefädelt haben. Die Vermittlerrolle Sontheimers wird von der taz-Geschäftsleitung indes bestritten.

Erst vor wenigen Tagen entschied sich der Spiegel-Verlag gegen den Einstieg bei der "taz". Zugleich wurden jedoch weitere Gespräche vereinbart. "Wir prüfen im Moment andere Felder der Zusammenarbeit", lässt Spiegel-Sprecher Matthias Schmolz wissen. Jetzt gehe es darum, gemeinsame Online-Perspektiven auszuloten". Die Gespräche führt Werner E. Klatten, beim Spiegel-Verlag Leiter Märkte und Erlöse sowie Geschäftsführer des Tochterunternehmens a + i art und information GmbH. Unter seiner Ägide versuchte der Spiegel-Verlag schon einmal, im Markt der Tagespresse Fuß zu fassen. Vergeblich: So wurde vor einem Jahr die in ICE-Zügen verteilte, digital hergestellte "ICE-Press" aus Kostengründen eingestellt. Gescheitert ist auch das zweite Projekt, eine an Tankstellen verkaufte Zeitung mit dem Titel "Der Tag". Sein jüngstes Vorhaben ist der Ausbau des Online- insbesondere des E-Commerce-Geschäfts. Welche gemeinsame Pläne "taz" und Spiegel in diesem Bereich schmieden könnten, wollte Klatten allerdings nicht verraten.

Über einen massiven Einstieg des "Spiegel" in das Tageszeitungsgeschäft wird spekuliert, seit es das Nachrichtenmagazin aus Hamburg gibt: In seinen frühen Jahren wollten Augstein eine "Deutsche Allgemeine Zeitung" gründen, verhandelte mal mit der "Frankfurter Rundschau", mal mit den Berliner Blättern "Telegraf" und "Kurier".

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