Zeitung Heute : Der Spieler und die Macht

Unvergessen, wie er vor der Wahl zum Regierenden über die Freitreppe des Parlaments schwebte. Jeder spürte: Da kommt ein neues Lebensgefühl. Genuss und Spaß hießen die Stichworte. Doch daneben gab es stets noch etwas anderes: Ehrgeiz, Fleiß, Beharrlichkeit. Heute wird Klaus Wowereit 50.

Ulrich Zawatka-Gerlach

Mohnkuchen mit Zwetschgeneis. Ordentlich mit Arrak angereichert. Vielleicht ist Klaus Wowereit der einzige Bürgermeister auf der Welt, der Backrezepte im Internet anbietet. Heute wird er 50 Jahre alt. Das Haar ist nicht nur an den Schläfen grau – aber gefärbt wird es nicht. Die Hüften sind gut gepolstert – aber joggen will er nicht, um abzunehmen.

Auf diesen 1.Oktober hat sich der SPD-Mann schon so lange gefreut. Es ist sein Geburtstag, und der wird groß gefeiert. Auch der Kanzler kommt. Gerhard Schröder ließ sich nicht lange bitten, obwohl heute Kabinettssitzung ist. Für 11 Uhr haben die Sozialdemokraten 300 Gäste in den Festsaal des Abgeordnetenhauses „herzlich eingeladen, um mit uns den runden Geburtstag des Regierenden zu feiern.“ Seit Wochen schon wird an der Veranstaltung gearbeitet, eine Assistentin des SPD-Fraktionsvorstands hat das passende Code-Wort erfunden: „Kaisers Geburtstag“. Wowereit fand das gar nicht gut, als er davon hörte. „Dann denken die Leute wieder, ich hätte nichts Besseres zu tun, als mich hoch leben zu lassen“, hat er vor ein paar Tagen gemosert. Dabei war sein letztes großes Fest, an das er sich erinnern kann, der 30. Geburtstag. Damals, im Oktober 1983, war Wowereit Regierungsrat zur Anstellung in der Innenverwaltung des Senats. Die CDU regierte mit der FDP, und der Regierende Bürgermeister hieß Richard von Weizsäcker.

Das Nesthäkchen

Ein Jahr später, als Weizsäcker nach Bonn ging, wurde Eberhard Diepgen Regierender; da war Wowereit gerade vier Wochen Volksbildungsstadtrat im Bezirk Tempelhof. Mit 31 Jahren der jüngste Dezernent in Berlin. Und wie war er damals? „So, wie er heute ist.“ SPD-Fraktionschef Michael Müller, der auch in Tempelhof aufgewachsen ist, muss nicht eine Sekunde überlegen, um die Frage zu beantworten. Äußerst selbstbewusst, beinhart in der Sache, geprägt durch die Probleme in einem Kleine-Leute-Bezirk. „In jede Aufgabe, die man ihm gegeben hat, ist er mit beiden Beinen reingesprungen.“ In der Tempelhofer SPD hatte der kampf- und lebenslustige Genosse nur einen ernsthaften Konkurrenten: den SPD-Bezirkschef Ditmar Staffelt, heute Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Daraus wurden zwei völlig verschiedene Karrieren. Der aufgeregte Staffelt – der Politik aus dem Bauch heraus machte und deshalb so verletzlich war. Er kam viel früher als Wowereit ins Landesparlament und rieb sich als SPD-Fraktions- und Landeschef in der Regierungskoalition mit den Christdemokraten auf. Politisch war er schon fast erledigt, als Wowereit 1995 ins Abgeordnetenhaus einzog. Der schlitzohrige Wowereit – der Politik von Anfang an als Chance begriff, sich selbst zu beweisen. Und anderen zu zeigen, was er wirklich kann. Im kleinbürgerlichen Ortsteil Lichtenrade ist er aufgewachsen, als Jüngstes von fünf Kindern, allein erzogen von der Mutter, die als Arbeiterin in einem Gärtnereibetrieb den Lebensunterhalt verdiente. Wowereit, das Nesthäkchen, durfte als Einziger aufs Gymnasium und anschließend studieren. Das war, nicht zu vergessen, Anfang der 70er Jahre, als Willy Brandt noch Bundeskanzler war und viele junge Leute für die SPD begeisterte.

Fragt man Wowereit nach politischen Vorbildern, zögert er. „Wenn überhaupt, dann Willy Brandt.“ Für Ikonen hat er nichts übrig. Aber für Brandts SPD hat er schon als Jungsozialist, als Schülersprecher in der Ulrich-von-Hutten-Oberschule Politik gemacht. In dieser Zeit hat er sich aufgemacht, ein kleines Stück jener bürgerlichen Welt zu erobern, das dem Arbeiterkind Wowereit sonst nie zugefallen wäre. Der Spaß am genussvollen Leben, der hartnäckige Ehrgeiz, der spielerisch-lustvolle Umgang mit der politischen Macht sind so vielleicht am ehesten zu verstehen. Was den flotten Fünfzigjährigen im Innersten antreibt, gibt er selbst nicht preis. Nur dass er schwul ist, hat Wowereit kurz vor seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister, im Juni 2001, kämpferisch offenbart. Den Lebensgefährten Jörn Kubicki versteckt er schon lange nicht mehr, doch sein Privatleben hält Wowereit ansonsten geschickt verborgen. Soweit er eines hat.

Was sollten wir über den Menschen Wowereit wissen, um den Politiker Wowereit besser zu verstehen? Wir sollten wissen, dass er ein Bonvivant ist, der gern isst und trinkt und – vorzugsweise italienisch – kocht. Wir sollten wissen, dass er Freundschaften pflegt und bekocht, auch die alten aus der Tempelhofer Zeit. In seinem Haus in Lichtenrade, aus dem er irgendwann nach Berlin-Mitte umziehen wird. Mit vier bis fünf Stunden Schlaf kommt er aus. Was Wowereit gut verkraftet, selbst wenn er erst um drei Uhr todmüde ins Bett fällt. Ein Konditionswunder. Das muss angeboren sein. Regelmäßig Sport zu treiben ist seine Sache nämlich nicht.

Frühmorgens wird er schnell munter und geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach: die Leute um den Finger zu wickeln. Zu den knochenharten Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes brachte Wowereit ein Paket Würfelzucker und eine Peitsche mit. Er ist, das bewundern Freund und Feind, ein Kommunikationstalent. Wenn Wowereit, spitzbübisch lächelnd, auf einen zuschlendert, kann das zweierlei Gründe haben. Entweder säuselt er: „Na, wie geht’s denn so?“ und kommt ins Plaudern; ab und zu unterbrochen von seinem gicksenden Lachen. Oder es geht ans Eingemachte. Schon als er noch haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion war, nach 1995, schlenderte Wowereit manchmal zur Pressebank im Sitzungsaal des Hauptausschusses, setzte sich hin, schlug lässig die Beine übereinander und drehte sich mit einem süffisanten Lächeln dem Gegenpart zu: „Na, was haben Sie denn da für einen Quatsch geschrieben?“

Wowereit musste sich durchbeißen; in der Partei und im wirklichen Leben. Warum soll er es anderen Menschen einfach machen? Akribisch liest er Akten und sucht nach Fehlern. Wehe dem Senatskollegen, der dienstags schlecht vorbereitet in die Kabinettssitzung kommt. Wowereit ist ein erfahrener Jurist, hat ein vorzügliches Gedächtnis und kennt die Haushaltszahlen noch besser als seine Kochbücher. Damit reißt er niemanden mit, erzeugt aber genügend Druck, um die anderen vorwärts zu treiben. Wowereits Methode, Politik zu machen, hat der SPD-Landeschef Peter Strieder so beschrieben: „Er nimmt sich immer nur ein, zwei große Themen vor, dann kommen die nächsten dran.“ Schritt für Schritt voran – dafür benötigt man keine visionäre Ausstrahlung. „Klaus Wowereit macht das Licht immer erst an, wenn es dunkel wird“, frotzelte Strieder einmal in kleiner Runde.

Das mag auch für Wowereits eigene Lebensplanung gelten. 1989/90, in der Wendezeit, war er in eine Lebenskrise geraten. Er hatte keine Lust mehr, Stadtrat zu sein, und war des Single-Daseins überdrüssig. Damals hatte er darauf gewartet, von der Partei gerufen zu werden, um Aufgaben auf Landesbene zu übernehmen. Aber er hatte nicht darauf spekuliert, ein Jahrzehnt später Regierender Bürgermeister zu werden. So weit schaut Wowereit nie nach vorn. „Sein Ehrgeiz erwacht kurzfristig, aber dann macht er volle Pulle“, sagt ein Vertrauter über „Deutschlands berühmtesten Bürgermeister“, wie ihn eine Illustrierte kürzlich bezeichnete.

Was ihn wirklich interessiert

Ein bisschen berühmt, weil er nicht nur Politik macht. Auf bundespolitischer Ebene hat er sich zwar Respekt erworben mit radikalen Methoden, den öffentlichen Dienst abzuspecken und die Finanznot zu bekämpfen. Aber der missglückte Auftritt als Bundesratspräsident, als er im Auftrag der SPD-Führung das Zuwanderungsgesetz durchpeitschte, wird ihm bis heute von CDU-Regierungschefs nachgetragen. Doch wenn er bei Christiansen, Beckmann, früher bei Friedman und Biolek im Fernsehen auftrat und dort nicht nur über Politik sprach, fand er sein Publikum. Theater und Musik, das interessiert ihn wirklich. Wowereit liebt Puccini, besonders „La Bohème.“ Das hat etwas mit seinem Lebensgefühl zu tun. So wie am Tag vor der Wahl zum Regierungschef, als er über die Freitreppe des Parlamentsgebäudes schwebte. Aufgeputscht vor lauter Glück. Monate später erzählte er schmunzelnd: „Da gab’s wohl Journalisten, die wollten in meiner Apotheke nachfragen, ob ich Pillen nehme. So ein Quatsch.“

Der Mentalitätswechsel für Berlin, den Wowereit als Ziel seiner Regierung formuliert, hat vielleicht auch mehr mit Lebensgefühl als mit Politik zu tun. Der Weg als Ziel: Sich durchkämpfen, mit ein klein wenig Eleganz.

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