Zeitung Heute : Der Spieler

Robert Ide[Düsseldorf]

Michel Platini ist zum neuen Uefa-Präsidenten gewählt worden. Wie will er den europäischen Fußball verändern?


Als das Spiel beendet war, umarmten sich Sieger und Verlierer. „Das ist der Beginn eines Abenteuers, für dich und für mich“, sagte Michel Platini zu Lennart Johansson, bevor er ins Auditorium winkte. Gerade hatte der einstige Regisseur der französischen Nationalmannschaft den langjährigen Fußballfunktionär Lennart Johansson aus dem Amt gejagt. Nun ist der 51 Jahre junge Platini neuer Präsident des europäischen Fußballverbandes Uefa. In einem dramatischen Duell auf dem UefaKongress in Düsseldorf besiegte er den 77-jährigen Schweden mit 27 zu 23 Stimmen. Platinis Wahl ist nicht nur ein Generationswechsel. Es ist, zumindest laut Platini, auch ein Richtungswechsel hin zu einer „gesunden Vision“ der populärsten Sportart der Welt, mit der immer mehr Geld umgesetzt wird. „Ich bin ein Pionier des Fußballs“, verkündete er. „Ich bin der erste Spieler, der Uefa-Präsident wird.“

In einer beherzten Rede hatte Platini vor der Wahl sein Programm vorgestellt: „Fußball ist ein Spiel und kein Produkt, es ist ein Sport und kein Markt, ein Spektakel, nicht ein Geschäft.“ Um diesem Anspruch gerecht zu werden, will Platini ab 2009 die kleineren Verbände stärker an der Champions League beteiligen. Große, reiche Fußballländer wie England, Italien und Spanien müssen nun um ihren vierten Startplatz bangen. Ebenso will Platini die Finanzströme von Großinvestoren kontrollieren. Ob ihm das gegen den Widerstand der in der G14 organisierten reichen Klubs und gegen traditionsreiche Fußballverbände wie den DFB gelingen wird, ist fraglich. „Am Jubel nach der Wahl hat man gesehen, dass Platini Stimmen aus Ländern bekommen hat, die nicht einmal 100 Einwohner haben“, ätzte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Der DFB hatte sich für Johansson stark gemacht – den Erfinder der Champions League, den Unterstützer der deutschen WM-Bewerbung 2002. Vergeblich. Am Ende kürten Johansson die gleichen Delegierten, die ihn abgewählt hatten, mit stehenden Ovationen zum Ehrenpräsidenten. Johansson erhob sich, in seinen Augen glitzerten Tränen. „Ich habe keine Zukunft in der Uefa mehr“, sagte er beim Rausgehen, „ich gehe jetzt nach Hause.“

Glücklich verließ hingegen der dritte Mitspieler der Wahl den Kongress: Joseph Blatter, Präsident des FußballWeltverbandes. „Den Ausschlag hat Platinis Persönlichkeit gegeben – und seine Art, wie er sich präsentiert hat“, sagte Blatter, der so wohl noch einmal vorgeben wollte, neutral gewesen zu sein. Doch am Vortag der Wahl hatte er in einem Tagesspiegel-Interview und bei seinem Grußwort auf dem Kongress verkündet: „Ich habe mehr Sympathien für Michel Platini.“ Nach der Rede stürmte Johansson, dem Blatter eigentlich Neutralität versprochen haben soll, aus der Tür und rief nach Angaben von Zeugen: „Heute redet er so, morgen so. Das ist keine Neutralität.“ Der Streit zwischen Johansson und Blatter, der mit dem Duell beider um den Fifa- Thron 1998 begonnen und seitdem die Beziehungen zwischen Uefa und Fifa belastet hatte, ist beendet. Platini, der Blatter einst gegen Johansson an die Fifa-Spitze verhalf, versprach seinem Ziehvater eine enge Zusammenarbeit. Der Chef des Weltfußballs hat gezeigt, wer das Sagen hat.

Mit Machtkämpfen ist nun in der UefaZentrale zu rechnen. Platini muss den Apparat, der 17 Jahre lang Johansson treu zur Seite stand, erneuern. Dem organisierten Fußball, der sich zunehmend gegen Einflussnahmen der Politik (gerade hat in Polen die Regierung den Verbandschef abgesetzt) und von Wirtschaftskonzernen (zuletzt stieg Gasprom beim FC Schalke 04 ein) erwehren muss und dafür Geschlossenheit benötigt, könnte das wichtige Ressourcen kosten.

Egal, welche Ankündigungen Platini tatsächlich umsetzen kann: Seine Wahl zeigt, wie sehr sich die Gewichte im europäischen Fußball verschieben. Die kleinen Länder aus dem Süden und Osten fordern mehr Beteiligung; auch mit ihren Stimmen gab der Uefa-Kongress eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die eine Aufstockung der Europameisterschaft 2012 von 16 auf bis zu 24 Teams prüfen soll. In den Gremien weht nun ebenfalls ein neuer Wind. Am Vorabend der Wahl demonstrierten die osteuropäischen Verbände schon einmal ihre Macht, als sie zu einem Abstimmungstreffen in Düsseldorf zusammenkamen. 24 Verbände waren anwesend – von 52 Uefa-Mitgliedern. „Die Uefa rückt nach Osten“, stellte ein englischer Delegierter fest. Der Fußball wird weiterhin rund bleiben. Doch er könnte künftig öfter in Rumänien und der Ukraine rollen.

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