Zeitung Heute : Der Spielplatz der Mafia

Djindjics Mörder kamen aus Zemun: In ihrer zerstörten Zentrale toben heute Kinder

Gemma Pörzgen[Belgrad]

Legionär, Ratte und Albaner – so nennen Nikola und die anderen Kinder in dem Belgrader Vorort Zemun ihr neuestes Fangspiel. So heißen die Mafiabosse des Zemun-Clans, der den Mord an Serbiens Ministerpräsidenten Zoran Djindjic am 12. März organisiert haben soll. Der zehnjährige Nikola und seine Klassenkameraden haben sich alle Fernsehberichte über die Mafia angeschaut. Schließlich stammen sie aus derselben Gegend wie die Chefs der Zemun-Bande. Nikola spielt mit seinen Freunden oft dort, wo noch vor acht Wochen der Clan seine Geschäfte gemacht hat.

Von dem früheren Zentrum der Mafiabosse sind nur noch Trümmer übrig geblieben. In den Tagen nach dem Djindjic-Attentat hatten maskierte Sondereinheiten der Polizei das Gebäude niedergerissen. Mit Baggern und Presslufthämmern ging das Sonderkommando zu Werke, aber erst nach Tagen gelang es, den Palast zum Einsturz zu bringen.

Ein mit Stoff verhängter Zaun umgibt nun das Gelände an der Schillerstraße, doch hinein kann jeder. Für Nikola ist das Gelände ein gigantischer Abenteuerspielplatz – ein surreal wirkender Ort der Zerstörung. Den angrenzenden Kinderspielplatz, den die Mafia-Bosse ihrem Viertel einst geschenkt haben, findet Nikola langweilig. Dutzende von demolierten Spielautomaten liegen herum, der blau gekachelte Swimmingpool ist voll mit Abrissschrott. Von der Privatvilla stehen noch Reste. Marmorboden und Parkett, die Mosaike an den Wänden lassen den früheren Luxus erahnen. Die Räume wurden geplündert. Jede Steckdose wurde entfernt, im Bad sind alle Sanitäranlagen herausgerissen. Es sieht aus wie nach einem Häuserkampf.

Die Menschen in Zemun reden nicht gerne über den Clan und sein Luxus-Anwesen. Die Bande wird mit mehr als 300 Verbrechen in Verbindung gebracht: Morde, Sprengstoffanschläge, Entführungen. Und sie soll den Rauschgifthandel im gesamten früheren Jugoslawien kontrollieren. Den Passanten sind Fragen unangenehm. „Ich kann darüber nichts sagen“, „Verschwinden Sie“, antworten sie. In einem kleinen Laden sagt eine Verkäuferin leise: „Die Leute haben Angst. Die Lage hier muss sich erst wieder beruhigen.“ Eine andere Frau erzählt, dass die Schillerstraße vor allem Drogenumschlagplatz gewesen sei. Sie lebt in einem der nahgelegenen Hochhäuser, floh vor Jahren aus Kroatien, als dort fast alle Serben vertrieben wurden. Die Schillerstraße sei auch der Treffpunkt der Nobelgesellschaft gewesen, sagt sie. Da seien immer teure Autos vorgefahren, bekannte Politiker aus und ein gegangen. „Es war für uns ein Riesenschock zu erfahren, dass diese Leute für das Attentat auf Djindjic verantwortlich sind“, sagt die Frau.

Dass die Menschen in Zemun Angst haben, davon will Bürgermeister Vladan Janicijevic nichts bemerkt haben. „Es tut mir weh, dass über Zemun jetzt immer in diesem Kontext gesprochen wird“, sagt er. Dieser Kontext – das ist die Mafia und der Mord an Djindjic. Dabei sei Zemun eine friedliche Stadt, sagt Janicijevic. Er sitzt in seinem großen Büro am Platz des Sieges im Stadtzentrum. Im Zimmer steht ein Foto des ermordeten Premiers mit Trauerflor. Der Bürgermeister gehört genau wie er zur Demokratischen Partei. Dennoch spricht er lieber über die Tradition der mehr als 250 Jahre alten Gemeinde in Zemun als über heute. Zemun war lange der wichtigste Grenzposten der Habsburger zum Osmanischen Reich. Denn Belgrad stand damals noch unter Türkenherrschaft. Bis heute erinnert die Architektur vieler alter Häuser im Stadtkern an Mitteleuropa. Erst 1934 wurde Zemun ein Stadtteil von Groß-Belgrad.

Natürlich habe man von der Zemun-Mafia gewusst. Aber eigentlich, sagt der Bürgermeister, gehörten der Zemun-Bande keine Zemuner an. „Sie sind nicht hier geboren, sind hier nicht zur Schule gegangen.“ Auf die Frage nach seiner Verantwortung sagt er, dass der Kampf gegen die organisierte Kriminalität nur auf hoher Regierungsebene geführt werden könne.

Und dann erzählt der Bürgermeister vom wirtschaftlichen Niedergang der Stadt, die vor dem Zerfall Jugoslawiens 1991 noch eine starke Industrie hatte und mit elf Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes einen erheblichen Teil beisteuerte. Mit den Balkan-Kriegen und unter einer sozialistischen Regierung habe sich das geändert. Zu den 200000 Bewohnern kamen 35000 Flüchtlinge. Heute ist in Zemun jeder fünfte Einwohner ein Flüchtling aus Kroatien, Bosnien oder Kosovo – exemplarisch für die Probleme aus der Milosevic-Ära. Wirtschaftssanktionen, hohe Arbeitslosigkeit und Schattenwirtschaft lassen illegale Geschäfte hier aufblühen.

Janicijevic Vorgänger im Amt war der Radikalenführer Vojislav Seselj. Er sitzt heute, wie sein politischer Gefährte Slobodan Milosevic, in der Scheveninger Haftanstalt und muss sich vor dem Tribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen verantworten. Unter den Flüchtlingen in Zemun hatte sich Seselj bei seinem Machtantritt 1997 beliebt gemacht, indem er ihnen Grundstücke billig verkaufte. Die Einheimischen mochten ihn nicht, weil er das Sportzentrum und das Theater verscherbelte. Seseljs Partei residiert immer noch gleich neben der Zemuner Gemeindeverwaltung in einem renovierten Altbau. Jeden Donnerstag wird dort zur Pressekonferenz geladen. Dann wehrt sich die Partei gegen die Vorwürfe der Belgrader Führung, dass sie von der Mafia finanziert worden sei.

Bürgermeister Janicijevic hofft nun darauf, dass die Gemeinde ihren Prozess gegen die Seselj-Partei gewinnt, um endlich die Rückgabe des Parteigebäudes an die Gemeinde zu erzwingen. „Dort soll dann ein Kulturzentrum entstehen“, sagt Janicijevic. „Die Welt soll sehen, dass es in Zemun nicht nur die Mafia gibt.“

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