Zeitung Heute : Der Sport interessiert mich nicht

Peter Robinson fotografiert seit über 40 Jahren Fußballspiele. Er war offizieller Fifa-Fotograf und bei zehn Weltmeisterschaften. Er sagt, er hat alles gesehen. Doch um die Magie dieses Sports zu enträtseln, fehlt ihm das entscheidende Bild

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Für das WM-Finale hat er sich etwas vorgenommen, dass ihn ruinieren und unsterblich machen könnte. Er träumt davon, beim entscheidenden Tor mit seiner Kamera auf den Platz zu laufen, um den Jubel des Torschützen abzulichten. Aus nächster Nähe. Allein. „Was würden sie mit mir anstellen?“, grübelt Peter Robinson über die Konsequenzen und lächelt verwegen. „Ich hätte das Bild gemacht, das alle haben wollen. Und ich hätte mich unmöglich gemacht. Sie würden mich für immer verbannen.“

Kommerz ist Kontrolle

Der 62-jährige englische Fotograf ist einer der berühmtesten Fußballchronisten der Gegenwart. Er hat bewegende Momente der Fußballgeschichte eingefangen, Triumphe, Niederlagen und Augenblicke, von denen man nicht weiß, ob die Sieger insgeheim die Verlierer waren. Er besuchte Fußballplätze in Singapur, Nigeria, Guatemala und Andorra, wohnte einer Papstaudienz der Fifa-Spitze bei, und er beugte sich über die Opfer der Heysel-Stadion-Katastrophe, als deren zerdrückte, niedergewalzte und blutige Körper auf den Betonstufen lagen. Aber vor allem hat er in den vierzig Jahren, die seine Karriere schon andauert, ein Kompendium der Leidenschaften geschaffen. Eine rätselhafte Trunkenheit spricht aus seinen Menschenstudien, die Robinson vor und hinter den Kulissen aufgenommen und in dem kolossalen Bildband „Football Days“ zusammengetragen hat. Was ist an diesem Treiben, scheinen sie zu fragen, dass es die Leute sich selbst vergessen lässt? Für ein Bild, das er 1986 während der Asienspiele von den Studentenunruhen in Seoul geschossen hat, bekam er den „World Press Award“.

Er sei kein Sportfotograf, darauf legt der grauhaarige Engländer wert. Ihn habe Fußball nie interessiert. Dabei hat er sich praktisch kaum etwas anderem als Fußballspielen gewidmet, arbeitete für „Sports Illustrated“ in New York und das französische „ONZE“-Magazin. Doch steht er in der Tradition von Dokumentarfotografen wie Robert Capa, dessen Motto, dass man bei einem schlechten Bild nur nicht nahe genug dran gewesen sei, auch von Robinson beherzigt wird. Er ist immer nah dran gewesen. Von 1970 bis 1994 war er offizieller Fotograf des Weltverbandes Fifa, was ihm weitreichende Befugnisse bescherte. So konnte er sich in den WM-Stadien frei bewegen, hatte Zugang zu den Katakomben und den Trainerbänken. Erst in jüngster Zeit zwingt ihn die Kommerzialisierung des Sports hinter die Banden, weist ihm ebenfalls nur jenen eng bemessenen Sitzplatz zu, von dem aus die akkreditierte Fotografenschar das Spiel in tausend Ereignisse zerhackt. Man sieht Robinsons hageren Zügen an, dass ihm das missfällt.

Er sei seiner Natur nach antiautoritär, sagt der Sohn eines Polizisten („jeder Uniformierte ist jemand, der im Bild steht“) und fügt hinzu: Seit sich der Fußball zu einem ökonomischen Mega-Event entwickelt habe, werde es „wie Madonnas Hochzeit behandelt“. Als die Weltmeisterschaft 1966 in seiner englischen Heimat ausgetragen wurde, zählte der junge George Best zu seinen Idolen. 27 Fotografen waren für das Endspiel angemeldet, und alles, worauf es ankam, war, das Tor nicht zu verpassen. Auch Robinson fand damals, dass es, abgesehen von Best („The fifth Beatle“), nichts Interessantes im Fußball zu fotografieren gab.

Als Fünfjähriger war Robinson, der im mittelenglischen Leicester aufwuchs, von seinem Vater zum ersten Mal ins heimische Stadion mitgenommen worden. Da alle Kinder nach vorne geschickt wurden, hatte der Junge das ganze Spiel hinter einer Steinmauer gestanden, die ihm bis zur Nase reichte, die Grasnarbe auf Augenhöhe. „Die Mannschaft hat bestimmt schlecht gespielt“, erzählt der frühere Leicester-City-Fan, „doch von dort unten sahen die Spieler wie Götter aus.“

„Ich habe alles gesehen“

Etwas von dieser Heroisierung des Unmittelbaren, das in englischen Arenen von jeher eine grimmige Tradition pflegt, lebt in Robinsons Werk fort. Statt mit Teleobjektiven die Distanz zu überbrücken und das Geschehen auf dem Rasen in ein Ballett von Einzelaktionen aufzulösen, benutzt er oft Weitwinkel-Linsen: Die Spieler werden zu Figuren eines monumentalen Dramas.

Am kommenden Finalsonntag werden über 350 Bildreporter an den Außenlinien kauern. Dabei habe sich das Spielfeld, scherzt Robinson kühl, in seinen Abmessungen nicht verändert. Den Veteranen beschäftigt stärker denn je die Frage, ob er und seinesgleichen mehr als das Spektakel der Emotion werden einfangen können. „Ich habe alles gesehen“, sagt der Gast des Deutschen Historischen Museums. „Warum ich weitermache, ist die Hoffnung, dass der Fußball mit jeder WM einen neuen Punkt erreicht. Sonst ist er gescheitert.“

Dabei plagen ihn grundsätzliche Zweifel, ob der Fotoapparat im Fernsehzeitalter noch geeignet ist, den Wandel dieser Sportart zu beschreiben. „Alles, was wir kriegen“, sagt Robinson resigniert, „ist Klinsmann in seiner jungenhaften Begeisterung, die Intelligenz des Spiels bleibt uns Fotografen verborgen.“ Wie die Macht, mit der Zinedine Zidane den Fuß auf den Ball stellt und das Spiel für ein paar Sekunden unterbricht – und zur Besinnung, zu sich selbst bringt. Es wäre ein Bild, auf dem ... nichts passiert.

Robinsons Mission wird mit dem Schlusspfiff nicht enden. Die Geschichte wird jenseits des Rasens weitererzählt. Welche es diesmal sein wird, er weiß es nicht. Es ist seine zehnte WM. Es könnte seine letzte sein. Kai Müller

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