Zeitung Heute : Der Sport

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Von Matthias Kalle

Landy läuft ja jetzt. Dreimal die Woche, jeweils eine Stunde lang. Und er geht bald auch in ein Fitnessstudio, das neu aufmacht in Minden. Das Fitnessstudio heißt „Relax“, und das ist für Minden ein Schritt in die richtige Richtung, denn eigentlich gibt es hier nur ein Fitnessstudio und das auch schon seit 20 Jahren, daher auch der Name: „Gym 80“. Mit dem „Relax“-Studio kommt ein wenig New York nach Minden, ich habe den Prospekt gesehen: Während man auf einem Laufband läuft, kann man Musikfernsehen oder Nachrichten auf Bildschirmen schauen, außerdem gibt es allerhand Kurse für Bauch, Beine und Po – auch für Männer.

Landy fragte, ob ich nicht auch mitkommen wolle in das neue Fitnessstudio – wie gut kennt der Mann meinen Bauch, meine Beine, meinen Po? Aber, ach, es ist ja wahr: Der Körper eines 27-Jährigen ist nicht mehr der eines 17-Jährigen, das muss ich immer wieder feststellen. Mit 17 habe ich den Sport aus meinem Leben ausgeschlossen, er passte irgendwie nicht mehr rein, und das kam so: Früher, da war ich ein hervorragender Handballspieler und ein talentierter 100-Meter-Läufer. Ich trainierte viermal in der Woche und hatte den Körper eines Athleten: durchtrainierte Beine, sehnige Arme, sichtbare Bauchmuskeln, definierter Brustkorb – all das, was einem als 14-Jährigem vollkommen egal ist und was man, wenn man auf die 30 zugeht, unbedingt wieder haben will. Was ich allerdings damals haben wollte, waren Mädchen und Exzesse, und das geht zusammen mit Sport nicht gut – außerdem hatte ich eine genaue Vorstellung davon, wie ich später einmal Geld verdienen wollte, und in dieser Vorstellung sah ich mich rauchend Texte schreiben und trinkend spannende Menschen treffen. Damals hatte ich eine sehr romantisierende Vorstellung vom Journalismus.

Wie auch immer: die letzten Jahre verbrachte ich hauptsächlich damit, zu arbeiten und dabei zu rauchen, und wenn ich ausging, dann trank ich Bier, aber wo steckten denn die spannenden Menschen? Trieben die etwa Sport? Und falls sie es taten – woher nahmen sie dafür die Zeit? Ich hatte keine Zeit für Sport, ich arbeitete, und wenn ich einmal nicht arbeitete, dann bereitete ich meine Arbeit vor oder versuchte mich von der Arbeit zu erholen – meistens dadurch, dass ich mir Sport im Fernsehen ansah, denn ich bin irrer Sportfan, gucke fast alles. Es gibt wenig, was mich ähnlich begeistert, ich bin süchtig nach den Dramen und den Heldengeschichten, die sich im Sport finden lassen. Was sagt das über mich aus? Gleichzeitig lehnte ich alle Einladungen zu eigenen sportlichen Aktivitäten strikt ab: Ich ging nicht zum Fußballspielen und traf mich nicht mit anderen zum Joggen, dabei hielt ich mich an eine Regel, die ich als 12-Jähriger verinnerlichte, als ich „Rocky III – Das Auge des Tigers“ sah. Dort sagt Clubber Lang, der Furcht erregende Gegner von Rocky Balboa in einem Interview: „Ich lebe allein, und ich trainiere allein.“ Ich tat es ihm gleich – bis auf das Trainieren.

Immerhin: Ich fahre jetzt in Minden viel mit dem Fahrrad – zum Einkaufen, zum Kaffeetrinken, zu Landy. Find ich gar nicht so schlecht. Vielleicht laufe ich auch nächste Woche mal ein paar Minuten oder mache ein paar Liegestütze. Man muss ja in Bewegung bleiben.

Matthias Kalle hat Berlin verlassen und ist zurück in seine Heimatstadt Minden gezogen. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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