Zeitung Heute : Der Spreesprung (Kommentar)

Bernhard Schulz

Neubauten leistet sich die Bundeshauptstadt Berlin nur wenige. Neben dem Kanzleramt sind es Bauten für den Deutschen Bundestag. Gestern wurde am Paul-Löbe-Haus, dem früheren Alsenblock, Richtfest gefeiert. Das Abgeordnetenhaus nördlich des Reichstages akzentuiert das "Band des Bundes", das sich vom Kanzlergarten im Westen bis in die alte Mitte Berlins hinein erstreckt - ja, aber wie weit? Dem Löbe-Haus gegenüber, auf dem östlichen Ufer der Spree, wird gerade die Baugrube des Pendants ausgehoben, des gleichfalls von Stephan Braunfels entworfenen und von ihm überhaupt erst angeregten Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, früher: Luisenblocks.

Die ursprünglichen "Arbeitstitel" der beiden Häuser bezeichneten einprägsam die Lage der Gebäude. Der Name "Luisenblock" war dabei ein bisschen geschummelt, denn bis ganz an die Luisenstraße wird das Haus nicht reichen. Denn deren Kante besetzt hält ein Plattenwohnbau aus DDR-Zeiten. Das Lüders-Haus für Parlamentsbibliothek und Wissenschaftliche Dienste des Bundestages muss hart vor der Rückfront dieses Wohnblocks für, na sagen wir einmal Glückliche des DDR-Zeitalters, Halt machen.

Dessen Mieter wollten nicht weichen, und der Bund als Eigentümer traute sich nicht, der gewiss höherrangig einzustufenden Bundestags-Bebauung die ohnehin sanierungsbedürftige Wohnfläche zu opfern. Jetzt aber steht die Mehrzahl der Wohnungen leer. Sollte da nicht der Bundestag seine Verantwortung für die Mitte Berlins ganz in die Hand nehmen und vollenden, was er mit seiner bewundernswürdigen Entscheidung für den "Spreesprung" der Abgeordnetengebäude begonnen hat? Noch ist es Zeit, das Lüders-Haus bis dorthin zu verlängern, woher es seinen ersten Namen hatte: bis zur Luisenstraße.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben