Zeitung Heute : Der Staat stellt sich

40 Jahre Bürgerkrieg, täglich an die 30 Tote – jetzt soll der neue Präsident Uribe endlich Frieden in Kolumbien schaffen

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Von Armin Lehmann

Als die Autobombe zündete, begann auch das Feuer der Heckenschützen. Das Ziel war ein gepanzerter, schwarzer Jeep, der durch die kolumbianische Hafenstadt Barranquilla fuhr. Die Kugeln und die Explosion zerfetzten den Wagen und töteten drei unschuldige Passanten. Auch Alvaro Uribe hätte tot sein sollen. Aber der künftige Präsident Kolumbiens, der am heutigen Mittwoch in sein Amt eingeführt wird, überlebte. Nun soll er den Frieden bringen, nur weiß noch keiner, wie.

Früh legt sich zurzeit die winterliche Dunkelheit über die kolumbianische Hauptstadt Bogotá. Dann bleiben die Menschen zu Hause und trauen sich nicht hinaus. Aus Angst vor Entführung, vor Bombenexplosionen – vor der Zukunft. Die Straßen sind so leer wie die Restaurants. Der Tod ist allgegenwärtig in diesem Land, das seinem nunmehr über 40 Jahre andauernden Bürgerkrieg einfach nicht entfliehen kann. Meldungen über Gewalttaten erreichen Europa Tag für Tag, es sterben mehr Menschen als in Nahost, derzeit fast 30 täglich. In den Städten wird die Staatsordnung mühsam aufrecht erhalten, in den Bergen und auf dem Land herrschen Chaos, Anarchie und Gewalt. Weite Teile werden von der Guerilla oder den Paramilitärs beherrscht, sie entführen, foltern, morden. Sie behaupten, sie hätten soziale Ziele. Aber ihr Geschäft sind Drogen. Vier Jahre hat Präsident Pastrana versucht, mit der Guerilla zu verhandeln. Vergeblich. Jetzt hoffen die Menschen auf eine neue Zeit. Auf Alvaro Uribe.

Er hat starke Worte gebraucht und hat sie untermauert mit seinen großen, kräftigen Händen, die er immer hebt, wenn er von der Zukunft spricht: Autorität, Autorität, Autorität hat er als Motto ausgegeben. Er will verhandeln, aber er will auch handeln. Einen schwachen Staat, ausgehöhlt durch die brutalen Drohungen der Mafia-Guerilla soll es nicht mehr geben. Vor Uribes Antritt gaben 100 Bürgermeister aus Angst vor den Morddrohungen der Guerilla ihr Amt ab. Jetzt, sagt Uribe, soll der Staat sich wieder stellen.

Der 50-Jährige kennt die Angst, die sein Land umtreibt. Seinen Vater hat die Guerilla vor 19 Jahren getötet, über 15 Anschlagsversuche auf ihn selbst wurden vereitelt. Er verspricht die „feste Hand“, aber auch „das große Herz“. Menschenrechtsorganisationen jedoch fürchten jetzt eine weitere Militarisierung des Konflikts. Ein Hardliner sei Uribe, meinen die einen, er wolle dem Krieg mit Krieg begegnen, schreiben die anderen. Und ist es nicht so, suggerieren die Dritten, dass da einer ist, der nun auf einen persönlichen Rachefeldzug geht, der das vergossene Blut seines Vaters sühnen will?

Francisco Santos kennt diese Anspielungen. Der Medienunternehmer ist der künftige Vizepräsident Kolumbiens und sagt: „Wir wollen den Dialog, und wir wollen ihn nicht nur mit Waffen, aber auch nicht ohne.“ Vielleicht umschreibt diese Formel den neuen Realismus der Regierung. Pastrana, der scheidende Präsident, hatte das noch anders gesehen, hatte gehofft, die Guerilla würde den von ihm angeregten Dialog wirklich annehmen. Aber er wurde verraten, die Guerilla hat gezeigt, dass sie nie ernsthaft am Frieden interessiert war. Das soll der neuen Regierung nicht noch mal passieren.

Auch Santos spürt diese Ungewissheit, die Kolumbien lähmt. Neun Monate war er von September 1990 an Gefangener des legendären Drogenbarons Pablo Escobar. Er kam wohl nur frei, weil der Gangster beeindruckt davon war, dass Santos jedem strikt untersagt hatte, für ihn irgendwelchen Forderungen nachzugeben. Später, als er im Jahr 2000 erneut auf der Todesliste der Guerilla stand, floh er ins Exil nach Madrid. Uribe hat ihn zurückgeholt. Die beiden wissen, sie können jeden Tag sterben. Beobachter der Friedrich-Ebert-Stiftung sind sich sicher: „Beide tun diesen Job für ihr Land.“ Und sie können arbeiten, akribisch, besessen.

Alvaro Uribe hat das auf kuriose Weise schon öfter unter Beweis gestellt. Ein Senatskollege traf ihn einmal nachts im Parlament tief über Akten gebeugt, seine Füße hatte er in einer Schüssel mit kaltem Wasser, um nicht einzuschlafen. Hellwach musste der in Harvard promovierte Jurist ohnehin in seiner langen politischen Karriere sein, ob als Senator, Gouverneur oder Bürgermeister Medellíns, der gefährlichsten Stadt Kolumbiens.

Oft berief er die ersten Sitzungen um sechs Uhr morgens ein und verkündete gleich nach seiner Wahl zum Präsidenten, dass der Arbeitstag seiner Regierung um 8 Uhr morgens beginnen und bis 20 Uhr gehen solle. Der zweifache Familienvater gilt zwar als eher verschlossen, aber als ein äußerst arbeitsamer Technokrat voller Ideen und Tatendrang. Seine politische Agenda für die kommenden 100 Tage ist beeindruckend, Reformvorhaben im Finanz- und Steuerwesen bis hin zur Abschaffung des Wehrdienstes sollen umgesetzt werden. Preußisch organisiert er seinen Arbeitsalltag, von seinen Mitarbeitern verlangt er höchste Disziplin. Seinen Ministern hat er verboten, sich öffentlich ohne sein Einverständnis zu äußern. Stattdessen trifft sich die Kabinettsrunde jeden Samstag, um gemeinsam die wichtigsten Entscheidungen zu besprechen.

Wenn Uribe heute offiziell sein Amt antritt, wird nicht gefeiert. Nur wenige ausländische Staatsgäste werden nach Kolumbien reisen. Dem Volk ist geraten worden, sich von öffentlichen Ansammlungen fern zu halten, nicht zu jubeln. Gleichzeitig tobt der Krieg so heftig wie nie. Erst gestern starben 40 Menschen bei Kämpfen zwischen Guerilla und rechten Paramilitärs. Washington hat zwar keinen hohen Regierungsvertreter nach Bogotá entsandt, dafür aber eine neue Spezialeinheit. Die USA leisten massive finanzielle und militärische Hilfe, denn Kolumbien ist einer ihrer Erdöllieferanten. Ein Signal der Bush-Regierung ist besonders überraschend: Erstmals darf die Militärhilfe nicht nur gegen die Guerilla, sondern auch gegen die Paramilitärs eingesetzt werden.

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