Zeitung Heute : Der Staat weist den Weg

Dagmar Rosenfeld

Das Satellitensystem Galileo soll nun unter staatlicher Regie aufgebaut werden, den Steuerzahler kostet das Milliarden. Warum braucht Europa ein eigenes Navigationssystem?


So richtig will es nicht funktionieren, wenn sich die Europäer gemeinsam an „Prestigeprojekten“ versuchen, wenn sie höher, schneller und weiter sein wollen als die USA. Das hat sich im Konkurrenzkampf der Flugzeugbauer Airbus und Boeing gezeigt – und das bewahrheitet sich nun auch beim Satellitennavigationssystem Galileo. Galileo, die europäische Antwort auf das amerikanische GPS, wird nicht nur später in Betrieb gehen als geplant. Das Projekt, das eigentlich in Form einer Public Private Partnership zwischen Wirtschaft und öffentlicher Hand betrieben werden sollte, wird nun wohl zu einer rein staatlichen Angelegenheit. Am Mittwoch forderte EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot, der Aufbau des Satelliten-Netzwerks solle in staatlicher Regie erfolgen. Den Steuerzahler würde das 2,4 Milliarden Euro kosten. Eine Entscheidung soll im Juni getroffen werden.

Galileo ist ein Gemeinschaftsprojekt der EU, der Raumfahrtorganisation Esa und eines Industriekonsortiums. Dieses Konsortium – bestehend aus acht Unternehmen, darunter der deutsch-französische Technologiekonzern EADS und T-Systems – hatte Ende 2005 den Auftrag erhalten, den Ausbau und Betrieb von Galileo zu übernehmen. Doch jetzt ist die Privatwirtschaft raus. Eine Entwicklung, die sich schon länger abgezeichnet hat. Denn von Anfang an stritten die Unternehmen über die genaue Aufgabenverteilung, Produktionsstandorte und Fragen der Risikohaftung. So verlangten sie beispielsweise, dass die EU die Zinsen für die von ihnen aufgenommenen Kredite bedienen sollte. „Der Privatsektor hat praktisch den öffentlichen Sektor aufgefordert, das gesamte Risiko zu übernehmen“, kritisierte Barrot.

Offenbar hat die Industrie nicht wirklich an einen Erfolg des Navigationssystems Galileo geglaubt, das Milliardeneinnahmen und 150 000 neue Arbeitsplätze bringen sollte. Obwohl Galileo wesentlich genauer als sein amerikanischer Konkurrent GPS (das System ist seit 1993 in Betrieb) sein soll, sind Zweifel berechtigt. Zum einen sollen kommerzielle Dienste für Galileo-Leistungen Gebühren zahlen. Sie werden daher wohl weiterhin das kostenlose GPS-Angebot nutzen. Und für die Autonavigation reiche ohnehin die Leistung von GPS aus, sagen Experten. Zumal eine Umstellung auf ein neues Navigationssystem den Bau neuer Endgeräte und neuer Antennen erfordere.

Der Flugverkehr wiederum ist auf präziseste Standortbestimmungen angewiesen. In Deutschland, mit durchschnittlich 2,69 Millionen Überflügen im Jahr das verkehrsreichste Land Europas, arbeitet die Deutsche Flugsicherung daher an einem neuen Navigationssystem – gemeinsam mit GPS.

Allerdings will die EU mit Galileo nicht nur Geld verdienen, sondern sich vor allem unabhängiger von den USA machen. Denn die Staaten fürchten, dass die Amerikaner im Krisenfall – so wie es beispielsweise zu Beginn des Irakkriegs der Fall war – ihre GPS-Signale abschalten, um Gegnern die Orientierung zu erschweren. Ein Grund, warum auch Russland sein Navigationssystem Glonass ausbauen will. Bislang ist Glonass nur für militärische Zwecke eingesetzt worden, nun soll es für zivile Nutzer geöffnet werden. Bis Ende 2009 will Russland 24 Satelliten im All haben – und die würden ausreichen um die gesamte Erde abzudecken. Die russische Raumfahrtagentur hat ihre Ausgaben für Glonass daher in diesem Jahr auf 380 Millionen Dollar verdoppelt.

Läuft alles wie geplant, dann könnten die Russen den Europäern die Schau stehlen. Denn der Streit zwischen Politik und Wirtschaft hat den Ausbau von Galileo verzögert. Ursprünglich sollte das System 2010 voll funktionsfähig sein, nun wird vor 2012 nichts daraus. Zumal sich bisher nur ein einziger Testsatellit im All befindet, der Start eines zweiten hat sich mehrmals verzögert. Nun ist er für Ende 2007 geplant. Insgesamt soll für Galileo ein Netzwerk aus 30 Satelliten in 24 000 Kilometer Höhe installiert werden.

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