Zeitung Heute : Der Sterndeuter auf dem Boden der Tatsachen

Kurt Becks erste Rede als künftiger SPD-Chef: Die Vordenker der Partei werden Schwierigkeiten mit ihm haben – das Volk weniger

Robert Birnbaum Hans Monath

Man wird von Kurt Beck wohl annehmen müssen, dass er meistens ein glücklicher Mensch ist. Einer von jenen seltenen Erdenbürgern, der seinem lieben Gott tagtäglich dankt dafür, dass er ihn nicht im nördlichen Eismeer hat zur Welt kommen lassen oder in Hinterindien, sondern in Bad Bergzabern in der Pfalz, wo es Wein gibt und Wurst und auch sonst alles zum Leben. Man wird Kurt Beck auch kaum zu nahe treten mit der weiteren Vermutung, dass es ihn ehrlich betrübt, dass nicht alle Menschen so zufrieden sein können mit ihrem Dasein. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, sagt ihr künftiger Vorsitzender nämlich, werde versuchen müssen „den Menschen deutlich zu machen, dass wir ein Riesenglück haben, in Deutschland zu leben“. So kann man die Anforderungen an ein Grundsatzprogramm natürlich auch zusammenfassen.

Er ist ersichtlich nicht so ganz in seinem Element. Genau zwei Wochen ist das jetzt her, dass der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Hals über Kopf zum künftigen Chef der ältesten deutschen Partei auserkoren wurde, weil Matthias Platzeck nach seinen Zusammenbrüchen die Notbremse gezogen und das Amt zurückgegeben hatte.

Jetzt soll Beck seine erste Rede halten, obendrein eine programmatische, was ja immer schwierig ist. Und dann ist auch noch die Kulisse dieser Auftaktveranstaltung zur SPD-Programmdebatte auf Platzeck zugeschnitten worden. Das haben sie nicht mehr ändern können. Schon, weil der Rundsaal im Berliner Congress Center am Alexanderplatz sowieso an ein Planetarium erinnert mit seinen vielen runden Lichtern an der Kuppeldecke und den silberglänzenden Lichtertechnikmasten. Alle sitzen im Kreis, das Rednerpodest ist auch ein Kreis, und mittendrin also in einem senkrechten Lichtstrahl von oben der Sterndeuter, der der SPD den Weg weist – so in etwa müssen sich die Planer das ausgedacht haben. Dort steht nun aber mittendrin Kurt Beck mit beiden Füßen fest auf der Erde und wünscht „Einen schönen guten Tag!“.

So würde er das auch im Menschengewühl sagen oder auf dem Marktplatz. Eingangs im Film ist Beck so zu sehen gewesen, Ausschnitte aus dem letzten Wahlkampf. Der Film hat im weiten Bogen und untermalt von dramatischen Paukenschlägen von Godesberg 1959 über Willy Brandt und Gerhard Schröder die Kontinuität der drei Leitbegriffe Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität dargestellt. „Kraft der Erneuerung – SPD“ ist hinten an den Stellwänden überdies zu lesen.

Beck hat vorher im Parteipräsidium und im Parteivorstand jene 20 Seiten vorgestellt, die er als „Leitsätze“ in die Diskussion wirft, hat knapp eine Stunde lang darüber referiert, zum Warmreden sozusagen. Die Gremien haben das Programmpapier abgesegnet; nur der frühere Bremer Landesvorsitzende Detlev Albers hat allgemeines Missbehagen geäußert. Es kann sich aber hinterher keiner erinnern, was dem Altlinken denn eigentlich im Detail nicht gefallen hat.

Das mag daran liegen, dass das Papier zwar etliche Passagen enthält, mit denen mancher SPD-Traditionalist so seine Schwierigkeiten hat – angefangen beim neuen Leitbegriff des „vorsorgenden Sozialstaats“, dem selbstkritisch ein altes Modell namens „nachsorgender Sozialstaat“ entgegengesetzt wird, das zu viel auf Reparatur und Statuserhalt gesetzt habe. Aber Becks Tonfall lässt Kontroverses weniger strittig klingen. Den neuen Leitbegriff greift er in seiner Rede nur einmal nebensätzlich auf. Wobei der robuste Pfälzer andererseits keine Zweifel daran lässt, was er heißt, wenn er – unter ausgesprochen spärlichem Beifall – „Rechte und Pflichten“ betont, insbesondere aber Pflichten. „Das mag altmodisch klingen“, sagt Beck. Aber wer Rechte vom Staat in Anspruch nehme, den müsse die Gemeinschaft in die Pflicht nehmen, schon der Gerechtigkeit wegen gegenüber den Menschen, die sich abmühten, ohne staatliche Unterstützung zurechtzukommen.

Beck ist der Sohn eines Maurers, gelernter Elektromechaniker, immer selbst hochgearbeitet, in der Abendschule, im Beruf, in der Partei. Der weiß schon, wie die Leute denken, denen keiner was schenkt.

Ohnehin wird der massive Mann mit dem Kater-Carlo-Bart immer dann lebendig hinter seinem Rednerpult, wenn er weit genug weg ist von jenen Vokabeln und Sätzen, mit denen die Vordenker aller Parteien ihr Soziologiestudium rechtfertigen. Was haben sie in den vergangenen Jahren in der SPD über das Verhältnis von „Chancengerechtigkeit“ zu „Verteilungsgerechtigkeit“ gestritten oder über den „aktivierenden Sozialstaat“! Beck greift kein einziges dieser komplizierten Schlüsselwörter auf. Er illustriert lieber mit Beispielen. Dahinter steckt sein Programm. Das Programm des Kurt Beck nämlich.

Das ist nicht in den 20 Seiten Leitsätzen nachzulesen, und es wird auch nicht voll inhaltlich im neuen Grundsatzprogramm zu finden sein, wenn es 2007 fertig ist. Es steckt in der Geschichte von der Floristin, die ihm erzählt habe, dass sie zu Hause die Nachrichten sofort abschaltet, weil sie die eh nicht versteht – Vertrauen, sagt Beck, kann aber nur eine Politik erzeugen, die sich verständlich zu machen versteht. „Lasst uns Politik als Bringschuld verstehen“, sagt er. „Bürgergesellschaft“ klingt infolgedessen in der Beckschen Übersetzung so: „Wir sind genauso verantwortlich für die, die in Afrika hungern, wie für die alte Dame, die neben uns wohnt und die niemand mehr hat, der sich um sie kümmert.“ Selbst die Weltpolitik, die kalte Welt der Globalisierung wird schon mal auf rheinland-pfälzische Perspektive heruntergebrochen: Dass in Indien ein Kastensystem existiert und Kinderarbeit seien „Dinge, die wir ändern wollen“. Beck sagt übrigens auch Sätze wie: „Es kann nicht sein, dass die Demokratie ihr Ende dort hat, wo ökonomische Interessen ihren Anfang haben.“ Sätze also, die sich durchaus dazu eignen würden, in Jahrzehnten einmal in einem Film zum Auftakt der übernächsten SPD-Programmdiskussion zitiert zu werden. Er sagt sie aber so zwischendurch, so zwischen Bodenständigem und Beispielhaftem, dass die Leute im Publikum und das Präsidium das Klatschen vergessen.

Als er fertig ist, bleibt Beck kurz mitten in dem Scheinwerferkegel stehen. Dann geht er nicht nach hinten zurück, an seinen Platz, weg vom Publikum, den Weg, den die Planer für den Abgang vorgesehen hatten. Nein, er springt nach vorne, die zwei Stufen runter, läuft durch die Reihe des Präsidiums, drückt dem Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee die Hand, gibt dem DGB-Chef Michael Sommer einen Klaps auf die Schulter und versetzt dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier einen kumpeligen Stubs ins Kreuz. Das ist eben seine Art des Abgangs. Kurt Beck hat nicht nach den Sternen gegriffen. Er hat für eine knappe Stunde den Marktplatz nach Berlin geholt. Die Vordenker werden also wohl ein bisschen Schwierigkeiten mit dem neuen Vorsitzenden haben. Das Volk dafür vielleicht weniger.

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