Zeitung Heute : Der stete Tropfen

Öl ist teuer – aber vor allem, weil alle glauben, dass es teuer sein muss

Bernd Hops

In Wien tagt am Mittwoch die Opec, um über die steigenden Ölpreise und eine Ausweitung der Förderung zu beraten. Muss der Rohstoff eigentlich so teuer sein?

Benzin ist in Deutschland so teuer wie noch nie. Der Preis für Rohöl erreicht seit Monaten ebenfalls immer wieder historische Höchststände. Um die 55 Dollar werden je Barrel (159 Liter) für Öl in New York derzeit fällig. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) wird am heutigen Mittwoch deshalb wahrscheinlich beschließen, ihre Produktion um 500000 Barrel täglich zu erhöhen, obwohl die Förderung bereits auf Hochtouren läuft. Das wichtigste Opec- Mitglied, Saudi-Arabien, hat sich dafür stark gemacht.

Einen richtig guten Grund gibt es für die hohen Preise aber eigentlich nicht. Analysten und Händler reden zwar immer noch gern über die Angst vor Versorgungsengpässen, über die amerikanischen Autofahrer, die jetzt wieder – mit Beginn der Sommersaison – mehr fahren, und von Verunsicherungen allgemein, weil böse Überraschungen einfach nie auszuschließen sind. Allen steckt noch in den Knochen, dass im vergangenen Jahr niemand damit gerechnet hatte, dass die chinesische Nachfrage nach Öl so stark wachsen würde.

Aber hier werden auch nur die Argumente aus dem vergangenen Jahr aufgewärmt. Und 2004 sah die Lage noch ganz anders aus als heute. Der Ölverbrauch in China nimmt zwar weiter zu, aber in einem wesentlich geringeren Tempo. Die Amerikaner fahren zwar nach der Winterpause wieder mehr Auto, aber Engpässe bei der Versorgung mit Treibstoffen, weil die US-Raffinerien nicht mit der Produktion nachkommen, gibt es bisher nicht. In den vergangenen Jahren hatte das zu einer starken Nachfrage nach Benzin aus europäischer Produktion geführt, die Notierungen an den hiesigen Produktebörsen in die Höhe getrieben – und damit auch den Preis für Rohöl. In diesem Jahr ist das bisher nicht der Fall. Stattdessen wird darüber spekuliert, dass es vielleicht doch noch passieren könnte. Solch eine Spekulation dient dann wiederum als Rechtfertigung für die hohen Preise. Überhaupt ist die Lage in den USA paradox. Monatelang wurden von den Ölbörsen die jeden Mittwoch erwarteten aktuellen Vorratsdaten zu Rohöl und Ölprodukten erwartet. Jeder Rückgang spiegelte sich durch einen weiteren Aufschlag im Ölpreis wider. Der Grund: Die Vorräte bewegten sich lange im unteren Bereich des langjährigen Durchschnitts – und ein fehlender Puffer bietet immer Gelegenheiten für Spekulanten. Doch mittlerweile liegen die Ölvorräte deutlich über dem langjährigen Schnitt, die Benzinvorräte wiederum sind signifikant höher als zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr. Nur bei Diesel und Heizöl hat sich der Stand nicht verbessert.

Diesen eigentlich beruhigenden Zahlen halten die Investoren nur ein „man weiß ja nie“ entgegen. Und es bleibt noch ein Argument für steigende Ölpreise: Sie klettern weiter, weil sie geklettert sind. Finanzinvestoren schauen häufig nur auf einen Preistrend. Erst wenn der gestoppt wird, geht es auch wieder abwärts. Es könnte schon bald so weit sein. Erste Berichte, dass sich Anleger zunehmend mit Verkaufsoptionen für Öl eindecken und damit auf sinkende Preise spekulieren, gibt es schon.

Schließlich hat das auch angesichts der Tatsachen mehr Sinn. Die Opec-Mitglieder haben bei den vergangenen Konferenzen versprochen, ihre Förderkapazitäten zu erhöhen und damit Spekulationen über einen Versorgungsengpass den Boden zu entziehen. Denn derzeit gibt es zwar genug Öl auf den Märkten – und auch in den vergangenen Monaten war immer genug Öl vorhanden. Aber es gibt kaum noch Reserven für den Fall, dass ein Ölproduzent zum Beispiel durch Streiks oder Anschläge ausfällt. Schon zum Ende des Jahres dürften aber bereits zusätzliche Kapazitäten nutzbar sein, prognostiziert die Opec. Und auch auf längere Sicht ist einiges zu erwarten.

Der Irak zum Beispiel will seine Förderung von heute knapp zwei Millionen Barrel pro Tag in den nächsten zehn Jahren auf bis zu sechs Millionen Barrel erhöhen. Die nötigen Investitionen werden auf 20 Milliarden Dollar geschätzt (16,5 Milliarden Euro). Die sollen auch von internationalen Ölkonzernen aufgebracht werden. Doch die Unternehmen halten sich – angesichts der unsicheren Lage im Irak – noch zurück. Bisher sind sie nur an Feldstudien zu den Potenzialen einzelner Ölfelder beteiligt.

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