Zeitung Heute : Der stille Teilhaber

Schon einmal, 1982, rollten die Panzer des Diktators in seine Heimatstadt Hama. Tausende Menschen starben bei dem Massaker. Omar Shawaf war kurz zuvor geflohen. Von Istanbul aus arbeitet der Exilsyrer nun an dem Sturz Assads – ohne Gewehr und Sprengstoff.

Syrien blutet. Mit 15 verließ Omar Shawaf sein Land. Doch noch immer pflegt der erfolgreiche Unternehmensberater enge Kontakte in die Heimat. Foto: Kerem Uzel
Syrien blutet. Mit 15 verließ Omar Shawaf sein Land. Doch noch immer pflegt der erfolgreiche Unternehmensberater enge Kontakte in...Foto: Kerem Uzel/Narphotos

Es regnete in Hama. Das weiß Omar Shawaf noch. Ein Regentag, ja, sagt er. Dabei liegt der schon mehr als 30 Jahre zurück. Aber wie könnte er vergessen, wie es war damals, an jenem Tag, als er in seiner syrischen Heimatstadt zusammen mit einer Gruppe von Schulkameraden heimwärts trottete und von Soldaten angehalten wurde. „Wir mussten uns auf die Straße legen“, erzählt der heute 47-Jährige, dem anzusehen ist, wie die Wut in ihm hochsteigt. „Die Straße war vom Regen nass. Dann traten sie uns mit ihren Stiefeln und schlugen uns.“

Dunkle Erinnerungen passen eigentlich nicht zu dem strahlend-sonnigen Sommertag in Nisantasi, einem noblen Viertel in der türkischen Metropole Istanbul. Shawaf, lässig-elegant in Weiß gekleidet, trinkt einen Espresso in einem Straßencafé und checkt Mails in seinem Laptop. Die Designer-Sonnenbrille hat er nach oben über sein grauweißes Haar geschoben, das Smartphone liegt griffbereit, und wenn er eine seiner Edelzigaretten aufgeraucht hat, zündet er sich sofort eine neue an. Aber der Eindruck des Lebemanns täuscht. Shawaf ist kein Müßiggänger mit zu viel Zeit und Geld. Er ist ein Revolutionär.

Über Leute wie Omar Shawaf findet sich nur selten etwas in den Schlagzeilen der Weltpresse, wenn es um den Bürgerkrieg in Syrien geht. Einen Tag nach der Friedenskonferenz in Genf sind es denn auch andere, die das Wort führen. Oppositionelle durften an den Beratungen gar nicht teilnehmen, an deren Ende der unverbindliche Vorschlag zur Bildung einer Übergangsregierung stand. Der russische Außenminister Sergej Lawrow rechtfertigt seine Weigerung, auf eine Abdankung Assads zu drängen, mit dem Satz: Niemand werde Syrien irgendeine Lösung „von außen aufzwingen“. Seine Kollegin aus den USA, Hillary Clinton, meint, dass Assads Verbleib ohnehin, also auch ungeachtet des in Genf ausgehandelten Kompromisses, unmöglich sei. Und aus den Reihen der syrischen Opposition, die sich enttäuscht zeigte über so viel Zaghaftigkeit, rief Bassam Ishak vom Syrischen Nationalrat (SNC) nun erst recht zum bewaffneten Kampf auf.

Und doch spielen Leute wie Omar Shawaf eine wichtige Rolle im syrischen Machtkampf. Shawaf ist Mitglied bei den „Zivilen Regierungsräten“, einer Oppositionsgruppe in Syrien, die Verbrechen der Assad-Regierung dokumentiert und gleichzeitig am Aufbau einer neuen Verwaltung für den Tag nach dem erhofften Sturz des syrischen Präsidenten arbeitet.

Unter anderem hilft Shawaf mit seinen vielen Kontakten in Syrien der internationalen Gemeinschaft, sich ein Bild von der Lage in dem Unruheland zu machen. Er erfährt in Istanbul sofort, wenn in seiner Heimatstadt Hama die Leute auf die Straße gehen oder wenn Teile der Hafenstadt Latakia beschossen werden, und deshalb schaut er jetzt nach, ob ihn eine neue Mail erreicht. Er erfährt so viel, weil viele Aktivisten in Syrien inzwischen über Satelliten-Telefone und satellitengestützte Internetverbindungen verfügen. Moderne Kommunikationssysteme, die durch Leute wie Shawaf nach Syrien gelangen.

In der ersten Phase der Volkserhebung gegen Assad im vergangenen Jahr habe das Regime immer wieder Telefon- und Internetverbindungen unterbrochen, um Berichte über Gewaltaktionen zu unterdrücken, erinnert sich Shawaf. Die modernen Satellitentelefone machten der Regierung einen Strich durch die Rechnung, auch die USA haben sich öffentlich zu der Lieferung moderner Kommunikationsmittel an Regierungsgegner bekannt. „Die Technologie“, sagt Shawaf, „ist das Wichtigste am arabischen Aufstand.“

Zwei- bis dreimal am Tag hat Shawaf inzwischen Kontakt mit Mitgliedern seiner Gruppe in Syrien. Sie berichten ihm, wie die Lage ist und was sie an Hilfsgütern und Medikamenten brauchen. Gemeinsam versuchen sie, Strukturen zu schaffen, die Chaos und Anarchie verhindern können, wenn das Assad-Regime eines Tages kollabieren sollte. Schon jetzt würden 60 Prozent des Staatsgebietes, so sagen es die Rebellen, von ihren Leuten kontrolliert. Shawafs Arbeit findet im Verborgenen statt, unspektakulär, ohne Pulverdampf, Youtube-Videos und Explosionen. Aber sie könnte eines Tages entscheidend sein für einen Machtwechsel. „Es gibt Hunderte, nein, Tausende wie mich.“

Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Syrer Ähnliches erlebten wie er, zuerst unter dem Regime von Hafez al Assad, der 2000 nach 30 Jahren an der Macht starb, und dann unter dessen Sohn, dem heutigen Präsidenten Baschar al Assad. Aber Leute wie Omar Shawaf geben nicht so rasch auf, sie haben zu viel durchgemacht. „Ich bin stolz darauf, Syrer zu sein“, sagt er. „Und ich bin stolz darauf, aus Hama zu sein.“

Dorthin will er auch wieder zurück. Das treibt ihn an. Shawafs Heimat war schon immer eine Hochburg des Widerstandes der Sunniten gegen die alevitische Assad-Sippe. Schon als Kind bekam Shawaf das zu spüren. Eines Tages umstellte die Armee nach einer Protestkundgebung sein Schulgebäude und verlangt, die Schule solle den Behörden zehn minderjährige Rädelsführer übergeben – darunter auch den jungen Shawaf. „Gerettet wurden wir von unserem Arabischlehrer, einem Christen“, sagt er. „Der schloss das Schultor zu und sagte den Soldaten, sie könnten nur über seine Leiche hinein.“ Die Truppen zogen sich zurück.

Als Omar 15 Jahre alt war, sahen die Shawafs keine Perspektiven mehr. Der Junge verließ mit einigen seiner Angehörigen das Land. „Das war nicht einfach. Wir wussten, dass es kein Zurück geben würde.“ Zwei Jahre später, 1982, ließ Assad Senior in Hama die Panzer rollen, um eine sunnitische Revolte niederzuwalzen und ein Exempel zu statuieren. Mindestens 20 000 Menschen starben, einige Menschenrechtler sprechen von 40 000 Toten. Unter ihnen waren zehn Mitglieder von Shawafs Familie, die es nicht mehr rechtzeitig ins Exil geschafft hatten. Auch ein Onkel, damals 70 Jahre alt. Man hat ihnen später erzählt, wie es passierte: „Er trat auf den Balkon seiner Wohnung, weil er sehen wollte, was draußen los war. In dem Moment wurde der Balkon von einer Panzergranate getroffen.“

Die Familie Shawaf wurde versprengt und teilt nun das Schicksal vieler syrischer Klans, die sich auf etliche Länder verteilen. „Wir haben neulich mal nachgerechnet“, sagt Omar. „Mit meinen neun Geschwistern und meinen Neffen und Nichten kommen wir insgesamt auf elf verschiedene Nationalitäten.“

Nach zwei Jahren in Dubai, wo Omar Shawaf zur Schule ging, kam er nach Istanbul, wo ein anderer Verwandter studierte. Er fühlte sich schnell zu Hause in der Türkei, studierte Betriebswirtschaft und machte mit 20 sein erstes Geschäft auf, einen Import-Export-Handel. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmensberater und hat die türkische Staatsbürgerschaft. „So sind die Syrer eben“, sagt Shawaf. „Weil es zu Hause so hart ist, blühen sie auf, wenn sie irgendwo anders die Gelegenheit dazu haben.“

Seit dem Ausbruch der Unruhen gegen Assad hat Shawaf seinen Beruf aber fast ganz aufgegeben – 90 Prozent seiner Zeit widmet er der „Revolution“, schätzt er. Als im vergangenen Jahr die erste Istanbuler Protestkundgebung gegen Assad stattfand, war er unter den Teilnehmern. Shawaf weiß, dass er vom syrischen Geheimdienst beobachtet wird, doch es kümmert ihn nicht. „Wir sind hier in der Türkei“, sagt er. „Die türkische Regierung wird alles tun, um uns zu schützen.“

Sein Optimismus ist nicht unbegründet. Nach jahrelanger enger Zusammenarbeit mit dem syrischen Präsidenten wandte sich die Türkei im vergangenen Jahr von der Regierung in Damaskus ab. Außenminister Ahmet Davutoglu scheiterte damals mit einem letzten Versuch, Assad zu politischen Reformen zu bewegen und der Protestbewegung entgegenzukommen. Assad unterliege der „Illusion der Diktatoren“, sagte Davutoglu später: „Sie glauben, wenn sie Zeit gewinnen, können sie die Situation kontrollieren und dann kosmetische Veränderungen durchführen.“ Dieses Kalkül werde in Syrien ebenso wenig aufgehen wie in anderen Staaten, die autokratische Regime abgeschüttelt hätten.

Heute unterstützt die türkische Regierung den Oppositionsverband SNC, bei dem auch Shawaf Mitglied ist, und gewährt der Führung der bewaffneten Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) Zuflucht auf türkischem Boden. Einigen Presseberichten zufolge drückt Ankara zudem bei Waffenlieferungen an die syrischen Aufständischen beide Augen zu.

Auch Shawaf konnte im vergangenen Jahr von der Türkei aus mehr oder weniger heimlich nach Syrien gelangen. Zusammen mit anderen Aktivisten brachte er Lebensmittel und Medikamente zu einer Gruppe von Flüchtlingen, die sich auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei erschöpft niedergelassen hatten. „Zum ersten Mal seit 31 Jahren betrat ich wieder syrischen Boden“, sagt Shawaf. Die Flüchtlinge waren in einem erbarmungswürdigen Zustand. „Zu Trinken hatten sie nur Regenwasser aus Pfützen.“ Inzwischen hat die Türkei mehr als 30 000 syrische Flüchtlinge in Zelt- und Containerlagern untergebracht.

Seit diesem Abstecher ist Shawaf nicht mehr in Syrien gewesen. An der Grenze haben beide Seiten Panzerverbände aufgefahren. Ob es noch so einfach ist, unter dem simplen Drahtzaun hindurch und auf syrischem Terrain zu Hilfebedürftigen zu gelangen, weiß im Moment niemand. Aber der Wunsch zu helfen, ist groß. Fast alles, was Shawaf und seine Gruppe bisher an Hilfsgütern und Kommunikationsgeräten nach Syrien schaffen konnten, wurde von syrischen Spendern finanziert.

Noch vor Ende des Jahres werde sich in Syrien „viel verändern“, sagt Shawaf lächelnd voraus. „Aber wichtig ist, dass wir die Revolution vollenden. Halbe Revolutionen wie die in Ägypten sind hochgefährlich, weil dort Mitglieder des alten Regimes immer noch von einer Rückkehr der guten alten Zeit träumen.“

Um sich an der Macht zu halten, hetze das Assad-Regime die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen im Land aufeinander, sagt Shawaf. Dabei hätten dort alle Religionen immer friedlich zusammengelebt. „Mein bester Freund in Hama hieß Abdullah – ich bemerkte erst nach zwei Jahren, dass er Christ war. Dabei lebte seine Familie in der Nachbarwohnung.“

Zur „Vollendung der Revolution“ müsse man ganz neu anfangen, meint Shawaf. „Syrien ist ein Land, in dem die eine Hälfte der Leute eingesperrt ist und die andere Hälfte den Gefängniswärter spielen muss.“ Ein Bruder spioniere den anderen aus, sagt Shawaf. „Wenn wir uns zu Hause über Politik unterhielten, dann immer nur sehr leise.“

Auch Shawafs Eltern verließen Syrien, sie sind inzwischen im Exil gestorben. Ihr Wunsch, noch einmal im Leben nach Syrien heimzukehren, erfüllte sich nicht. Das syrische Konsulat in Istanbul habe sich sogar geweigert, den Tod seiner Mutter zu beglaubigen. Da Damaskus die Pässe der Flüchtlinge aus Hama nicht verlängerte, galt die Frau bei den Konsulatsbeamten nicht mehr als Syrerin. „Aber meine Eltern werden sich trotzdem freuen, wenn sie sehen, dass wir nach Hama heimkehren werden“, sagt Shawaf. „Genau deshalb kämpfen wir jetzt“, fügt er hinzu. „Wir wollen nicht, dass die nächste Generation der Syrer die gleichen traurigen Geschichten erzählt.“

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