Zeitung Heute : Der Stimmungsmacher

Erst wollten sie ihn nicht, jetzt sind sie fast euphorisch. Mit Friedbert Pflüger könnte die Berliner CDU ihre Dauerkrise überwinden

Werner van Bebber

Der Typ mit der Tarnjacke sieht nicht aus wie ein CDU-Wähler, aber der designierte Spitzenkandidat nimmt ihn frontal. „Guten Tag, ich bin Friedbert Pflüger und will Regierender Bürgermeister werden.“ Der Tarnjacken-Träger lächelt freundlich-irritiert. Die beiden stehen in der Neuköllner Erkstraße. Die Sonne lächelt auf die ortsüblichen Hundehaufen auf dem Gehweg, und Pflüger lernt wieder einen Berliner kennen. Gerade hat der Kandidat schräg gegenüber, in der Donaustraße 100, sein Bürgerbüro eröffnet. Mit der offensiven Ansage, er wolle Regierender Bürgermeister werden, spricht der CDU-Mann in diesen Wochen jeden an, dem er in Berlin auf Straßen oder Plätzen begegnet. Er stellt sich vor, schüttelt Hände, lächelt, fragt, hört zu. Er kennt keine Zurückhaltung. Sollte der Tarnjackenträger demnächst mal an einen Meinungsforscher geraten und nach dem Namen „Friedbert Pflüger“ gefragt werden, wird er sagen: „Jo, den kenne ich. Der will Bürgermeister werden.“

Darauf kommt es für den CDU-Mann jetzt an: Er muss sich den Berlinern bekannt machen. Danach kann er versuchen, sie von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Klaus Wowereit, der Amtsinhaber, ist von einer kaum zu erreichenden Prominenz. Friedbert Pflüger kennen noch nicht viele in Berlin. Also arbeitet er in hohem Tempo daran, das zu ändern. Am kommenden Freitag dürfte er dabei einen großen Schritt vorankommen. Dann will ihn die Berliner CDU zum Spitzenkandidaten küren. Als Gastrednerin ist Angela Merkel angekündigt.

Es dürfte eine Krönungsmesse werden. Die Berliner CDU ist ergriffen von Friedbert Pflüger. Wohin er kommt, sind die Säle voll. Ein Montagabend in Adlershof, im neu gebauten Wissenschafts-Zentrum im Berliner Südosten. Die CDU-Mittelständler haben eingeladen. Abends um sieben ist hier kaum noch ein Mensch unterwegs, aber im „Einstein-Newton-Kabinett“ – so heißt der Versammlungsraum – fehlt es an Stühlen. 200 Leute sind gekommen, um Pflüger kennen zu lernen. Der hält seine Standardrede. Sie dauert, je nach Anzahl ihrer Module, eine Dreiviertelstunde bis eine Stunde.

Reden kann er. Pflügers Sprache ist Hochdeutsch, nicht Wowereits schnoddrig-verschliffene Berliner Mundart. Erklären will Pflüger vor allem eins: Dass er vom Berlin-Skeptiker zum Herzensberliner geworden ist, mit Hauptwohnsitz in Mitte. In der Hauptstadtdebatte von 1991 war er für Bonn gewesen. Daran erinnerten sie sich in Berlin zuerst, als der Spitzenkandidat Pflüger ins Gespräch kam: Der war für Bonn. Den wollen wir nicht.

Inzwischen hat Pflüger die Berliner zwei Monate lang umworben – und das Anti-Berlin-pro-Bonn-Argument war nicht einmal zu hören. Was an einem von Pflügers Rede-Modulen liegen könnte. Das besteht aus Sätzen wie „Ich habe dazugelernt“ und „Berlin ist eine tolle Stadt“. Pflüger lobt gern. Er steht vor den Leuten, grauer Anzug, weißes Hemd, modisch-dezente Krawatte, gerne lindgrün, und lobt: die Stadt, die Partei. Die Mittelständler in Adlershof sind erbaut. Die Neuköllner sind erbaut, als er mit seiner Freundin und dem gerade laufen lernenden kleinen Sohn seine Vorstellungsrede hält. Hier, wo Berlin die Stadt der Gegensätze ist, teils piefig, teils kaputt, hier hat Pflüger seit Mitte Februar seinen Wahlkreis. Auch von Weizsäcker war Neuköllner. Diepgen ebenfalls.

Auch die Basis in Charlottenburg-Wilmersdorf ist von Pflüger angetan. Ein Mittwochabend im März, wieder reichen die Stühle nicht aus. Das ist die West-Berliner CDU, das sind die Leute, die für ihn Plakate kleben sollen, sonnabends auf den Märkten bei den CDU-Sonnenschirmen stehen und Prospekte verteilen. Sie müssen von ihm überzeugt sein, um die Leute davon zu überzeugen, dass die CDU dank Pflüger wieder da ist. Die CDU Charlottenburg-Wilmersdorf, das sind Anwälte mittleren Alters, dunkle Anzüge, weiße Hemden, gestreifte Krawatten, auch am Abend noch korrekt. Mehr aber noch sind es ältere Männer mit deutlichem Übergewicht, zurückgekämmten Haaren, einem Bart und dem ungehemmten Drang zur Zigarette, und es sind Frauen in Kostümen in gedeckten Farben und flachen Schuhen. Kein böses Wort, kein Gegrummel, während sie auf den Kandidaten warten, der sich ausnahmsweise verspätet.

Dann kommt er an. Lächelt und begrüßt mit Handschlag jeden, den er kennt. Das ist die Richard-von-Weizsäcker-Schule: diese Fähigkeit, jedem zu zeigen, dass er ernst genommen wird, mit Worten, Blicken, Gesten. Pflüger hat sich in kürzester Zeit Dutzende von Berliner Politiker-Namen gemerkt, er vertut sich nicht mit ihnen, er scheint die halbe CDU beim Namen zu kennen. Vor der Charlottenburg-Wilmersdorfer Basis entschuldigt er sich erst einmal, eben habe er mit 200 Mittelständlern diskutiert – und „die haben mich einfach nicht gehen lassen“. Die Wirtschaft interessiert sich wieder für die CDU, heißt das. Dann kommen die Botschaften, die er loswerden muss. Warum er damals für Bonn war und später seine Meinung geändert hat. Die ersten Berliner Eindrücke von den Parteifreunden, die „tollen Leute“, die er in Berlin kennen gelernt hat. Allerdings: Er ist der Stadt nicht fremd und sie ihm auch nicht. Pflüger erzählt von den Jahren mit Richard von Weizsäcker, von dem Ruck, der nach dem Bauskandal und den Hausbesetzer-Unruhen in den beginnenden 80ern durch die Stadt gegangen ist, als von Weizsäcker Politiker von außen holte, Elmar Pieroth, Volker Hassemer, Ulf Fink. Namen, die man noch kennt in Berlin.

Das hat etwas von Déjà-vu – als wollte Pflüger Weizsäckers Geschichte wiederholen. Vor allem aber liegt in der Parallele ein schönes Redemotiv: Die sieche Stadt, die depressive Stimmung – das kennt der Kandidat von seinen Besuchen bei den Arbeitern der Elektronikfirma JVC in Reinickendorf oder dem Baumaschinenhersteller CNH in Spandau, die um ihre Jobs fürchten. Hier 500 Arbeitsplätze, dort 500 Arbeitsplätze, in diesem Winter ist es in der Berliner Industrie weiter abwärts gegangen. Pflüger sieht ernst aus, wenn er von JVC und CNH berichtet. Jetzt kommt noch eine Botschaft an die Basis: Diese Leute mit ihren Familien, mit ihren finanziellen Verpflichtungen, diese Leute habe er gefragt, ob sie mit Wowereits Motto etwas anfangen könnten, Berlin sei „arm, aber sexy“. Eine Antwort auf Pflügers rhetorische Frage ist nicht nötig.

Dann kommt sein eigenes Motto: „Berlin kann mehr“. Seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen sind geprägt von Peter Kurth, dem Ex-Finanzsenator und Wirtschaftsfachmann der Berliner CDU. Solide Ideen, keine Überraschungen. Die Union setze auf die Zukunftsbranchen, würde den Ladenschluss aufheben, wolle eine Art Kombilohn für Leute, die irgendwie in Arbeit gebracht werden können, werde die Jobcenter besser ausstatten, den Tempelhofer Flughafen offen halten, aber privatisieren. Unterschwellig versucht Pflüger noch etwas anderes zu vermitteln: Seinen Terminfleiß, seine Brennpunktbesuche bei CNH oder JVC würde er als Regierender zu einer umfangreichen Reisetätigkeit ausbauen, um Investoren zu gewinnen.

Auch seine zweite Botschaft vermittelt der Kandidat unterschwellig. Sie lautet: „Mit mir könnt auch ihr, liebe Parteifreunde, mehr, als euch gegenseitig fertig zu machen.“ Dafür war die Berliner CDU in den Jahren seit dem Machtverlust 2001 berüchtigt. Nun spüren die Funktionäre der Partei und die Mitglieder, dass sich das wieder ändern könnte. Es ist nicht allein Pflügers professionelles Auftreten, das den Leuten Hoffnung macht. Es ist die Entschlossenheit, mit der er die Berliner Aufgabe angenommen hat. Dass er „ungeheuer fleißig“ sei, hört man von allen, die in der Partei wichtig sind. Pflüger ist tatsächlich sieben Tage in der Woche auf Berliner Angelegenheiten ansprechbar. Nebenbei ist er noch Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Trotzdem ist ihm Erschöpfung oder Ungeduld nicht anzumerken. Womöglich macht ihm die Kandidatur wirklich so „ungeheuer“ viel Spaß wie er behauptet. Er setzt Akzente. Als er in Neukölln sein Diskussionspapier zur Migration vorstellt, sind Leute mit dabei, die sich in den Berliner Migranten-Gesellschaften wirklich auskennen, Emine Demirbüken, Fachfrau für Integration seit vielen Jahren, außerdem zwei türkisch-stämmige Kreuzberger CDU- Leute und ein Palästinenser.

Das Papier? Komponiert aus Gefühl und Härte. Gefühl für die Einwanderer, die die Stadt bereichern, Härte gegen Extremisten, Islamisten, Kriminelle. Eins von Pflügers Standardthemen. Und wenn auf einer Versammlung einer deutlich macht, dass er an der Integrationswilligkeit der Ausländer grundsätzlich zweifelt, wird der Kandidat etwas schärfer im Ton und etwas strenger im Blick und fragt, ob derjenige die Zugewanderten alle zurückschicken wolle in die Türkei?

Drei Monate ist es her, da sondierten sie in der CDU nach der Absage von Klaus Töpfer noch das Szenario: Wer von uns wird gegen Wowereit verlieren müssen? Die Partei war depressiv, das vierköpfige Kandidatensuchkommando höchst unruhig. Und auf einmal war da Friedbert Pflüger. Richard von Weizsäcker, der sonst von der Berliner CDU und ihrem Betrieb mehrere Lichtjahre Abstand zu halten bemüht ist, verwandte sich für seinen politischen Ziehsohn. „Das Wichtigste ist, die CDU muss als klar erkennbare Stimme in Berlin wieder in Erscheinung treten“, sagte von Weizsäcker in einem Interview, um dann Friedbert Pflüger zu loben: Er habe Erfahrung mit und in Berlin – und er kenne sich in der internationalen Politik aus. Das war Anfang Januar, aber die Meinungsmacher in der Hauptstadt-CDU haben ihn wegen seiner Parteinahme für Bonn erst mal weggebissen. Dann aber redete man trotzdem miteinander – und fand sich zu aller Überraschung zusammen. Darin liegt bisher das Erstaunlichste an Pflügers Kandidatur: Dass er dann doch zum Mann der Wahl wurde.

Jetzt aber wollen ihn fast alle. „Er ist das Gesicht der CDU“, sagt ein Kreischef. So schnell kann das gehen. Pflüger, der Zuwanderer, gilt jetzt als Mann, der die Neu-Berliner ansprechen könnte, die seit 1990 in die Stadt gezogen sind. Außerdem kann er Karteileichen zum Leben erwecken. Der Unternehmer und Konzertveranstalter Peter Schwenkow tritt für die CDU gegen Wowereit in dessen Wahlkreis Grunewald-Halensee an – Pflüger hat ihn gewonnen. In der Programmkommission macht Hanns-Eberhard Schleyer mit, Generalsekretär des Zentralverbands des deutschen Handwerks, auch einer, der von der übel beleumundeten Berliner CDU jahrelang Sicherheitsabstand hielt. Kritik am Kandidaten kommt getarnt als Skepsis: Gewiss, sagt einer der Kreischefs , er habe „wieder Zug in die Partei gebracht“. Dann aber verweist er auf die Umfragen. Die CDU steht jetzt bei 24 Prozent. Beliebter sei Pflüger nicht geworden, sagt der Kreischef.

Die Skepsis des einen oder anderen in der CDU hängt damit zusammen, dass Pflüger manche langfristig angelegten Karriereüberlegungen stört. Er ist jetzt 51. Er hat seine Parteiämter in Niedersachsen aufgegeben und angekündigt, dass er auch für einen zweiten Anlauf in Berlin zur Verfügung stehe, falls es im September nicht reicht. Bei Weizsäcker war das nicht anders; auch die lebende Legende brauchte zwei Wahlen, um Regierender Bürgermeister zu werden. Die Strategen in der Berliner CDU fragen sich schon, ob Pflüger im Fall einer Niederlage nicht sogar Fraktionschef werden müsse. Der Kandidat verweist darauf, dass er „Mitglied der Bundesregierung“ sei und als solches viel für die Stadt tun könne. Das klingt ein wenig nach Unlust an den Niederungen der Berliner Politik. Doch einer seiner Berliner Mitstreiter hat Pflügers Worte schon nach Berliner Art interpretiert: Pflüger habe aus jungen Jahren beste Verbindungen zu CDU-Granden wie Roland Koch, Christian Wulff, Günther Oettinger. Pflüger habe seine Freunde also „bei den Geberländern“.

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