Zeitung Heute : Der Stoff für Ipanema

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Von Christan Bahr,

Rio de Janeiro

Kurz bevor es um die letzte Kurve geht und dann den Berg hinauf, verbietet der Reiseführer Luiz Schulze seinen Gästen das Fotografieren. „Lassen Sie Ihre Kamera in der Tasche“, sagt er. Er sitzt in seinem weißen VW-Bus, und eigentlich ist die Anhöhe ein guter Ort, um Bilder zu machen. Wegen des Blicks über Rio de Janeiro und auch wegen der vielen bunten kleinen Häuser, die an den Hängen ringsum stehen. Noch mal: „Auf keinen Fall Fotos machen.“ Es ist der Weg nach Rocinha, es geht in das größte Elendsviertel der Stadt, und Schulze sagt, dass er wirklich keinen Ärger haben will mit den Drogenhändlern dort.

Denn Touristenfotos von der Gegend könnten in die Hände von Polizisten gelangen. Wer trotzdem filmt in den Armenvierteln, den Favelas, und die Bilder dann auch noch im Fernsehen sendet, der riskiert in Rio sein Leben.

Der 51-jährige Fernsehjournalist Tim Lopes wurde im Juni ermordet, weil er zeigte, dass es in der Stadt nicht nur den Karneval gibt, sondern auch das Kokain; Filme drehte, zum Beispiel von einem schmalen Jungen, wie er seelenruhig Maschinengewehre übereinander legt. Wie er die einzelnen Modelle erklärt, über ihr Kaliber und die Schusskraft spricht. Er trug eine Maske im Film und sagte, dass er 14 Jahre alt sei. Sein Geld verdiene er mit Rauschgift. Kokain, Marihuana, Crack. Bote einer Bande sei er und Kämpfer. Und zog zum Schluss noch einen Revolver aus dem Hosenbund.

Die Drogenkriminellen ließen Lopes entführen und foltern, bevor er getötet wurde. Die darauffolgende Kampfansage der Polizei gegen die möglichen Täter beantworteten sie mit einem Anschlag. Brasilien freute sich auf das Fußball-WM-Endspiel gegen Deutschland, und in Rio wurde der Amtssitz des Bürgermeisters mit Maschinengewehren und Granaten beschossen. 150 Mal feuerten die Angreifer wenige Tage vor dem Finale morgens um drei Uhr auf das Hochhaus in der City. Auch das Büro des Bürgermeisters wurde zerstört.

Hilflos verlangte er vom brasilianischen Staatschef, den Ausnahmezustand über Rio de Janeiro zu verhängen. Präsident Cardoso winkte ab, flog aber dennoch sofort in die Stadt. „Alles hat eine Grenze“, sagte er.

200000 oder 300000, niemand weiß, wie viele Menschen in den Hütten leben, die an den Hängen von Rocinha kleben. Gewagt konstruiert und wild übereinander gestapelt wie Schuhkartons, immer in Gefahr, beim nächsten Tropenregen fortgeschwemmt zu werden. Die Mehrzahl der Behausungen ist armselig. Doch viele der roten Steinkästen sind mittlerweile verputzt. Bescheidener Wohlstand ist zu sehen. Autos, Satellitenschüsseln, Schulen, Arztpraxen. Buslinien gibt es, zwei Bankfilialen, Fußballplätze, Diskotheken, eine Sambaschule, Strom. „Alles von der Drogenmafia finanziert“, sagt Reiseführer Schulze beim Gang durch die Estrada da Gávea, die Hauptstraße des Hüttenmeeres. Jahrelang waren die Bandenchefs die Einzigen, die sich um die Armen in Rocinha kümmerten. Etwa einen dringend nötigen Wasserspeicher bauten, weil die Stadt dazu nicht in der Lage war. „Die Drogenhändler kümmern sich, sie bestrafen auch Diebstähle“, sagt Schulze. Kleinkriminalität stört den Kokainhandel. Im Gegenzug dulden die Bewohner die Rauschgift-Geschäfte. Und die Polizei wagt sich kaum in das undurchschaubare Gassengewirr. Das Labyrinth aus steilen Treppen, Tunneln und verzweigten Gängen wäre eine tödliche Falle für sie.

Fast ungehindert konnte sich Rio deshalb zum wichtigsten Drogenumschlagplatz Südamerikas neben Kolumbien entwickeln. Auf rund 50 Millionen Real, das sind 18 Millionen Euro, schätzt die Zeitung „O Globo“ den monatlichen Umsatz in dem illegalen Geschäft. Der Rohstoff für das Kokain kommt aus Kolumbien, aus Paraguay und dem Norden Brasiliens wird Marihuana geliefert. Die Drogen werden in Rio verarbeitet und von hier aus verteilt. Viel davon bleibt aber auch in der Stadt, in der Partyszene von Ipanema und der Favela-Jugend.

„Lange Zeit war es ruhig hier“, sagt Schulze. Er hat selber einmal in Rocinha gelebt. Im letzten Jahr erklärte die Stadtregierung das Viertel sogar zu einer Touristenattraktion. Förderte Führungen und schulte Personal. Doch der Frieden ist wieder vorbei. „Banden bekriegen sich untereinander. Nachts hört man immer mehr Schüsse.“

In den Elendsvierteln ist eine waffenstarrende Gesellschaft entstanden. Rund 10000 Drogenhändler schätzt die Stadtregierung, besitzen Waffen, bis hin zu Granatwerfern. Oft sind es Kinder, die schwer bewaffnet durch die Gassen patrouillieren, gegeneinander oder gegen die Polizei kämpfen. „Traficantes“ – „Händler“, werden die Drogenbosse genannt. Sie haben auch n, Linho, Elias Maluco, oder Celsinho – aber erst, nachdem sie der Polizei ins Netz gegangen sind. Niemand kennt die amtierenden Herrscher der Drogenwelt.

Ein unberechenbarer Parallel-Staat habe sich in den Favelas etabliert, sagt der Justizminister. 5850 Tote zählte Rios Innenbehörde im letzten Jahr im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität. Opfer brutaler Raubüberfälle, Entführungen, Schießereien und von Bandenkriegen. „Viele“, sagt Schulze am Ende der Tour durch Rocinha, „haben Angst davor, dass die Herrschaft der Drogenbosse sich nicht mehr nur auf die Straßen der Favelas beschränkt.“ Dass sie herunterkommen in die besseren Viertel, zum Beispiel nach Copacabana.

Wenn es Abend ist dort und die Autobusse ihre letzten Fahrgäste von den Straßen sammeln, wenn nur noch die Leuchtstoffröhren der Zeitungsläden die Straßen erleuchten – wenn es dann einen Knall gibt, dann ziehen die Menschen hier neuerdings die Köpfe ein. „Furchtbar“, sagt dann zum Beispiel Gilberto Albertini, ein Zeitungshändler. Silvesterböller nach den Siegen der brasilianischen Fußballmannschaft, ja, das liebte er. Aber jetzt? Jetzt klingt die Knallerei wie die Schüsse in der Nacht. Albertini geht vor seinen Laden und zeigt hinauf zu dem Hügel, der sich zwei Blöcke hinter den Hotels der Copacabana erhebt. Hunderte kleiner Lichter funkeln dort in die Nacht. Es sind die Lichter einer Favela. „Wenn die runter kommen“, sagt Albertini und bekreuzigt sich, „dann gnade uns Gott!“

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