Zeitung Heute : Der Stolz, den ich meine

Urban Media GmbH

Von Markus Feldenkirchen

Ludwig Stiegler befindet sich in einer Sackgasse. Ganz am Ende des Ganges im neuen Jakob-Kaiser-Haus hat er sich vor kurzem sein Abgeordnetenbüro eingerichtet. Dort sitzt man nun, schaut aus dem Panoramafenster auf die Brücke über die Spree, auf die Arbeiter, die noch immer am neuen politischen Berlin bauen und muss doch über das alte Berlin reden, das der Weimarer Republik, das so schnell zum Berlin Hitlers wurde. Der Abgeordnete Stiegler hat die Gegenwart der Vergangenheit wachgerufen und damit einen kleinen Skandal ausgelöst. Warum er das getan hat? Bei dieser ziemlich privaten Spurensuche wird es noch viele Gesprächsminuten dauern, bis er endlich den Schlüsselsatz spricht. Den Schlüssel zu seinem Denken preisgibt, über das dieser Tage so viele den Kopf schütteln.

Es ist jetzt fast zwei Wochen her, dass er die Bombe zündet. Samstag, 8. Februar, 17 Uhr 47, da drü ckt Stiegler den Knopf. Und von seinem Computer aus dem Büro in der Sackgasse geht jene Erklärung als Email an die Medien. Kurz zuvor hatte ihn die Union mal wieder mit ihrem Verhalten im NPD-Verbotsverfahren geärgert. Er sei ohnehin schon „die ganze Zeit auf Krawall frisiert“ gewesen, sagt Stiegler. Jetzt reicht es. Er greift zur Tastatur, nennt die „Mäkeleien“ der Opposition „erbärmlich“, und steigert sich zum Höhepunkt: „Dabei müssten gerade bei CDU/CSU und FDP, deren Vorläuferparteien am 23. März 1933 Hitler ermächtigt haben, nachdem sie ihn zuvor verharmlost haben und mit an die Macht gebracht haben, die historische Schuld alle denkbaren Aktivitäten auslösen, wenigstens heute schon den Anfängen zu wehren." Ein Mann, ein Satz, ein Skandal.

In Stieglers Büro sammelt seitdem ein Ordner („Ludwig, Vorläufer-Debatte“) alle Beschimpfungen, die diesem Satz folgten. Wegen ihm, dem Fraktionsvize, der schon 21 Jahre im Bundestag waltet, den aber trotzdem niemand richtig kannte, haben so berühmte Menschen wie Edmund Stoiber, Guido Westerwelle oder Angela Merkel Briefe der Empörung an den Kanzler geschrieben. Vom „verbalem Amoklauf“ war die Rede. Inzwischen haben alle Abgeordneten der Union ein Stiegler-Verbot. Niemand dürfe sich mit dem Sozi in eine Talkshow setzen, verlangt die Fraktionsspitze. Am Mittwoch ließ die Union die Gesprä che über das Zuwanderungsgesetz bei Innenminister Schily platzen. Weitere Gespräche gebe es erst, wenn Stiegler sich entschuldigt habe, hieß es. Aber dessen Bereitschaft, Buße zu tun, ist nicht größer als das der Union, das Konrad-Adenauer-Haus als Asylberwerberheim zur Verfügung zu stellen. Viele glauben seitdem, Ludwig Stiegler sei der feisteste Sturkopf der Republik, ein Unbelehrbarer. Und vor ein paar Tagen fragte ihn ein Kollege von der FDP, ob er Probleme mit seiner Listenaufstellung für die Wahl habe und sich deshalb profilieren müsse. Das ist vielleicht ein bisschen die Perversion des politischen Lebens, dass einem keiner mehr glaubt, dass man tatsächlich ein Überzeugungstäter sein könnte

Aus Stieglers Äußerung spricht ein Werdegang, eine Sozialisation, ein Stück Biografie. Um ihn ein wenig besser zu verstehen, muss man um gut 50 Jahre zurückgehen, in einen Ort namens Vilshofen, Oberpfalz, 350 Seelen, Stieglers Heimat. Die Familie: ein klassischer katholischer Arbeiterhaushalt. Der Vater schuftet im Steinbruch, hat den Heiligen Josef zum Vorbild erkoren, übt sich in Geduld und Gehorsam. Aufbegehren ist dem Vater fremd. „Das musste ich mir selbst erarbeiten“, sagt der Sohn heute und facht seine Havanna ein weiteres Mal an.

In die Schule sollte er eigentlich nicht gehen. Ein Pater kam eines Tages durch das Nest, bat den Eltern an, den Jungen mitzunehmen in die Klosterschule. Es ist zu dieser frühen Zeit, dass Stiegler seinen ganz persönlichen Wettstreit mit den Vertretern des deutschen Bürgertums aufnimmt. Heute sagt er, um seine Äußerung zu rechtfertigen, dass es für die bü rgerlich-konservativen Kräfte immer selbstverständlich gewesen sei, „über uns“ zu richten. „Auch wir Roten sollten das Selbstbewusstsein haben, über die Bürgerlichen zu richten“, sagt Stiegler und starrt in die allzu bürgerlichen Schnittblumen vor ihm auf dem Tisch. „Ich habe dieses Selbstbewußtsein! In der Schule und im Jura-Studium war ich immer besser als die Kinder aus bürgerlichen Kreisen.“ Als einziges Arbeiterkind sitzt er später in seiner Klasse auf dem bürgerlich-humanistischen Gymnasium: Als Klassenprimus. Einmal sagt die Mutter einer Mitschülerin dem jungen Stiegler: „Aber Stüx, da wo sie herkommen, gehören sie inzwischen doch gar nicht mehr hin.“ „Doch! Gerade!“, antwortet Stüx, wie sie ihn damals nennen. Ja, sagt Stiegler heute, wippt im Stuhl zurück, faltet die Hände hinter dem Kopf und spricht endlich aus, was er von damals wie heute spürt, den Schlüsselsatz: „Ich habe einen richtigen Arbeiterkind-Stolz.“

Vielleicht liegt es daran, dass er die Geschichte seiner Zweitfamilie SPD ernster nimmt, als die Pragmatiker-Sozis, von denen von Wahl zu Wahl mehr ins Parlament rutschen. Man darf ihm jedenfalls nicht vorwerfen, dass er sich nicht auskenne in der deutschen, in der sozialdemokratischen Geschichte. Er hat sie alle gelesen, die Standardwerke, zusammen rund 400 Meter. Wenn er in die Buchhandlung gehe, komme er selten mit weniger als fünf Tragetaschen heraus, sagt Stiegler. Ja, er fühle sich als Bestandteil der Sozialdemokratie.

Man spürt das, wenn er über die Geschichte spricht, über 1918, den Aufbau der ersten deutschen Demokratie, über 1933, als die Sozialdemokraten anders als Liberale und Zentrum Hitler nicht per Gesetz ermächtigen wollten. Wenn er sagt: „Der Brüning ist lange genug von uns geduldet worden“, dann hat man den Eindruck, Stiegler sei schon in der Weimarer Republik SPD-Fraktionsvize gewesen. „Als wir gefordert waren, 1918 und 1933, haben wir unseren Mann gestanden“, sagt er. Und natürlich: „Die Konservativen haben nicht gestanden!“ Das Lagerdenken, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, wird man ihm nicht mehr ausreden können. Dafür wurzelt es zu tief. Deshalb führt Stiegler noch heute seinen ganz persönlichen Klassenkampf. Auch seine jüngste E-Mail- Attacke ist Ergebnis dieses Denkens.

Eines Tages wird diese Mail wohl Geschichte sein, konserviert als Fußnote in einem Werk über die politische Kultur der Bundesrepublik. Und wenn er den Ordner „Ludwig, Vorläufer-Debatte" bald schließen kann, dann werde er endlich wieder in der Liga spielen, die ihm besser gefalle, kommentiert der Oberpfälzer Stiegler seinen neu gewonnenen Bekanntheitsgrad. „Ich bin Landesliga, ich will nicht in die Bundesliga.“ Sagts, schnappt sein Jackett und eilt zu einem Fernsehinterview. Man muss ihm das nicht glauben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!