Zeitung Heute : Der Stunden Tag 24

Die Menschen im finnischen Rovaniemi glauben, sie wohnen hinter dem Rücken Gottes. In einer Nacht im Juli scheint auch um Mitternacht die Sonne – auf die schönste Bibliothek der Welt. Was für ein Glück, hier zu leben.

Wolfram Eilenberger

23.00 Uhr: Auf dem offiziellen Flughafen des Weihnachtsmanns ist der Himmel in zwei Teile zerschnitten. Hier dunkle, zum Greifen nahe Wolken, die andere Hälfte strahlt in magisch klarem Blau. Rovaniemi. Klingt wie Rimini, ist aber Finnland. Eine italienische Großfamilie hat ihr Gepäck verloren. Aufruhr, Telefonate, wüstes Gebrüll. Daneben hilflose Finnen.

0.30 Uhr: Das Tor nach Lappland, so beschreibt sich Rovaniemi seit mehr als 600 Jahren. Der Reise-Prospekt verspricht „unvergessliche Erlebnisse“ im „sanften, facettenreichen Farbspiel der Mitternachtssonne“. Da lockt eine Stadt „mit einzigartigem Serviceangebot, die bereits durch ihre Überschaubarkeit fasziniert“. Beim ersten Rundblick aus dem Hotel Lapinportti drängt sich der Eindruck auf, als handele es sich bei Rovaniemi eher um ein Tor ins Nichts. Kein Fenster glitzert, wo die einzige Schnellstraße sich im Wald verliert. Wer ihr folgt, wird bis zum Nordpol keine Stadt mehr antreffen.

O.45 Uhr: Rovaniemi fühlt sich an wie ein Schiff, das den Hafen lange verlassen hat. Die Finnen sagen zu diesem Gefühl: „jumalla sellän takana“ – „hinter dem Rücken Gottes“. Was wohl in einer Stadt passiert, die Gott noch nie zu Gesicht bekam? Es beginnt zu regnen, und die Sonne scheint. Von den Flüssen spannt sich ein riesiger Regenbogen über die Stadt.

1.15 Uhr: Oh ja, selbstverständlich sei im Zentrum noch etwas los, jetzt im Sommer, da fange der Spaß um diese Zeit erst an. Der Nachtportier malt einen großen Kringel in den Stadtplan: „Koskikatu, da passiert’s. Den Rest sehen Sie dann schon.“ Zentrum, das bedeutet in einer Stadt wie Rovaniemi 500 Meter Fußgängerzone, in der sich Bar an Bar reiht. Bei 13 Grad und sporadischem Nieselregen sind die Terrassen gut gefüllt. Sommer ist hier vor allem eine Frage der inneren Einstellung. Immerhin, es ist taghell.

1.40 Uhr: Keine Spur von dem wundervollen Farbschauspiel aus den Prospekten, nur ein unentschiedenes Licht, in dem die Konturen verschwimmen. Mit der Gewissheit Wesentliches zu verpassen, beginnt die Suche in den Seitenstraßen. Man findet dort die Gewissheit, das Wesentliche zu verpassen. Doch wer so denkt, wird hier wohl nie ankommen.

2.30 Uhr: Mette ist ein Clown, ein staatlich anerkannter. Heute ist sie mit dem Zirkus Finlandia in die Stadt gekommen, für Mette ist es eine Rückkehr in ihre Heimat. Kann man in einer Stadt leben, die zwei Monate ohne Nacht ist und acht Monate in Schnee und blauer Dunkelheit versinkt? „Keiner, der hier geboren wurde, will von hier weg,“ sagt Mette. Die jungen Leute gingen, weil sie Arbeit brauchten, aber die Sehnsucht bliebe, und im Sommer werde sie fast unbezwingbar. „Meine Mutter hat es mir so erklärt: Da gibt es die Erde, ein krummer blauer Ball, ziemlich am Rand des Universums. Und auf dieser Erde gibt es Finnland. Und Finnland verhält sich zur Erde, wie die Erde zum Universum. Auf den ersten Blick glaubt man es nicht, aber es ist ein echt feines Plätzchen.“ – „Demgemäß verhält sich Rovaniemi zu Finnland wie Finnland zu Erde?“ „Genau“, nickt Mette, der Clown, grenzenlos überzeugt von ihrer These. Da sitzen wir, direkt hinter dem Rücken Gottes um halb drei Uhr nachts, die Sonne kämpft sich wieder hoch und gibt dem Fluss einen grünen Schimmer. Kein Zweifel, das ist sie, die heimliche Sommerhauptstadt des Universums.

3.45 Uhr: Drei Leichtbiere machen müde. Der nördlichste McDonald’s des Planeten hat schon seit zwei Stunden zu. Heikki will das nicht begreifen. Wütend steht er vor der verschlossenen Tür. Sein Trainingsanzug ist ungut befleckt, kaum älter als 30, trägt Heikki die Spuren ausdauernden Trinkens tief im Gesicht. Heikki ist wohl nie in den Süden gegangen. Er wankt und stampft, auf einmal bricht es laut aus ihm heraus: „Rrrroooooock!“ Er reißt beide Arme zum Himmel, als wolle er die Sonne preisen: „Rrroock! Roock!“

3.48 Uhr: Während Heikki ganz für sich in einen neuen Tag rockt, formen sich auf dem steinigen Hartplatz vor dem Hotel Lapinportti zwei Mannschaften zum Fußball. Keine Trikots, kein Streit, kein Flutlicht. Nur ein wilder Kick in den Morgen.

4.11 Uhr: Man möchte von ausgelassenen Feiern berichten, aber was ist? Verzweifelte Vierzehnjährige, die durch die Straßen grölen. Das Zentrum lichtet sich langsam, wenn man das so sagen kann. Rote Lachen von Erbrochenem auf Beton. Möwen, die sich an verlassenen Pizzascheiben versuchen.

4.41 Uhr: Die Augen können nicht mehr. Die Sonne scheint wie an einem Berliner Mittag und Finnlands Farben strahlen am Himmel. Warum nicht schlafen? Dunkler wird´ s ohnehin nicht.

9.45 Uhr: Im Clubheim des FC Santa Claus wird Senioren-Bingo gespielt. Alte Menschen starren auf eine Digitalanzeige und studieren ihre Zahlenbögen. Freudlosere Gesichter sind kaum vorstellbar.

10.00 Uhr: Halb Rovaniemi hat sich heute ein orangefarbenes T-Shirt angezogen und sammelt sich an der großen Stahlträgerbrücke über dem Ouunaskoski. Eine grelle Traube in grellem Licht. Das Ereignis, erklärt das Tourismus-Büro, nennt sich Energy-Walk, sei eher für Einheimische geeignet und bestehe im Wesentlichen darin, einmal im orangefarbenen Hemd um die Stadt zu laufen. Die offizielle Empfehlung lautet deshalb, sich unbedingt das Arktikum anzusehen.

10.25 Uhr: Na gut. Das Arktikum ganz im Norden der Stadt ist ein hoch gewölbter Glastunnel, in dessen abgedunkelten Seitengängen die Geschichte arktischen Lebens erzählt wird. Ausgestopfte Polarfüchse, der Weg der Rentierherden, begleitet vom traurigen Joika-Gesang der Lappen.

10.30 Uhr: Besingen die Lappen die Stadtgeschichte? Ganz am Ende des lichtdurchfluteten Tunnels warten zwei Stadtmodelle. Eines zeigt Rovaniemi vor dem Jahr 1944, das andere die heutige Stadt. Die beiden Städte haben nichts miteinander gemein. Als sich die deutsche Wehrmacht im Winter 1944 aus Lappland zurückzog, hinterließ sie nichts als verbrannte Erde. 100000 Menschen, zwei Drittel der Bevölkerung Lapplands, wurden in diesem Winter nach Schweden evakuiert. Als sie zurückkehrten, standen in Rovaniemi noch drei Häuser.

11.00 Uhr: Kaum zu glauben, bei den trostlos flachen Plattenbauten, die heute das Bild der Stadt prägen, dass Finnlands Architekturgenie Alvar Aalto beauftragt wurde, die Utopie einer neuen Stadt zu entwickeln. Ein vollends ereignisloser Weg führt ans andere Ende der Stadt, dort, wo ein kleines Stück von Aaaltos Vision Wirklichkeit geworden ist: das sanft geschwungene Dach des Theaterbaus strahlt wie eine schneebedeckte Bergkette, und gleich daneben steht die schönste Bibliothek der Welt.

13. 23 Uhr: Von gläsernen Decken strömt das Licht ins Innere. Weiße Wände schließen als Wellen aneinander an. Überall Bücher, für jeden sofort zu greifen, die Bibliothek Lapplands. Mehr aus Leichtsinn als Interesse frage ich nach den Auswirkungen der Lichts auf das Leben der Menschen am Polarkreis, werde darauf an einen Tisch gesetzt, und nur wenige Minuten später mit Büchern überhäuft. Zeitbegriffe der Eskimos, der Einfluss der Lichttherapie bei depressiven Studenten der Universität Rovaniemi (wirksam!), Studien zum Verhältnis von Zeugungsrate und Sonnenstand in Nordfinnland (signifikanter Anstieg Juni und Juli!), finnische Selbstmordstatistiken (der Frühling ist am schlimmsten)...

15.00 Uhr: Ich könnte hier lesen, bis es Winter wird. Doch die Bibliothekarin eilt mit einem letzten Köder herbei: „Arktische Euphorie, kennen Sie das? Eine Art Trancezustand, der im Sommer auftritt und mehrere Tage dauern kann, gerade bei den Poppamies, den Schamanen des Nordens, ist das ein sehr häufiges Phänomen, vermutlich auch eine genetische Sache, ich kenne selbst einen hochinteressanten Fall, keine 100 Kilometer nördlich von hier.“ Das wird leider nichts. In 20 Minuten fährt mein Bus zum Polarkreis. Das sind nur 8 Kilometer, und dort, direkt auf der Linie, 66. Grad 33´ Nord, haust eine ganz andere Lichtgestalt

15.20 Uhr: Ich nehme den Bus zum Weihnachtsmann!

15.45 Uhr: Napapiiri, der Polarkreis. Ein kleiner Hüpfer über die Linie, von der sich Rovaniemi ernährt. Am 7. Juli um Mitternacht ist es soweit. Dann steht hier die Mitternachtsonne direkt über dem Horizont. Im Moment steht sie direkt über mir. Vermutlich. Denn auch hier verdecken Wolken die Sonne.

15.48 Uhr: Direkt neben dem Polarkreis hat sich der Weihnachtsmann ein Dorf bauen lassen. Selbst bei Tag brennen die Kerzen am Baum, überall weißroter Schnickschnack im Sonderangebot. Früher hat der Weihnachtsmann auf dem einsamen Berg Korvanturri gewohnt, aber 1985 ist er hier in den Santa Park gezogen. Seitdem hält er Audienz, 365 Tage im Jahr, mindestens acht Stunden täglich. Im Moment macht der alte Mann allerdings ein Nickerchen. Schnarchgeräusche aus Deckenlautsprechern, vor seiner Kammer bildet sich eine Schlange. Ein dänischer Kegelklub, französische Familien, japanische Rentner, deutsche Sozialpädagogen.

16.10 Uhr: Die dänische Delegation darf jetzt zu ihm. Santa sitzt auf einem Polstersessel, ein elektrischer Kamin flackert, und weil keiner im Raum noch an den Weihnachtsmann glaubt, gerät die Konversation anfangs ein wenig zäh. Santa spielt einfach sein Skript. Ob auch alle schön brav gewesen sind, will die raue Onkelstimme wissen: „Oh yes, of course!“ „All the time, most of the time, or very seldom?“ Die Mitglieder des Kegelklubs schauen sich an: „Most of the time.“

16.12 Uhr: Der Weihnachtsmann hat genug gehört. Nun schnell aufgestellt zum Foto, 34 Euro der erste Abzug, 17 Euro jeder weitere. Alles Gute noch. Man sieht sich Heiligabend.

16.32 Uhr: Der Weihnachtsmann macht’s viersprachig. Immer die gleichen Fragen, immer die gleichen Antworten. Es ist ein ruhiger Tag für ihn. Die Santa-Saison beginnt erst im August, wenn die Dunkelheit kommt, die Sonne mit jedem Tag zehn Minuten früher untergeht, bis alles ab November in blauer Nacht versinkt.

18.00 Uhr: Rovaniemi hat sich hingelegt. Eine alte Frau sammelt leere Bierdosen in einem Einkaufswagen und scheppert durch die Stadt. Wenn das der Sommer ist, was erst muss dann im Winter hier los sein?

18.43 Uhr: In einer Seitenstraße prangt ein riesiges Emailleschild: Konsulat der Republik Griechenland. Der griechische Honorarkonsul, klärt die Nachbarin auf, sei Finne und arbeite in einer Bank hier in Rovaniemi. Aber was es letztlich damit auf sich habe, wisse keiner so recht.

19.30 Uhr: Die Finnen bestellen auf den Terrassen ihr estes Bier. Ich folge dem Beispiel der Einheimischen.

22.00 Uhr: Im Pub Pisto spielen Anssi and the Newspaper Boys beherzt auf. Punkrock aus den 70ern in ehrlichen Coverversionen. Entspanntes Wippen am Tresen. Man trägt Sonnenbrille.

22.59 Uhr: Ein letzter Gang zum Fluss. Fünf ewige Stunden später wird sich hier eine Gruppe Jugendlicher die Kleider vom Leib ziehen, in die Furt des Ounaskoski springen, und sich den Schweiß einer durchfeierten Nacht von den Körpern waschen. Sie kreischen vor Kälte und Glück. Erste Menschen im ersten Licht. In Berlin geht dann wieder die Sonne auf.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar