Zeitung Heute : Der sture kleine Macho und der Stier

Ulrich Karger

Weil er beim Schwindeln ertappt wurde, muss der kleine Antonito zur Strafe auf sein Zimmer. Doch als die Mutter weg ist, schleicht sich heimlich sein Großvater Antonio zu ihm. Und als Antonito den Großvater fragt, was denn das Allerallerschlimmste war, das er jemals als kleines Kind angestellt hat, beginnt der Großvater zu erzählen: Von einem Stier, dem er bei seiner Geburt geholfen hatte und den Namen Paco geben durfte, und wie er dann nicht nur ihn, sondern gleich die ganze Herde freiließ, um sie vor dem Ende in der Arena zu retten.

Aber das war noch nicht das Allerallerschlimmste, denn damals herrschte in Spanien Bürgerkrieg, und während Antonio mit der Herde in die Berge zog, fielen auf sein Dorf die ersten Bomben. Ist es sonst die angelsächsische Variante schwarz-humoriger Situationskomik, mit der Michael Morpurgo in seinen Kinderbüchern besticht, hält er in "Toro! Toro!" diesmal einen durchaus ernsthaften Grundton und fesselt die Leser durch das Einbeziehen realer Momentaufnahmen aus der jüngeren Vergangenheit. Sein einfaches wie archaisches Ausgangsbild eines erzählenden Großvaters fängt einen sofort ein und erlaubt zudem, selbst für die bittersten Wahrheiten genau die richtige Dosis finden.

Hier prallen solch gegensätzliche Anschauungen wie die kindliche Liebe zu Tieren und der eigenartige Ehrbegriff "echter" Männer in der Corrida aufeinander, bis es dann nur noch ums nackte Überleben geht. Was in Friedenszeiten dem kleinen Antonio gewiss mehr als ein aufs Zimmer gehen müssen eingebracht hätte, sollte jetzt immerhin das eigene und das Leben der Schwester retten. Und auch der freigelassene Paco - keine gute Geschichte ohne geheimnisvolles Moment - wird zu einem legendären Ungeheuer, das immer wieder brutale Angreifer in die Flucht schlägt.

Am schönsten jedoch ist das in jeder Zeile des Textes spürbare Verständnis für die Antriebe und Nöte von Kindern, das auch angesichts eines sturen, kleinen Machos nicht den moralinsauren Zeigefinger aus der Tasche zieht, sondern auf gleicher Augenhöhe die wirklich relevanten Dinge in den Vordergrund zu rücken weiß.

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