Zeitung Heute : Der Sturm bleibt aus

Als Edmund Stoiber die Bühne betritt, klatscht niemand. Dann fängt er an zu reden – und gelobt Besserung

Mirko Weber[München]

Die CSU hat sich in München zum Parteitag getroffen. Wie steht Parteichef Stoiber jetzt da?


In Karlsruhe schließt der Kanzler gerade die Arme zum kleinen Triumphbogen, während draußen vor dem Saal auf der Münchner Messe in Riem um Viertel vor zwei am Mittag noch Würstelwagen mit Frankfurtern durch die Gegend gefahren werden. Drinnen stehen die Delegierten der CSU bunt durcheinander und ratschen. Es hat etwas Improvisiertes hier, fast kein Mensch kennt das Programm so richtig, aber der Parteivorsitzende soll natürlich als Erster reden, das ist sicher.

Edmund Stoiber betritt den Saal durch den hinteren rechten Eingang und muss an Thomas Goppel vorbei, seinem Wissenschaftsminister und ehemaligen Generalsekretär. Goppel hat gerade in der ihm eigenen maliziösen Art geunkt, „ob einer gehalten werden könne“, er meint Stoiber, hänge natürlich „von dessen Sach- und Personalentscheidungen ab“. Stoiber hat kurz zuvor gemeint, bis Kreuth im Januar müsse da gar nichts entschieden werden, weder Otto Wiesheus Nachfolge noch andere Rochaden im Kabinett. Stoiber muss an Goppel vorbei. Stoiber sagt: „Grüß dich, Thomas.“ Goppel macht einen Diener, aber das hat nichts zu bedeuten. Goppel macht immer einen Diener, wenn er wen begrüßt. Stoiber geht nach vorne. Es rührt sich keine Hand. Er klettert auf die Bühne. Es bleibt still. Er weiß es jetzt auch nicht so richtig. Soll er schon mal anfangen? Einfach so? Dann beginnt er.

Einen Augenblick wirkt es, als werde Stoiber ignorieren, was alles passiert ist in den vergangenen Wochen. Aber er hat doch etwas vorbereitet. Er will sich noch einmal erklären und sagt, es tue ihm leid, dass er mit seiner Entscheidung die CSU „in eine schwierige Lage gebracht habe“. Dann wiederholt er, was er bereits nach dem Treffen mit der Fraktion im Landtag gesagt hat. Er spüre den Liebesentzug: „Ich leide wie ein Hund!“ Er sagt wieder nicht, warum er seine einsame Entscheidung getroffen hat, er will jetzt nur noch zurück, an die Basis, in die Herzen, aber die sind ein bisschen zu. Man möge ihn verstehen, bittet Stoiber . Er habe einen Dauerwahlkampf geführt in den Jahren seit 2002, da war „keine Zeit für Gespräche“. Das werde jetzt aber alles nachgeholt, schon am nächsten Sonnabend will Edmund Stoiber auf Bezirksebene in der Oberpfalz anfangen und nach und nach überall an- und auftreten. Ade, große Welt. Stoiber sagt, er wolle „wieder zuhören und aufnehmen“. Er wirbt kurz für den Koalitionsvertrag. Mehr war nicht drin, sagt er. Er wünscht Angela Merkel das Beste. „Alles Gute, Glückauf!“ Glückauf hat bei der CSU eigentlich noch keiner gerufen. Der Beifall ist müde, schleppt sich. Peter Ramsauer, Glos’ Nachfolger in Berlin, will ihn später als „reichhaltig“ empfunden haben. Seltsame Parteiwelt.

Einer ausführlichen Diskussion, die sich damit befassen könnte, was im Augenblick alles schief läuft in der CSU, wo der Nachwuchs in Person von Manfred Weber momentan sogar einen „Putsch erwägt“, was natürlich ein Widerspruch in sich selbst ist, findet nicht statt. Da hat die Parteitagsregie diskret vorgebaut. Wenn der niederbayerische Bundestagsabgeordnete Ernst Hinsgen da am Anfang das Wort ergreift, ist sichergestellt, dass Edmund Stoiber nicht in die Bedrouille kommt. Hinsgen darf lang und breit referieren, was Bayern Stoiber alles verdankt, und so dauert es, bis Josef Seidel aus Landshut sich wenigstens festzustellen traut, dass die CSU einen Wahlkampf geführt habe, in dem nie klar geworden sei, ob die Partei sich als Jäger oder Gejagter verstanden wissen wollte. Seidel kritisiert auf Knien und bittet darum, der „verehrte Ministerpräsident“ möge sich „nicht nur mit Staatskanzleiisten umgeben“, sondern mehr mit der Basis. Da darf Edmund Stoiber lächeln. So hat er es gerne.

Somit bewahrheitet sich, was höherrangige Parteimitglieder schon erwartet haben. Eine Auseinandersetzung findet nicht statt, höchstens am Rande des Parteitags, wo man sich einig ist, dass die CSU schon einmal glänzender dagestanden hat. An Edmund Stoiber jedoch wird fürs Erste wohl doch kein Weg vorbeiführen, wenn es ihm auch nicht gleichgültig sein kann , dass sich im Augenblick die Verzückung seiner Partei in Grenzen hält, sobald er auftaucht. Dass es wichtigere Dinge im Leben eines Christsozialen gibt als die rhetorische Auseinandersetzung, zeigt das Verhalten des ansonsten ja immer um Wohl und Wehe Bayerns besonders besorgten Landtagspräsidenten Alois Glück, der abwesend ist, als sein Wort im Plenum gewünscht wird. Später gesteht er, ernsthaft aufgehalten worden zu sein: Er habe „endlos fürs Essen angestanden.“ Es geht, zumindest an diesem Tag, in München eben doch nicht um die Wurst. Es geht um die Würstel. Foto: ddp (2)/ Montage: Roth

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