Zeitung Heute : Der süße Geruch aus Tiefkühltruhen

Norbert Kron

Wer einmal ein paar Jahre in einer Wohnung gelebt hat und dann ausgezogen ist, weiß, was sich im Laufe der Zeit so ansammelt. Um wieviel dramatischer muss sich die Lage gestalten, wenn es sich um dreißig Jahre handelt, ein halbes Leben also, und wenn es das gemeinsame Leben eines Ehepaars ist, das sich nach Jahrzehnten voneinander trennt. Der Mittfünfziger Tizio kann ein Lied davon singen. Nachdem seine Frau Lia von ihm fortgezogen ist, mistet er das alte Appartement aus. Wahre Abgründe tun sich auf, in Küche und Speisekammer, in Wohn- und Badezimmer. Und all die Dinge, die beim großen Reinemachen seiner Ehe zum Vorschein kommen, verströmen den unverkennbaren Geruch seiner Lebensgeschichte.

Wenn es bei Prousts Marcel der Geschmack eines Teegebäcks war, der die vergangene Zeit wieder gegenwärtig machte, so ist es bei Tizio der "Duft der Dinge", der die literarische Erinnerung an ein Leben in der italienischen Provinz in Gang setzt. Daß Tizios "Madeleine-Erfahrung" freilich mit pestilenzartiger Wucht aus Tiefkühltruhen, Küchenschränken und Toilettenschüsseln hervorsteigt, deutet schon an, womit es der Leser bei diesem Roman zu tun hat: mit einem literarischen Schelmenstück, einer humoristischen Schwejkiade.

Der Italiener Paolo Teobaldi hat sie geschrieben, ein Mann, von dem auch in seiner Heimat nicht viel mehr bekannt ist, als dass er - wie sein Held Tizio - in der mittelitalienischen Stadt Pesaro an der Adriaküste lebt und Anfang 50 ist. Schon zu Anfang des Romans wird klar, mit welchem Pfund sein Autor wuchert: dem Witz langer, kapriolenschlagender Satzkaskaden: "Nach dreißig Jahren hatten sie sich gegenseitig ihre Abneigung erklärt, keiner von beiden ertrug mehr den Geruch des anderen, die Partikel, die der andere absonderte, wenn er durch die Wohnung ging, ein Phänomen, das sich nach der Heirat der Kinder so sehr verschlimmert hatte, dass sie inzwischen bei jeder Begegnung oder Berührung, oder wenn sie miteinander sprachen, wie die Iltisse zu schwitzen begannen, und je mehr sie schwitzten, desto mehr stanken sie und widerten sich an, obwohl sie genau diese Düfte früher attraktiv gefunden hatten."

Die langen, wortmächtigen Sätze, in denen Teobaldi die Geschichte seines Antihelden Tizio erzählt, sind es, die die Lektüre zu einem Lesevergnügen machen. Und so genüsslich er sich im Vokabular der Gerüche umtut, so gewitzt verleiht er Tizios ehelicher Vergangenheitsbewältigung eine Wende um die andere. Ein Lebenskünstler, der es trotz universitärer Ausbildung zu nichts gebracht hat, ein Versager, der in den Augen der geldgierigen Spießerverwandtschaft seiner Frau stets als Fehlgriff galt - wird Tizio von seiner Stelle in der Hafenmeisterei zur Müllabfuhr zwangsversetzt. Was als totaler Abstieg beginnt, nimmt nach und nach Züge eines Glücksfalls an. In Gesellschaft zweier eingefleischter Müllmänner erlernt Tizio ein echtes Handwerk: das der Müllbeseitigung - und findet damit auch zur inneren Ruhe. Es stört ihn nicht mehr, wenn er von den hochnäsigen Familienangehörigen verspottet wird: Nun ist er es, der die Provinzmentalität aus seiner Unterperspektive aufs Korn nimmt: "Durch das viele Umherfahren wurde ihm die Nase über die Welt geöffnet, und jetzt gabelten sie die mastodontischen roten Standcontainer der Ipermercati auf, in denen alles verkauft wurde und alles zuvor schon verkauft worden war, das Land, die Erinnerung und die Zeichen der Vergangenheit, nicht dass das bedauerlich wäre, aber erinnerungswürdig schon".

Hier, im zweiten Teil, entpuppt sich der Schelmenroman plötzlich als Sozialsatire. Überhaupt zieht der Roman rechtzeitig in dem Moment noch einmal an, wo er mit der Fülle seiner Aufzählungen und Beschreibungen zuweilen ein wenig redundant, ja langweilig zu werden drohte. Nach den eher räsonnierenden Kapiteln des Großreinemachens gewinnt er durch die erlebnishaften Schilderungen der ausfahrenden Müllmänner eine neue Dynamik. Teobaldi nutzt die so entstehende Spannung, um auch die Außenbereiche der olfaktorischen Sprachfelder zu erforschen. Man kann die Leistung des deutschen Übersetzers Peter Klöss wohl nicht hoch genug einschätzen, der auch noch die kompliziertesten italienischen Wendungen und Fachausdrücke in rundes literarisches Deutsch überführt hat. Teobaldis Kollege Antonio Tabucchi hat über den "Duft der Dinge" geschrieben: "Das ist das Buch, das ich meinen Freunden schenken würde." Ob Tabucchis Freunde nun mehrheitlich Ehescheidungen mit dazugehöriger Wohnungsauflösung zu verkraften haben oder einfach nur Liebhaber italienischer Schwejkiaden sind, bleibt im Dunkeln. Der Roman endet jedenfalls, wie er wohl in Italien enden muss. Tizio, frischgebackener Leiter einer neuen Mülldeponie, nimmt durch die stinkenden Abfallschwaden einen wundersamen Duft wahr - den Duft von Erdbeeren, der, wie könnte es anders sein, ihm die süße Frucht einer neuen "Amore" ankündigt. Was der Roman nicht mehr berichtet, bleibt dem Geruchssinn des Lesers überlassen: zu fantasieren, wie das Einrichten einer Wohnung Frischverliebter riecht.

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