Der Tag, an dem ... : … Berlusconi und Knut an Tabus rühren

Die interessantesten Nachrichten dieser Tage kommen aus Italien und dem Nürnberger Zoo. Vordergründig geht es um eine Wahl mit vorhersehbarem Ausgang und um Fütter- und Aufzuchtgepflogenheiten von Tierpflegern. Tatsächlich geht es jeweils um dasselbe Thema. Um Unsterblichkeit. Um einen Versuch.

Die Italiener haben ihr Land in die Hände eines Mannes gelegt, der schon zweimal Ministerpräsident war und sie nicht überzeugt hat. Warum sie ihn nun wieder wollen, leuchtet den Deutschen nicht so recht ein. Die Italiener, die sie kennen, sind doch nette Menschen, man kann passabel bei ihnen essen. Auch das Land ist schön. Warum wählen Menschen aus einem schönen Land, die gut kochen und auch nett sind, Berlusconi?

Die Antwort geben Fotos, die Berlusconi kurz vor und nach der Wahl zeigen. Einen Mann mit maskenhaftem Gesicht, das an Gustaf Gründgens’ Mephisto erinnert. Nur der Lippenstift fehlt. Die Bilder sind ein Memento mori, vor allem aber dessen Überwindung. Ein alter Mann, Frisur und Gesicht auf jugendhaft getrimmt. Trotzdem strahlt er mehr Tatkraft aus als sein deutlich jüngerer Konkurrent. Die Italiener haben also gar nicht Berlusconi gewählt, sondern die Illusion, der Tod sei aufzuhalten.

Die Deutschen haben ein ähnliches Problem, auch hier ist Vergänglichkeit eine Tatsache, die es um jeden Preis zu leugnen gilt. Die Deutschen lösen es nur anders. Sie haben begonnen, Knut abzuwählen. Sie finden jetzt Flocke süß, weil Knut Fische tötet und der Tod selten gut aussieht, selbst im Film. Die Frage ist nur, wie lange das alles noch gutgeht. Denn die Unsterblichen im Land werden jeden Tag rarer. Flocke wird aufhören, ein Plüschtier zu sein. Aus dem Titanen Oliver Kahn wird ein Fußballtorwart im Ruhestand. Und wer weiß, wie lange Dieter Bohlen es noch macht. Der Vizedirektor des Nürnberger Zoos hat die Not erkannt. Er hat gesagt, dass er dagegen ist, Tierweibchen in Zoos die Pille zu geben. Wenn sie keine Kinder bekämen, lernten sie kein Aufzuchtverhalten. Sie hören also auf, Tiere zu sein. Der Direktor hat auch gesagt, dass Tiere, wenn es in einem Zoo zu viele gibt, getötet werden müssen. Dass sie etwa gutes Futter für die Raubvögel abgäben.

Prima Versuch. Aber der Tod wird sein Imageproblem so schnell nicht los. Und ein der Masse unbekannter Zoodirektor ist auch nicht das Alphatier, das die Menschen zum Verständnis unabänderlicher Dinge des Lebens führt. Die Russen haben es da besser. Gut, Putin, ihr Oberbär, ist ins zweite Glied gerückt. Aber er lebt, und wie! Er soll eine Geliebte haben, deutlich jünger. Liebe und Vergänglichkeit, Eros und Thanatos, alles da. mne

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