Der Tag, an dem … : … das Land der Trauer seine Grenze öffnet

Ein Interview. Eine alte, sehr kluge und gewiss liebende Frau spricht über ihren kranken Mann. Sie tut das in aller Offenheit, mit tiefer Trauer, und wenn sie intimste Details ausspricht, dann stockt einem beim Lesen der Atem vor Erschütterung, und ein Impuls taucht auf: Nein, das tut man nicht. Nein, das gehört sich nicht, dass man den hilf- und wehrlosen Mann, mit dem sie 57 Jahre verbracht hat, so bloßstellt.

Walter Jens, der 85-jährige Universalgelehrte, leidet seit vier Jahren an Demenz. Die Krankheit hat ihm genommen, was er war, Verstand, Wort, Sprache. Vor ein paar Wochen hat der Sohn, Tilman, die Krankheit des Vaters publik gemacht. „Wir werden sein Leid nicht verstecken“, schrieb er in der „FAZ“. Seine Mutter, Inge, 81, hat es nicht versteckt, sie hat es jetzt im „Stern“ in die Öffentlichkeit, ja was, gezerrt?

Walter Jens hat nicht zugestimmt, dass das ganze Elend seiner Krankheit ausgesprochen wird. Er hat auch die Fotos nicht freigegeben, die das Interview illustrieren und einen alten Mann zeigen, nicht entstellt, nicht ohne Würde. Weil er nicht mehr zustimmen kann, weil er nicht mehr entscheidungsfähig ist, eine Hülle. Ist er das? Neben den vielen erschütternden Sätzen des Interviews erschüttert ein kleiner Satz im Vorspann: „Plötzlich weint er.“ Warum weint er? Weil ihm sein Elend bewusst ist? Wir wissen es nicht, wir nehmen nur an, dass die Welt der Demenzkranken eine verschlossene ist, in der die Wirklichkeit keinen Einzug mehr hält. Die Wirklichkeit bleibt im Umfeld, in der Familie, die nicht an Demenz erkrankt ist, aber seit vier Jahren unter Demenz leidet. Und deswegen hat Inge Jens ihren Mann nicht bloßgestellt, sie hat nichts an die Öffentlichkeit gezerrt, sie hat ihr eigenes Leid auf bewegende Weise preisgegeben, sehr sensibel und gänzlich frei von Voyeurismus. Der an Krebs erkrankte Mensch, der darüber schreibt oder spricht, tut dies auch aus selbsttherapeutischen Gründen. Warum soll eine alte Frau, die ihren Mann entschwinden sieht, nicht ebenfalls dieses Recht haben?

Es ist dieses Leiden ein Leid der Zukunft. Unsere medizinische Versorgung lässt uns alt werden, viel älter als frühere Generationen. Dass das Alter auch das Grauen sein kann, wir wissen das, wir sprechen nur ebenso wenig darüber wie über den Tod. Inge Jens hat es getan. „Ich bete, dass er eines Morgens nicht mehr aufwacht“, sagt Inge Jens. Ein furchtbarer Satz? Ein Satz voller Liebe! Ein Interview, eine alte, sehr kluge Frau spricht über ihren kranken Mann. Und sie spendet denen, die das Schicksal auf ähnliche Weise schlägt, Trost.uem

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