Der Tag, an dem … : … der Berg ruft

Das Tieferlegen ist ja ein wenig verpönt. Wahrscheinlich zu Recht. Wer sich seinen GTI tieferlegt und vorne wie hinten Spoiler dranschraubt, um fortan wie Emerson Fittipaldi über Landstraßen zu brettern, muss sich schon auch die Frage gefallen lassen, ob denn nicht auch Hirn und Verstand etwas abgesackt sind. Möglicherweise ist der schlechte Ruf des Tieferlegens auch ein Grund, warum ein paar Schweizer nun die entgegengesetzte Richtung einschlagen wollen. Denen geht es ums Höherlegen. Näher, mein Gott zu dir, könnte ein anderes Leitmotiv sein, und zwar um 117 Meter. So viel fehlt dem Klein Matterhorn bei Zermatt zum ausgewachsenen Viertausender. Das war dem Klein Matterhorn in all den Jahrtausenden, die es nun dasteht und umringt wird von 38 echten Viertausendern, ziemlich egal, zumindest war in dieser Richtung nie ein Grollen zu hören, aber nun soll mit der Kleinwüchsigkeit Schluss sein. Ein Turm muss her, 117 Meter hoch, ein Monstrum aus Stahl und Glas, darin eine Sky Platform, Restaurants, ein Hotel, Konferenzräume. Und aussehen soll es pyramidenartig. Pyramiden zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie fest und breit auf dem Boden stehen und steil gen Himmel ragen. Eine Pyramide am Gipfelkreuz, das erinnert stark an Fitzcarraldo, der ein Schiff auf den Berg hieven wollte, ähnlich irrwitzig.

Und nicht genug. Auch auf anderen Gipfeln ist keine Ruh’, über dem Weisshorn bei Arosa soll ein gigantisches Restaurant entstehen, auf der Schatzalp in Davos ein Hotel, 105 Meter hoch, auf der Laxeralp im Wallis auch so ein Ding, 117 Meter hoch. Seltsam, dass noch kein Schweizer auf die Idee gekommen ist, das Klein Matterhorn, das Matterhorn selber und all das andere tote Gestein, das wir Alpen nennen, gleich zur Gänze abzutragen, eine Hollandisierung der Schweiz sozusagen. Platt machen das Land, flach wie die Flunder, weg mit dem schroffen Fels, den abgrundtiefen Tälern, den dummen Almen, die eh nur Tortur sind für Mensch und Vieh. Stattdessen Monstren aus Stahl und Glas, darin Restaurants, Hotels, Konferenzräume, daran gläserne Aufzüge, hunderte Meter hoch, hoch wie Klein Matterhorn und Groß Matterhorn, eine einzige Kulisse aus stählernen, gläsernen Hotels, ein einmaliges Panorama, und überall durchsichtig. Und durch die Alpen gellt ein Schrei: „Zimmer frei!“

Fitzcarraldo hat übrigens im peruanischen Dschungel sein Boot mit Hilfe der Indios über den Berg gebracht. Aber dann wollten die Indios doch lieber die Flussgeister besänftigen und ließen das Schiff in den Stromschnellen zerbersten. Passt auf, Schweizer, der Berg ruft, und mitunter können seine Geister verdammt böse werden.uem

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