Der Tag, an dem … : … der Schnee von gestern fällt

Wahrscheinlich wird diese Erde nicht wegen des Klimawandels zugrunde gehen, sondern wegen ihrer Unfähigkeit zur flächendeckenden, ja, weltumspannenden Konsensualität. Mal ganz im Ernst: Ist da vielleicht irgendeiner am Horizont, auf den wir uns alle guten Gewissens einigen könnten? Ein toller Hecht, dem zu folgen den Massen durch und durch plausibel erschiene, ganz egal ob nun in Unna oder in Uganda? Nein, niemand. Der Papst ist es jedenfalls nicht, Münte auch nicht, nicht mal Luca Toni. Restzweifel bleiben auch bei dem, spätestens seit dem vergangenen Sonntag, als er müde wie Münte und hüftsteif wie Benedikt den Elfer gegen Bremen vergeigt hat.

Keiner da, also, der auf ewig außerhalb jeglicher Kritik stünde. Es ist doch vielmehr so: Irgendein Klugscheißer hat an irgendjemandem immer irgendetwas zu meckern – und sei es aus Gründen der eigenen Profilschärfe. (Jede Wette, dass das auch für diesen Text gilt, da machen wir uns erst gar keine Illusionen!) Das Absolute ist was für die Naturwissenschaft, fürs Zwischenmenschliche ist es nix. Hierzulande, beispielsweise, ist sogar der Typus des Gutmenschen jahrelang derart gepiesackt worden, bis nur noch hartgesottene Typen vom Schlage eines Bob Geldof öffentlich darüber reden, was sie so alles Gutes zu tun gedenken. Das dann allerdings auch ständig.

Aus dem kolumbianischen Villavicencio hat uns jetzt eine sehr schöne Nachricht erreicht, die blöderweise sofort wieder im Strudel von Misstrauen und Missgunst unterzugehen droht. Kolumbien, bitte sehr, da hat man normalerweise nicht allzu viel vor Augen, außer vielleicht den Haaren von Carlos Valderrama, der mit seiner Frisur die Sonne verdunkeln konnte. Dann ist da noch dieser verrückte Torwart, der mal einen Ball mit der Hacke von der Linie gehauen hat, statt ihn vorher zu fangen, und natürlich Ingrid Betancourt, seit Jahren verschleppt, ja, schon traurig. Aber sonst liest man von da unten wirklich nicht viel.

In Villavicencio hat jetzt ein Unbekannter Geldscheine in rauen Mengen verteilen lassen – einfach so. Eines nachts stoppte ein Auto in einem Armenviertel, und jeder der wollte, bekam zwei Millionen Pesos (700 Euro) in die Hand gedrückt, und wer schon schlief, dem wurden immer noch 200 Euro unter der Tür durchgeschoben, andernorts muss für so viel schon wochenlang gestreikt werden.

Eine gute Nachricht, durch und durch? Aber ja!

Ach nein, doch nicht. Denn nun gibt es das Gerücht, dass ein verstorbener Drogenbaron testamentarisch verfügt hat, das Geld unter den Ärmsten zu verteilen. Die Wohltat von heute ist mal wieder nichts anderes als Schnee von gestern. Vbn

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