Der Tag, an dem … : … der Vizegott bittet

Zurzeit ist viel vom Vize die Rede, wer denn nun Vizemeister werde hinter dem FC Bayern München. Streng genommen ist das ein ziemlicher Quatsch. Vize, von lat. vicem: an Stelle, Vize meint den Stellvertreter, der die Arbeit des Chefs übernimmt, wenn der unpässlich ist oder auf Reisen oder noch weiter weg. Bei was und wo soll eine Fußballmannschaft an die Stelle des FC Bayern treten? Höchstens bei der Meisterschaft, also wenn die Bayern mal nicht Meister werden, sondern, sagen wir, Fortuna Düsseldorf. Dann würde also die ruhmreiche Fortuna den FC Bayern für ein Jahr vertreten, an dessen Stelle Meister sein und dürfte sich für dieses eine Jahr Vizemeister nennen. Wird aber wahrscheinlich so schnell nicht passieren.

Anders verhält es sich mit dem Papst. Der ist ja nun Kraft seines Amtes Stellvertreter. Auf Erden, weil der Chef zwar gewiss allgegenwärtig ist, aber irgendwie auch auf Reisen und ganz weit weg da oben im Himmel. Man könnte den Papst also nach Fug und Semantik auch Vizegott nennen, Vizegott Benedikt, aber das macht keiner. Ein etwas angestaubtes Witzchen zum Berufsbild des Papstes geht so: Unterhalten sich zwei Männer, sagt der eine zum anderen „du, der Papst ist kürzlich gestorben, der ist jetzt im Himmel“, sagt der andere, „ja, wenn er sich beruflich verbessern kann“.

Analysiert man den Scherz, dann liegt ihm ein weit verbreiteter Glaube zugrunde. Nämlich der, dass Gott, der Chef vom Papst, auf irgendeinem Wölkchen hockt, auf einem Thron wahrscheinlich, und uns hier unten beim Abstrampeln beobachtet. Allein ist er nicht, weil gute Seelen ja auch in den Himmel kommen. Gut möglich, dass Johannes Paul, der Vorgänger von Benedikt, auch oben ist. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, weil Benedikt es gerade gesagt hat. Benedikt, unser Papst, hat seinen Vorgänger dieser Tage ausdrücklich gebeten, im Himmel für jeden von uns einzutreten, vor allem für ihn. Bisher haben wir ja stets gedacht, dass die Vorstellung von Gott im Himmel eine etwas kindliche Fantasie ist. Aber da sieht man mal, wie man sich täuschen kann.

Ein ungewöhnlicher Vorgang ist das allemal. Da bittet der amtierende Vizegott seinen sozusagen emeritierten Vizegott um Fürbitte beim Chef. Im Fußball wäre das undenkbar. Was genau Benedikt Sepp Ratzinger von Gott erwartet, hat er nicht gesagt, auch nicht, warum er einen Zwischenhändler einschaltet und nicht den direkten Draht nutzt. Aber man kann wohl stark davon ausgehen, dass es sich bei der Bitte, für die sich Johannes Paul starkmachen soll, nicht um die Vizemeisterschaft von Fortuna Düsseldorf handeln dürfte. Schade eigentlich.uem

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