Der Tag, an dem … : … die Fackel Schatten wirft

Wir erinnern uns: In Erich Kästners „fliegendem Klassenzimmer“ löst ein geklauter Fußball fast einen Krieg aus. Die Gymnasiasten haben die Pille den verfeindeten Realschülern stibitzt, und die kidnappen im Gegenzug den armen Rudi, der zu diesem Zeitpunkt auch noch die gesammelten Diktathefte seiner Klassenkameraden bei sich hat. Die Realschüler drohen, die Hefte vor Rudis Augen zu verbrennen – wenn die Gymnasiasten nicht sofort ihren Ball rausrücken.

Mein Gott, denkt da der gesunde Menschenverstand – so viel Aufregung um einen schäbigen Lederflicken? Sollen sie doch einen anderen nehmen! Jedoch, das trügt. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht so einfach ersetzen.

Die Zaunfahne des Borussia-Fanclubs „Ultras Mönchengladbach“ zum Beispiel. Kurz vor Ostern verschwand sie aus dem Vereinsheim, am Montag tauchte sie bei der Begegnung mit dem 1. FC Köln wieder auf – in der feindlichen Fankurve! Vor den Augen entsetzter Gladbach-Anhänger begannen die Kölner, das Heiligtum zu zerfetzen. Die „Ultras“ traf der Ehrverlust so schmerzhaft, dass sie sich kurzerhand auflösten. „Für uns“, heißt es im Abschiedsbrief, „ist die Zaunfahne das Zentrum der Gruppe. Es ist für uns unvorstellbar, noch mal hinter diesem Namen zu stehen, der sich nun in Kölner Hand befindet.“

Klingt ein bisschen nach Schamanismus, nicht wahr? Aber das tut ja vieles dieser Tage. Der olympische Spießrutenlauf zum Beispiel: Wenn sich der geballte menschenrechtsbewegte Westen auf ein joggendes Räuchermännchen stürzt, dann steckt dahinter im Grunde ja auch die hehre Hoffnung, man könne mit symbolischen Attacken die Volksrepublik China zur Selbstauflösung zwingen. In dieser Hinsicht ist es vielleicht ganz gut, dass der Fackellauf nicht durch Deutschland führt, wo er 1936 bekanntlich erfunden wurde. Deutschlands Aktivisten würden die Läufer noch viel erbitterter attackieren – um nicht nur Tibet zu retten, sondern auch gleich noch dem Hitlerfaschismus den symbolischen Todesstoß zu versetzen.

Nun ist die olympische Fackel ein regeneratives Symbol: Wenn sie erlischt, lässt sie sich an der eigens mitgeführten „Mutterflamme“ neu entzünden. Das ist der Vorteil, den die Chinesen vor den Kölnern haben. Denn wenn jetzt ein rachsüchtiger Mönchengladbach-Fan den Kölner Geißbock hinrichten würde, ließe der sich an keiner Mutterflamme neu entzünden. Er müsste vermutlich reinkarniert werden. Wie der Dalai Lama. müh

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