Der Tag, an dem … : … die Fraktur glatt wird

Fraktur, allein das Wort, wie hart das klingt. Mal redet man Fraktur, mal macht das Bein krcks, und dann sagt der Arzt, „klare Sache, Fraktur!“ Schön ist das nicht, Fraktur, oder? „Wie dunkler Tannen würziger Harzduft, wie wenn die Amsel weithin durch den Abend ruft, wie des Wiesengrases leichtschwankende Zierlichkeit“ – das alles ist Fraktur, meinte der Kalligraf Robert Koch, „die herrlichste, deutscheste Schrift“. Die Fraktur als Schriftart ist eine gebrochene Schrift, mit Richtungswechseln in der Schriftführung, kein Ebenmaß, ein bisschen ruppig. Dass sie gebrochen ist, kann man auch daran ablesen, dass sie den Teutschesten der Deutschen undeutsch war und sie Martin Bormann deswegen als „Schwabacher Judenlettern“ verbot. Das spricht unbedingt für die Fraktur.

Wer dennoch darauf beharrt, dass die Fraktur eine altertümliche, deutschbeseelte und konservative Schriftart ist, und in diesem Zusammenhang darauf verweist, dass die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, vulgo: die „FAZ“, jene altehrwürdige, konservativbeseelte Zeitung, ihre Kommentare stets mit in Fraktur gesetzten Überschriften versah, dem sei entgegengehalten, was ansonsten so alles in Fraktur gesetzt wurde. Zum Beispiel „Schönste liebe mich. Deutsche Liebesgedichte aus dem Barock und dem Rokoko.“ Das ist für sich alleine ja schon eine kleine Sensation, dass die doch stocknüchterne „FAZ“, diese alte Tante, eine heimliche Liaison mit der Poesie unterhält. Es kommt aber noch besser. „Das Manifest der Kommunistischen Partei“, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels, erschienen 1848 zu London und gedruckt in: Fraktur. Schau an! Wer hätte je gedacht, dass die „FAZ“ wenigstens in Rudimenten sich kommunistischer Umtriebe verdächtig macht. Gibt’s doch gar nicht.

Gibt es vor allen Dingen nicht mehr. Heute ist der Tag, an dem die alte Dame „FAZ“ sich jung macht. Heute ist der Tag, an dem die „FAZ“ erstmals in ihrer bewegten Geschichte mit einem farbigen Foto auf dem Titelblatt erscheint. Revolution! Revolution! Und nicht genug, die Fraktur über den Kommentaren: perdu! Abgeschafft, ersetzt durch „Times“, einen Schrifttyp, der allein schon im Namen die Modernität für sich reklamiert.

Soll man das begrüßen, dass die Frankfurter Lordsiegelbewahrer des Wertekanons die Flexibilität proben und die wenigstens noch in den Überschriften angedeuteten Brüche nun meiden wie der Pfarrer das Manifest? Oder soll man es beklagen, dass kein würziger Harzduft mehr weht, keine Amsel mehr ruft, kein Wiesengras zierlich schwankt? Und wer berichtet dann darüber, wenn im Bundestag mal wieder Fraktur geredet wird?uem

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